Paderborn

»Zeigen, dass es uns gibt«

Tanja Rubens gab in der Synagoge Einblicke in den jüdischen Glauben. Foto: Ingo Kalischek

Traurig sei sie nicht, betont Tanja Rubens. Doch die »besorgniserregenden Anlässe« machten sie zumindest nachdenklich: Die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Paderborn blickt auf eine schwindende Zahl an Mitgliedern. Auch das Interesse der Bevölkerung an ihren jüdischen Mitbürgern ist nicht allzu groß, wie sich beim 55-jährigen Jubiläum des Gemeindehauses der Kultusgemeinde zeigte: Nur wenige Besucher fanden den Weg in das Gemeindezentrum an der Pipinstraße.

Aktuell 55 Personen umfasst die Mitgliederliste der Jüdischen Kultusgemeinde. Der Großteil komme aus dem Kreis Paderborn; einige wenige Mitglieder wohnen im Kreis Soest. Die Anzahl der Juden im Kreis Höxter habe sich hingegen in den vergangenen Jahren stark reduziert. Momentan stamme kein einziges Mitglied mehr aus diesem Kreis. »Das zunehmende Alter und Umzüge spielen hierbei eine Rolle«, vermutet Shmuel Rubens, der Ehemann der Vorsitzenden, und ergänzt: »Uns geht es ähnlich wie den anderen Religionen.

Synagoge Die älteren Mitglieder werden immer weniger, und es kommen nur sehr wenige junge Menschen nach. Die Jugendlichen surfen doch lieber im Internet, anstatt in die Kirche oder Synagoge zu gehen«, meint Shmuel Rubens. Im Schnitt würden zehn Mitglieder regelmäßig die Gottesdienste an jedem zweiten Freitag besuchen.

Und dennoch verliert das Ehepaar nicht die Hoffnung. Die Freude über die Besucher, die sich zum Jubiläum im Gemeindezentrum umschauten, war sichtlich groß. Sie wurden mit heißem Tee, Kaffee sowie Leckereien von ihren Gastgebern bewirtet. Viel wichtiger noch: Es gab ausreichend Zeit für intensive Gespräche.

Im Gemeinschaftsraum saßen die Menschen verschiedenster Religionszugehörigkeiten zusammen und tauschten sich aus. »Schade, dass so wenig Leute da sind. Es ist doch so schön hier«, meinte eine Besucherin, und ein anderer Gast ergänzte: »So etwas müssten wir viel öfter machen.« Besucherin Christine Steuernagel schaute im Gemeindezentrum vorbei, um Hintergrundwissen für ein Kunstprojekt zu sammeln: »Ich musste unbedingt hierhin und habe lange auf diese Möglichkeit gewartet. Jetzt, wo ich da bin, bedauere ich, dass ich es nicht schon viel früher geschafft habe.«

Osten Mittelpunkt der Feierlichkeiten zum 55-jährigen Jubiläum bildete eine öffentliche Führung. Tanja Rubens gab in der Synagoge Einblicke in den jüdischen Glauben. »Bis heute gibt es einige Bedingungen, wie eine Synagoge aufgebaut sein muss«, erklärte die Vorsitzende. Der Blick in Richtung Osten, das ewige Licht an der Ostwand und ein fester Platz für die Torarolle seien unverzichtbar. Die Torarolle im Gemeindehaus in Paderborn war übrigens ein Geschenk, das sein Weg nach dem Krieg in die Gemeinde fand.

Vorgeschrieben sei auch ein gesonderter Platz für die Frauen. Um Missverständnisse vorzubeugen, beeilte sich Rubens, hinzuzufügen: »Die Frauen haben im Judentum eine hohe Stellung.« Auf Bilder an den Wänden werde hingegen verzichtet. Schließlich sei der Kontakt mit Gott von geistiger und nicht von physischer Natur, erläuterte Rubens.

Die Paderborner Synagoge wurde am 29. November 1959 eröffnet – 14 Jahre nach dem Ende des Holocaust. Zuvor gab es in der Domstadt eine weitere Synagoge, die am 10. November 1938 niedergebrannt wurde. Der Straßenname »Alte Synagoge« erinnert noch heute an das ehemalige Gebäude.

FAmilie Seine Augen leuchten, als Shmuel Rubens vom Jahr 1932 berichtet. Damals umfasste die Gemeinde 350 Personen mit rund 80 Familien allein aus Paderborn. »Es herrschte ein wunderbares, reges jüdisches Leben in der Stadt, und zugleich waren die Juden sehr treue deutsche Bürger.«

Wird Shmuel Rubens hingegen auf die heutige Mitgliederzahl angesprochen, dann nimmt er kein Blatt vor den Mund: »Wir haben nur sehr wenige jüdische Leute hier. Ich weiß nicht, ob sich das noch mal ändern wird.« Durch einen Tag der offenen Tür – jährlich im April – versuche die jüdische Gemeinde in Paderborn, Aufmerksamkeit zu erzeugen. »Wir wollen zeigen, dass wir da sind und dass es uns noch gibt«, erklärt Tanja Rubens. Viel Musik und ein Mittagsgottesdienst gehören traditionell an diesem Tag dazu. Zum Jubiläum in diesem Jahr habe sich die Gemeinde jedoch bewusst für ein kleineres Programm entschieden.

Erfreut sind die Paderborner Juden über das Interesse einiger junger Menschen: In unregelmäßigen Abständen führen die Gemeindemitglieder Schulklassen sowie Firm- oder Kommuniongruppen durch das Gemeindezentrum. Tanja Rubens strahlt, während sie davon berichtet: »Es ist sehr schön, mit den Kindern zusammen zu sitzen, mit ihnen zu reden und zu singen.«

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