Jubiläum

Am Israel Chai!

»Nicht nur als Jüdin werbe ich für das jüdische, demokratische Israel«: Charlotte Knobloch Foto: Steffen Leiprecht

Jubiläum

Am Israel Chai!

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch über 70 Jahre Israel, Wunder und Gefahren

von Charlotte Knobloch  17.04.2018 10:18 Uhr

Als ich Ende März den neuen deutschen Außenminister Heiko Maas nach Israel begleiten durfte, spürte ich bei ihm eine tief empfundene Betroffenheit und Aufrichtigkeit. Die viel zitierten, beteuerten besonderen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel, für die auch Bundeskanzlerin Merkel glaubhaft steht, lebten wieder auf, wurden real, mehr als eine zwanghafte Phrase politischer Räson. Man könnte sagen: gerade noch rechtzeitig zum 70. Geburtstag des Staates Israel.

Schon bei seiner Antrittsrede thematisierte Maas im Auswärtigen Amt das deutsch-israelische Verhältnis, sprach von dem »Wunder der Freundschaft«. Er legte dar, dass für ihn die deutsch-israelische Geschichte »nicht nur eine historische Verantwortung« sei, sondern »ganz persönlich eine tiefe Motivation« seines politischen Handelns: »Ich bin wegen Auschwitz in die Politik gegangen.«

Normalität
Wenig später also durfte ich erleben, dass diese Worte aus tiefstem Herzen kamen. Für uns Juden in der Diaspora – zumal in Deutschland – ist das von zentraler Bedeutung. Denn Israel ist ein Teil von uns, ein Teil der demokratischen Welt, der freien Welt, der gerechten Welt. Vor 70 Jahren wurde mit der Staatsgründung ein Wunder wahr. Sie war ein Triumph für die jüdische Gemeinschaft, die über Jahrtausende in alle Welt zerstreut war, die über Jahrtausende verfolgt, vertrieben, vernichtet worden war – und die nun einen Schutz- und Zufluchtsort hatte, der meiner Großmutter und den sechs Millionen anderen in der Schoa ermordeten jüdischen Menschen verwehrt war.

In der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel heißt es: »Es ist das natürliche Recht des jüdischen Volkes, ein Leben wie jedes andere Volk in einem eigenen souveränen Staat zu führen.« Es ist derselbe sehnliche Wunsch nach Normalität, den auch die deutsche jüdische Gemeinschaft bis heute hegt. Doch entspricht dieser Wunsch nicht der Realität. Im Gegenteil: In ganz Europa ist der Antisemitismus erstarkt. So wie Israel der einzige freiheitliche demokratische Staat ist, dessen Existenz nicht nur infrage gestellt wird, sondern andauernd bedroht ist – so sind auch wir ständig aufgefordert, uns zu verteidigen und zu rechtfertigen.

Das ist infam und inakzeptabel. Antisemitismus bedroht uns von rechts, von links, von Muslimen und ereilt uns auch aus der Mitte der Gesellschaft. Kaum ein jüdischer Schüler wurde noch nicht Opfer von antisemitischem Mobbing. In Frankreich werden Menschen ermordet, weil sie Juden sind. Tausende marschieren regelmäßig auf den Straßen, hasserfüllt grölen sie antisemitische Parolen und wünschen Juden den Tod.

palästinenser Es ist derselbe Hass, mit dem die Palästinenser zuletzt zu Tausenden die Grenzen zu Israel stürmten, mit Symbolen und Parolen der Vernichtung. Bis heute wird Israel von seinen Feinden latent und akut existenziell bedroht. Die Auslöschung des jüdischen Staates ist das erklärte Ziel des Iran, der Hisbollah, der Hamas und etlicher islamistischer Terrorgruppen sowie der mit ihnen solidarischen Regimes. Während Saudi-Arabien seine Strategie ändert, profiliert sich der türkische Präsident mit antisemitischen Äußerungen.

