Mittelfranken

Zahlen, Fakten, Menschen

Von 45 jüdischen Gemeinden, die es 1930 in Mittelfranken gab, existieren mit Erlangen, Fürth und Nürnberg heute noch drei. Diese erschreckenden Hinweis liefert eine schlichte Karte in der Klappe zu der Dokumentation: Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern Band II. Das DIN A 4 große und mehrere Kilogramm schwere Buch ist zum Nachlesen und Nachschlagen geeignet. Wohl niemand, der nicht Historiker oder professionell mit solchen Dokumentationen zu tun hat, wird diese 814 Seiten von A bis Z durchlesen. Durchblättern und sich immer mal wieder festlesen, das wird wohl eher den Umgang des Laien mit diesem Buch prägen.

Kurioses Akribisch aufbereitet sind die Geschichten um die Gemeinden von Adelsdorf bis Zirndorf. In kurzen Abschnitten werden etwa der Fortschritt ihrer Synagogenbauten, Aufrisszeichnungen von Betraum bis Begräbnishalle, Geschichten um Menschen und Firmen beschrieben. Kurioses wie die Kinder in Bad Windsheim zu Purim 1928, die sich in bayerischer Traditionstracht und Seppelhosen präsentieren, oder die ehrwürdigen Herren, abgelichtet mit Hut, Stock und Hund, die stolz vor ihren Eigenheimen oder Firmengrundstück posieren. Die Straßenansichten neueren Datums können nur noch darauf verweisen, dass hier mal eine Synagoge gestanden hat. Zu viel ist verloren gegangen, verschwunden, vernichtet.

Nach dem 2007 erschienenen ersten Band liegt seit März dieser zweite Band vor, der das Land Bayern um den bedeutenden Teil Mittelfranken ergänzt. 2003 initiierten Barbara Eberhardt und Angela Hager das Projekt »Synagogen-Gedenkband Bayern« und begleiten es seitdem. Sie haben sich eine fast unbezwingbare Aufgabe gestellt. Um das Gedenken wachzuhalten, wollen sie die Synagogen, die es um 1930 in Bayern gab, möglichst vollständig und lückenlos dokumentieren. Daneben berichten sie und Mitarbeiter über Einrichtungen der jüdischen Gemeinden und über deren Geschichte.

abschluss Herausgeber der Reihe sind Berndt Hamm vom Lehrstuhl für Neuere Kirchengeschichte, Wolfgang Kraus und Meier Schwarz von der Nürnberger Universität. Ein dritter Band, der in Vorbereitung ist, wird sich mit den Gemeinden in Unterfranken beschäftigen.

Insgesamt gab es 1930 in Bayern mehr als 250 Synagogen, von der einfachen Landsynagoge bis hin zu architektonischen Meisterbauten in den Städten. Die meisten von ihnen wurden während des Nationalsozialismus zerstört. Vernichtet wurden nicht nur Bauwerke, Kunst und Kultgegenstände. Menschen wurden gepeinigt, verfolgt und ermordet. Ihnen trägt der Titel dieser monumentalen Trilogie Rechnung: Mehr als Steine … So sind auf dem Titelbild zwölf Männer und drei Jugendliche zu sehen. Sie saßen in den 30er-Jahren im mittelfränkischen Erlangen in der Synagoge und blickten in die Kamera. Einer von ihnen war Max Fleischmann. Er schrieb 2007 den Mitarbeitern des Projekts: »Ich halte es für meine Verantwortung, für alle diese Männer und Jugendlichen zu sprechen. Keiner auf diesem Bild konnte sich denken, wie er stirbt. Ich möchte nochmals sagen: Sie waren mehr als Steine.«

Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meir Schwarz (Hrsg.): »Mehr als Steine ...«, Synagogen-Gedenkbuch Bayern, Band II, Kunstverlag Fink 2010, 812 S., 49 €

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