Der thüringische Ministerpräsident Mario Voigt nutzt Künstliche Intelligenz. Oder sagen wir es gleich präziser: Wahrscheinlich nutzte sein Redenschreiber Künstliche Intelligenz. Und auch der ehemalige Tagesspiegel-Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff hat es getan. Teile der Gesellschaft und Medien stehen Kopf, einige Zeitungen depublizieren die betreffenden Texte. Auch die Jüdische Allgemeine hat sich zu diesem Schritt entschlossen.
Die Aufregung über das Geschehene sagt weniger über die Technologie aus, als über die Naivität ihrer Kritiker oder deren Befindlichkeit, die in der journalistischen Blase gerne noch größer ist als im Rest des Publikums. Plötzlich wird beklagt, dass Politiker, Personen des öffentlichen Lebens und sogar Journalisten ihre Texte nicht mehr selbst schreiben. Dabei beruhte öffentliche Kommunikation schon immer auf Zusammenarbeit und intellektuellem Austausch.
Die Fragen, die diskutiert werden, lautet: Darf man politische Reden, Gastbeiträge oder journalistische Texte mit Hilfe von KI oder gar gänzlich von einer KI schreiben lassen? Und wie sollen Redaktionen mit Texten umgehen, bei denen KI zum Einsatz gekommen ist? Der Subtext darunter ist nicht selten natürlich auchder Neid darüber, ob sich hier nicht jemand mit fremden Federn schmückt oder auf Kosten anderer profiliert.
Die eigentliche Frage sollte aber vielmehr lauten, warum wir plötzlich so tun, als seien öffentliche Texte früher ausschließlich das Werk ihrer namentlich genannten Autoren gewesen? Woher kamen denn immer all die Argumente, Ideen und Formulierungen, die wir über Jahrzehnte gelesen haben? Warum störte sich niemand am gewohnten Procedere? Denn wer tatsächlich glaubt, politische Reden, Gastbeiträge und programmatische Texte seien bislang ausschließlich im Alleingang entstanden, sollte sich einem Realitätscheck unterziehen. Seit Jahrzehnten werden sie von Referenten, Redenschreibern und Kommunikationsberatern formuliert und vorgelegt. In der Regel erfährt niemand im Einzelfall, welche Gedanken vom Politiker selbst stammen, welche von Mitarbeitern entwickelt und welche von Beratern oder Mentoren vorgeschlagen wurden.
Und auch die meisten Journalisten sind keine Alleinkämpfer: Essays, Analysen und Kommentare waren schon immer auch Gemeinschaftsleistungen. Ideen entstehen in Gesprächen, Argumente werden von Kollegen abgeklopft. Gute Gedanken wandern von einer Konferenz in einen Leitartikel, aus einem Hintergrundgespräch in eine Analyse oder vom Mittagstisch in einen Kommentar. Nicht jede Anregung wird dabei als Zitat kenntlich gemacht. Nicht jeder Gedanke trägt noch die Adresse seines ursprünglichen Verfassers. Im besten wird das Ergebnis auch noch umfänglich redigiert. So entstehen seit jeher die besseren Texte, bessere Argumente und bessere Debatten. Die Öffentlichkeit wusste das entweder nicht oder es war ihr schlicht egal, und wer mit dem Procedere vertraut war, zog seinen Hut vor dem unbekannten Urhebern im Hintergrund. Entscheidend war am Ende nicht, wer einen Text formulierte, sondern wer ihn nach außen vertrat und vor allem, für welche Themen und welche Argumente sich derjenige entschied.
Von erfolgreichen Politikern muss man sogar erwarten, dass sie sich die besten Köpfe suchen. Ein guter Kanzler sollte gute Berater haben. Ein guter Minister gute Referenten. Ein guter Spitzenkandidat gute Redenschreiber.
Darin liegt ein Teil der Professionalität im öffentlichen Geschäft. Niemand wäre auf die Idee gekommen zu behaupten, eine Rede verliere an Wert, weil eine kluge Formulierung ursprünglich von einem Mitarbeiter stammte. Warum sollte das bei KI plötzlich anders sein?
Natürlich gibt es Unterschiede zwischen einem menschlichen Redenschreiber und einer Maschine – zumindest derzeit noch. Für die Frage der Verantwortung sind diese Unterschiede jedoch zweitrangig. Auch der beste Redenschreiber entbindet den Politiker nicht von seiner Verantwortung. Auch der schlechteste Ghostwriter kann einen Minister nicht von den Folgen seiner Aussagen befreien. Dasselbe gilt für KI. Wer KI nutzt, übernimmt weiterhin die Verantwortung für das Ergebnis.
Fakten müssen geprüft, Quellen kontrolliert, Argumente bewertet, Fehler korrigiert, im Idealfall Ton und Duktus des Textes verfeinert werden. Auch deshalb geht die aktuelle Debatte am Kern vorbei. Denn werden Zitate erfunden oder Behauptungen ungeprüft übernommen – wie offenbar im Fall Voigt –, dann liegt tatsächlich ein Grund zur Empörung vor. Denn entscheidend ist, wer die Gedanken verantwortet und für ihre Wahrhaftigkeit einsteht.
