Wahl

Abschied nach 20 Jahren

Prägte die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg über viele Jahre: Sara-Ruth Schumann Foto: Nikolai Wolff/Fotoetage

In der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg ist eine Ära zu Ende gegangen. Sara-Ruth Schumann war im November aus gesundheitlichen Gründen nach mehr als 20 Jahren von ihrem Amt als Gemeindevorsitzende zurückgetreten. Am 23. Dezember wählten die Oldenburger Juden Schumanns bisherigen Stellvertreter Jehuda Wältermann zum Vorsitzenden. Zweite Vorsitzende wurde Diliara Naguieva (39). Als Beisitzer bestimmte die Gemeinde Bodo Gideon Riethmüller und Ari Eisel. Als Schatzmeister wurde Peter Bachner bestätigt.

Um die Gemeinde leiten zu können, hatte die Mutter eines Sohnes 1992 ihren Beruf als Kulturamtsleiterin bei der Stadt Oldenburg und Galeristin aufgegeben. »Wir sind eine konservative Gemeinde mit Gleichberechtigung«, beschreibt Schumann die Ausrichtung der Gemeinde.

Dass in sehr vielen Gemeinden Frauen den Vorsitz innehaben, führt Schumann auch darauf zurück, dass sich die Anforderungen geändert haben. Integration sei ein immer wichtigeres Thema geworden, »und da bringen Frauen ein wesentliches Element mit, nämlich den Sorgekomplex. Der ist eigentlich etwas Positives, denn die Gemeindeleitung erfordert viel Sozialarbeit.«

Gleichwohl, so Schumann, sei es schade, dass viele Frauen sich auf die Position der Vorsitzenden beschränkten. »Frauen ziehen sich leicht auf die Gemeindearbeit zurück und möchten nicht mehr Verantwortung haben«, bedauert sie. Sie wünscht sich, dass mehr Frauen in den nächsthöheren Instanzen auftauchen. »Die Landesverbände müssten einfach mehr Frauen ins Direktorium delegieren.«

Ämter Sie selbst war viele Jahr stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen sowie Mitglied des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland. Schumann gehörte dem Vorstand des Koordinierungsrats der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit an und war Mitglied des NDR-Rundfunkrats.

Schumann ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und gründete nach dem Tod des letzten Landesrabbiners von Oldenburg, Leo Trepp, 2010 das nach ihm benannte jüdische Lehrhaus. »Fröhlich mitgestalten, es gibt viel zu tun«, lautete ihr Lebensmotto. Ihre Krankheit habe sie »aus heiterem Himmel getroffen«, sagte sie in einem privaten Gespräch.

Mit Schumanns Ausscheiden wurden auch im niedersächsischen Landesverband Neuwahlen notwendig. Mitte Dezember rückte Marina Jalowaia aus Bad Nenndorf für Schumann in den Vorstand. Als stellvertretender Vorsitzender wurde Michael Grünberg aus Osnabrück bestätigt. Der Hannoveraner Rechtsanwalt Michael Fürst wurde zum achten Mal im Amt bestätigt.

»Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen ist der einzige Landesverband in Deutschland, in dem jüdische Gemeinden aller Richtungen, von orthodox über traditionell-konservativ, sefardisch bis hin zu liberal Mitglied sind«, heißt es in der Presseerklärung des Verbandes.

Großen Anteil an der Vielfalt jüdischen Lebens hatte Sara-Ruth Schumann. Auf ihre Initative hin stellte der Landesverband mit der Schweizerin Bea Wyler die erste Rabbinerin nach dem Holocaust in Deutschland für die Gemeinde Oldenburg und später Delmenhorst ein. Die 1992 wiedergegründete Oldenburger Gemeinde schrieb mit Wyler und der 2010 ordinierten Alina Treiger Geschichte. Treiger war die erste Frau im Rabbineramt, die nach Regina Jonas (1935) auch in Deutschland ausgebildet wurde.

Liberales Judentum Michael Fürst dankte Schumann auf der Mitgliederversammlung des Landesverbandes Mitte Dezember »für ihr Wirken in Oldenburg und für das liberale jüdische Leben in Deutschland«. Ihr Nachfolger Jehuda Wältermann sagte der Jüdischen Allgemeinen: »Als Allererstes und mit großem Herzen wünschen wir Frau Schumann Gesundheit und Vitalität, damit sie wieder am Gemeindeleben teilnehmen kann.«

Die Gemeinde habe viel von der heute 74-Jährigen gelernt, vor allem aber, wie man jüdischen Glauben im Alltag lebt. »Das war ihr immer sehr wichtig, und das hat Sara-Ruth Schumann vorgelebt. Ihr tiefer innerer jüdischer Bezug wird auch Vermächtnis und Aufgabe für den neuen Vorstand sein«, sagte Wältermann. Der 47-jährige Softwareentwickler ist verheiratet und hat drei Kinder.

Er freue sich, dass mit der Neuwahl in Oldenburg ein Generationswechsel gelungen sei, ohne die Erfahrung des Alters zu vernachlässigen. So werde der neue Vorstand den Beirat mit Riethmüller und Eisel gern als Berater schätzen. Er werde viele Aufgaben delegieren, sagte Wältermann, der sich sozial engagiert und als Besitzer einer DFB-Trainerlizenz zwei Fußballmannschaften betreut. Daher würden Angestellte und Funktionsträger in Zukunft stärker in die Gemeindearbeit eingebunden.

Überrascht sei er von der großen positiven Resonanz auf seine Wahl. So haben die Kirchenvertreter ihm sofort Unterstützung angeboten. Auch aus anderen gesellschaftlichen und politischen Kreisen habe er Anerkennung erfahren. »Von meiner Familie habe ich volle Rückendeckung«, freut sich Wältermann, der viel Arbeit auf sich zukommen sieht.

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