Bad Sobernheim

Zwei Wochen ohne Raketen

Singen, lachen und entspannen: die Kinder während ihrer Freizeit im Max-Willner-Heim Foto: Bernhard Spiegelman

Diese 21 Kinder aus Sderot sind schon ihr Leben lang Raketenangriffen ausgesetzt», sagt Benjamin Barth (26). Der angehende Mediziner aus Düsseldorf ist ehrenamtlicher Kopf des Betreuerteams, das in den vergangenen 14 Tagen im Max-Willner-Heim rund 70 Kindern die Sommerfreizeit unter dem Motto «Machane Chason 2013» («Ferienlager der Vision 2013») ermöglicht hat.

50 kleine Sommergäste kamen aus hiesigen Gemeinden in die Freizeit- und Bildungsstätte der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST) in der rheinland-pfälzischen Kleinstadt Bad Sobernheim. 21 Kinder aber reisten aus Sderot an – jener Stadt im Süden Israels, die immer wieder unter Beschuss von Hamas-Extremisten aus dem Gazastreifen steht.

Ausflüge Die Bilanz der Freizeit fällt durchweg positiv aus. «Im Laufe dieser 14 Tage blühen die Kinder auf, und man merkt, dass ihr Wesen fröhlicher wird», sagt Ebi Lehrer, Vorstandsvorsitzender der ZWST. Für die Kleinen sei es eine Möglichkeit, «mal herauszukommen». Medizinstudent Barth betont: «Wir wollen ihnen nicht das Gefühl geben: ›Wir holen euch arme Raketenkinder da jetzt mal raus‹». Es gehe darum, Spaß am Leben zu haben, zu spielen, Sport zu treiben, zu wandern und Ausflüge zu unternehmen.

Vor allem aber: Die Chance zu bekommen, jüdische Kinder aus einem anderen Land, aus der deutschen Diaspora kennenzulernen und dabei Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zu entdecken. Allein das Erlebnis, dass manche deutsche Jungs auf die Kippa verzichteten, sei für einige israelische Kinder schon etwas Besonderes gewesen, sagt Barth. Doch trotz aller Erholung: Die Angst vor den Kassam-Raketen und ihren unberechenbaren Folgen ist den 21 Minderjährigen aus Sderot in Mark und Bein übergegangen, hat Barth beobachtet. Ein lauter Türknall, schepperndes Geschirr, heulende Feuerwehrsirenen, die aus dem Kurstädtchen auf den Hügel des Max-Willner-Heims hoch dringen – und schon zuckten manche panisch zusammen.

«Ich glaube aber trotzdem, dass sie im Alltag sehr stabil sind», urteilt Barth. Er habe die Acht- bis 13-Jährigen zudem als ungewöhnlich erwachsen kennengelernt. Wesentlich reifer und ernsthafter als ihre deutschen Feriengenossen. Er bewundere, dass sie so gar nicht wehleidig klängen: Opferhaltung? Keine Spur! Und noch eines ist dem Ferienzeit-Leiter aufgefallen: Wie eng die Bande zwischen den Eltern zu Hause in Israel und den Kindern im fernen Deutschland seien. Viele Mamas und Papas wollten täglich unterrichtet werden, wie es dem Kind geht, wo es gewesen ist, was es erlebt hat. Dabei halfen Internet und Handy – letzteres allerdings sündhaft teuer, wenn Israel angewählt wird.

Sicherheit Vier Betreuer begleiteten die Kinder aus Sderot nach Bad Sobernheim: Der Koch Schlomo Awni, die Krankenschwester Marina Potanin, die Erzieherin Batschewa Waknin und Zehava Refaeli vom Sozialamt der Stadt Sderot. Auch für sie bedeutete der Arbeitsurlaub in Deutschland ein Gefühl der Sicherheit und geradezu Sorglosigkeit. Ein Luxus, den sich freilich niemand vorstellen kann, der niemals in Sderot gelebt hat.

«Die Kinder können hier endlich mal entspannt ins Bett gehen und sich hier frei bewegen, ohne den ständigen Gedanken, wo die nächste Schutzstelle ist, um dort in Deckung zu gehen», so Erzieherin Waknin. Und Zehava Refaeli berichtet von traumatisierten Kindern in Sderot, die wegen der ständigen Angst um Leib und Leben die unterschiedlichsten seelischen Krankheiten entwickelten. Warum bleiben die Menschen dann in dieser Stadt wohnen? Refaelis Antwort ist eine Liebeserklärung an Sderot: «Dort leben wir. Dort gehören wir hin. Die Stadt liegt in einer schönen Landschaft, es ist eine Stadt der Musiker.»

Solidarität Sie sei fast ausgeflippt vor Freude, als sie die Zusage von der Teilnahme erhielt, sagt Gili (12), die sich auf Anhieb gut mit den deutschen Kindern verstand – und auch etwas Deutsch gelernt hat. «Das war eine einmalige Chance. Ich glaube nicht, dass ich nochmal hierherkomme», erklärt sie mit der Melancholie des Abschieds. Der zwölfjährige Ori berichtet: «Ich habe noch nie so gut geschlafen in meinem Leben».

Altersgenossen Und wie empfanden die deutschen Ferienkinder ihre israelischen Miturlauber? «Sie haben mehr Ausflüge gemacht als wir», stellt die Kölnerin Sarah (12) fest, während Maria (8) aus Mönchengladbach Neid darauf äußert, dass die Israelis so gut Englisch sprächen. Doch es ist auch zu spüren, dass den deutschen Kindern bewusst wurde, unter welch schwierigen Bedingungen ihre israelischen Altersgenossen den Alltag meisten. Sandra (8) bekommt Angst bei der Vorstellung, in einer Stadt zu leben, in der bis zu 40-mal am Tag Raketenalarm herrscht. «Diese israelischen Kinder haben es schwerer als wir», bringt es Maria auf den Punkt.

Dass ihre Kinder diesem Alltag nun für kurze Zeit entfliehen konnten, machte ihre Eltern mehr als glücklich. In einem Dankesbrief an die Organisatoren, die Spender, die Leitung und die Madrichim schrieben sie: «Mit ihrer großzügigen Spende gewährten Sie den Kindern zwei unbeschwerte Wochen mit unvergesslichen Erlebnissen.» Und natürlich erfolgte eine Gegeneinladung: «Wir würden uns freuen, Sie bei uns in Sderot als unsere Gäste aufzunehmen!»

Zur Finanzierung des «Machane Chason 2013» sagte Ebi Lehrer: «Der Zentralrat der Juden hat dank des schnellen Engagements des Präsidenten Dieter Graumann die Flugkosten für die Kinder und Jugendlichen übernommen. Ein kleiner Anteil bleibt der ZWST.» Eine beträchtliche Summe kam auch vom Deutschen Hilfswerk für die Förderung sozialer Maßnahmen der ARD-Fernsehlotterie.

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