Bleibt die Frage: Zwingt uns die Technologie dazu, die Autorenschaft neu zu diskutieren? Was bedeutetüberhaupt »selbst schreiben«? Wenn ein Politiker seine Gedanken früher diktierte und ein Mitarbeiter daraus einen Gastbeitrag machte – war das sein Text? Wenn ein Vorstand seine Argumente in Stichpunkten formulierte und ein Ghostwriter daraus eine Rede erstellte – ist das seine Rede? Bislang war all das kein Grund zum Aufruhr. Wenn also ein Autor heute seine Gedanken in ein KI-System eingibt, diese strukturieren, verdichten und formulieren lässt und anschließend jede Zeile prüft, korrigiert, verantwortet und für richtig hält – warum soll das plötzlich etwas grundlegend anderes sein?
Die Öffentlichkeit hat selten die Entstehungsgeschichte eines Textes bewertet. Sie hat den Text selbst bewertet. Ob die Argumente überzeugend waren. Ob Forderungen plausibel erschienen. Ob Gedanken originell waren. Genau darin liegt die eigentliche Leistung: die Fähigkeit, gute Argumente zu erkennen, Unsinn von Substanz zu unterscheiden, Beobachtungen zu machen, Ereignisse zu analysieren und diese zu bewerten. Mathias Döpfner brachte diese Diskussion jüngst auf einen einfachen Nenner: »Die Verantwortung hat immer der Mensch.« Oder wie es Helmut Kohl formulierte: »Entscheidend ist, was hinten rauskommt.«
Bemerkenswert ist daher, dass sich die Empörung ganz besonders auf Redaktionen erstreckt. Gastbeiträge werden zurückgezogen, Veröffentlichungen infrage gestellt und die Zuhilfenahme neuer technologischer Werkzeuge grundsätzlich infrage gestellt. Denkt man diese Haltung konsequent zu Ende, führt sie zu einem erstaunlichen Ergebnis. Wenn die Mitwirkung einer KI einen Text disqualifiziert, warum sollte dann nicht dasselbe für jeden Text gelten, der von einem Redenschreiber, Referenten oder Mitarbeiter verfasst wurde? Warum sollte ein Gastbeitrag zurückgezogen werden, weil eine Maschine bei seiner Formulierung oder dem Argumentationsstrang geholfen hat, nicht aber dann, wenn ein Text von einem menschlichen Ghostwriter stammt, oder die Argumente und besten Pointen gar nicht vom Absender, sondern von seinen Zuflüsterern stammen?
Man kann in Anbetracht dessen nur zu dem Schluss kommen: Ein erheblicher Teil der herrschenden Empörung beruht auf bemerkenswerter Naivität, Innovationsfeindlichkeit oder auf der Weigerung, die Realität zur Kenntnis zu nehmen. Vielleicht hilft an dieser Stelle ein Blick in die jüdische Geistesgeschichte. Es soll der jüdische Philosoph und Rechtsgelehrte Maimonides gewesen sein, der dazu ermahnte: »Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde.« Die Wahrheit eines Arguments hängt nicht von seinem Urheber ab. Ein gutes Argument wird nicht besser, weil es von einer Autorität stammt, und nicht schlechter, weil es von einer unerwarteten Quelle kommt. Das ist nicht unbedingt typisch jüdisch, aber rational.
Vor diesem Hintergrund wirkt die KI-Debatte absurd. Wir diskutieren, als bestimme die Herkunft eines Gedankens bereits seinen Wert. Die eigentliche Frage lautet jedoch, ob ein Gedanke klug ist, ob er überzeugt, ob er einer kritischen Prüfung standhält oder ob er so brillant ist, dass man selbst nicht darauf gekommen wäre. Mit anderen Worten: Die Qualität des Diskurses ist wichtiger als die Entstehungsgeschichte eines Textes.
Die entscheidenden Kriterien bleiben schlicht die alten: Stimmen die Fakten? Überzeugen die Argumente? Ist der Gedankengang schlüssig? Und im besten Fall auch noch: Überrascht der Text den Leser mit neuen Erkenntnissen, Inspirationen, Witz und Esprit? Besitzt er obendrein sprachliche Brillanz, Tiefe und Überzeugungskraft? Und letztlich: Hat der Text den unverkennbaren Sound des Verfassers oder die platte Melodie eines Algorithmus?
Daran hat sich nie etwas geändert – in der Politik und auch im Journalismus. So war es ohne die Künstlichen Intelligenz und so wird es auch mit ihr bleiben.
Leeor Engländer arbeitete von 2010 bis 2018 in verschiedenen Funktionen für »Die Welt« und Axel Springer. Zu seinen Schwerpunkten gehörte die Digitalisierung von Redaktionsabläufen und der Ausbau digitaler journalistischer Angebote. Selbstverständlich wurde auch bei der Erstellung dieses Textes Künstliche Intelligenz zu Hilfe genommen.