Immer unverfrorener, herablassender, gehässiger wird die Hetze gegen Israel. Der Jude unter den Staaten ist im Visier von Besserwissern und Gesinnungsoberlehrern. Zu deutlich wird die antisemitische Konnotation vieler Kritiker. Wann endlich erheben sich dieselben gegen den schrecklichen Kindesmissbrauch, die anhaltenden Frauen- und Menschenrechtsverletzungen der palästinensischen Organisationen gegen ihre Bevölkerung?

Nicht einen Millimeter weichen die palästinensischen Führer vom Kampf gegen Israel ab. Sie fördern den Terror, benennen Plätze und Schulen nach Mördern. In den Schulbüchern, Moscheen, Ausbildungscamps und Medien werden die Menschen von klein auf indoktriniert, zum Hass erzogen und schließlich im Kampf als menschliche Schutzschilde missbraucht. Die palästinensische Zivilbevölkerung wird trotz enormer internationaler Zahlungen künstlich arm, unzufrieden und perspektivlos gehalten. Das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) ist in Wahrheit ein Flüchtlings-Nicht-Hilfswerk.

verantwortung Dass die völlig zu Unrecht glorifizierten, in Wahrheit antisemitisch durchsetzten Vereinten Nationen (UN), deren Menschenrechtskommission gegen Israel fast so viele Resolutionen erlassen hat wie gegen sämtliche anderen Staaten zusammen, sich nicht an die Seite Israels stellen, ist klar. Aber Europa? Dass Israel auch in der Europäischen Union oft vergeblich treue Freunde und Fürsprecher sucht, ist eine Schande. Nur der jüdische Staat ist es, dessen Existenzrecht und souveränes Handeln immer wieder infrage stehen und debattiert werden.

Nur für Israel gibt es den Begriff »Israelkritik«, der nun auch Einzug in den Duden gefunden hat – als einzige Wendung dieser Art. Wie kein anderer Staat sieht sich der jüdische und demokratische Staat Israel bis in die höchsten politischen und gesellschaftlichen Ebenen mit einem Übermaß an Belehrungen, Anmaßungen, irrationalen Anschuldigungen und haltloser Agitation konfrontiert. Angesichts der besonderen gewachsenen Beziehung zwischen Deutschland und Israel und der besonderen Verantwortung Deutschlands, Antisemitismus in jeder Form zu bekämpfen, muss sich Deutschland sowohl innerhalb der UN als auch in der EU auf die Seite Israels stellen.

Die Solidarität und das Einstehen nicht nur für die Sicherheit Israels, sondern auch für Fairness und Empathie mit dem jüdischen Staat ist nicht Aufgabe der jüdischen Gemeinden in der Diaspora. Es ist Aufgabe ihrer Heimatländer. Es ist unsere Pflicht als Demokratinnen und Demokraten. Unsere Pflicht als Menschen.

Freundschaft Diese Verantwortung erwächst nicht aus der Vergangenheit. Sie erwächst aus unseren heutigen freiheitlich-demokratischen Prinzipien und Überzeugungen. Wir schulden nicht Israel diese Loyalität und Freundschaft. Wir schulden sie uns, unseren Werten, unserem Selbstverständnis als freie Welt. Nicht nur als Jüdin werbe ich für das jüdische, demokratische Israel, nicht nur als Deutsche – sondern als Demokratin, als Mensch.

In diesem Sinne feiern wir die Existenz und die Unabhängigkeit dieses kleinen, wunderbaren Landes. Wir feiern die Menschen in Israel, die mit unglaublicher Kraft und Selbstvertrauen in unvergleichlicher Weise einen einzigartig pluralistischen, innovativen, kreativen, florierenden, pulsierenden Staat aufgebaut und verteidigt haben – gegen alle Angriffe, wie sie kein anderes Land abwehren muss. Wir feiern die Wirklichkeit gewordene Vision von einem jüdischen Staat, einer Heimat. Wir feiern dieses Wunder!

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