Uni

Wunsch nach Gemeinschaft

Wenn die eigenen Eltern selbst keine höhere Bildung genossen haben, die Kinder aber eine Universität besuchen, können Probleme entstehen. Welche Bedürfnisse haben diese Studierenden? Wie kann man sie auf ihrem Bildungsweg unterstützen – und wie kann man das Bewusstsein der Bildungsträger zu diesem Themenkomplex schärfen? Diesen und vielen weiteren Fragen ging in der vergangenen Woche der erstmals veranstaltete Workshop »Jüdische Erstakademiker*innen« des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES) in Berlin nach, das es sich zur Aufgabe gesetzt hat, begabte jüdische Studierende zu fördern.

»Meine Mutter ist Schneiderin, mein Vater ehemaliger US-Soldat in Bamberg«, sagt Rebecca Rose Mitzner, derzeit ELES-Promotionsstipendiatin im Fachbereich Philosophie, die den Workshop zusammen mit Franziska Löffler von der Initiative ArbeiterKind.de anregte und ausrichtete. Mitzner war selbst schon im Grundstudium bei ArbeiterKind.de aktiv und erhielt ein ELES-Stipendium. Auch unter den vom Studienwerk neu geförderten jüdischen Studierenden befinden sich 25 Prozent Erstakademiker, »Tendenz steigend«, sagt Mitzner.

»Meine Mutter ist Schneiderin, mein Vater ehemaliger US-Soldat in Bamberg«, sagt Rebecca Rose Mitzner.

Sie kennt die Problemlage. »Da gibt es Bildungs- und Erfahrungsdefizite, häufig fehlen finanzielle Mittel, es gibt kaum Beratungsangebote oder Netzwerke.« Man fühle sich oft missverstanden, sowohl in der Familie als auch nicht zugehörig zur akademischen Welt. »Bei meinen Eltern waren viele Bemühungen da und der Wunsch, den Kindern mehr Bildung zu vermitteln, als sie selbst hatten«, berichtet Mitzner. Zugleich bestünden seitens der Eltern oft bestimmte Glaubenssätze und ein »gewisses Misstrauen«: Du kannst diesen Beruf nicht ergreifen, weil wir keine Beziehungen haben.

Die Studentin hatte zwei bis drei Nebenjobs, man kann sich nie entspannen

Unter den neun Teilnehmern befand sich auch die Promotionsstipendiatin Julia, die gern anonym bleiben möchte. Ihre Eltern arbeiten in der Alten- und Krankenpflege. »Es ist ein Kampf, als Erst­akademikerin unterwegs zu sein, vom Habitus bis zu den Finanzen, und es dauert lange, bis man sich nicht mehr wie ein Hochstapler fühlt«, sagt sie. »Dinge gelingen einem, aber es kam mir oft vor wie: noch einmal Glück gehabt! Ich hatte zwei bis drei Nebenjobs, man kann sich nie entspannen, es ist immer wie auf Probe.«

Anders als Kommilitonen, deren Eltern einen entsprechenden Background hatten. Allein mit Menschen eines ähnlichen Hintergrunds ins Gespräch zu kommen, habe ihr geholfen. Und schon bei der Aufnahme in das Stipendiatenprogramm sei ihre Herkunft berücksichtigt worden, »da gibt es eine Aufmerksamkeit«.

Aus persönlicher Erfahrung heraus kennt Rebecca Mitzner auch »die strukturelle Diskriminierung an den Bildungsbehörden«. Der Mehrzahl der Professorinnen und Professoren fehle der Bezug zur »anderen Lebenswelt« – und die Sensibilität für »spezifisch jüdische Herausforderungen«. »Das hat etwas mit Klassismus, Philo- und Antisemitismus zu tun. Häufig erfahren wir ein idealisiertes Stereotyp der jüdischen Bildungselite. Das kann ein gut gemeintes, aber schlecht gemachtes Kompliment sein, das schon an Antisemitismus heranreicht: Ist es besonders jüdisch, besonders gebildet zu sein?«

Viele jüdische Familien haben einen Migrationshintergrund

Die Realität sieht oft anders aus. Viele jüdische Familien haben einen Migrationshintergrund oder sind »Teil der postmigrantischen Gesellschaft«: »Nicht alle gehören zu einer Bildungselite. Da stellen sich auch soziale Fragen.« Die Studierenden kennen zudem das Problem des »Internalisierten Antisemitismus«: »Man beginnt zu versuchen, den Vorurteilen anderer zu entsprechen.« Auch darüber müsse aufgeklärt werden.

ELES bietet nun einen Raum für Empowerment für viele jüdische Identitäten. »Wir versuchen, als Arbeitsgruppe eine kritische und kooperative Bildungsarbeit zu leisten und die Gesellschaft aufzuklären. Und wir helfen den Stipendiaten, ihre eigene Situation zu verbessern, über Netzwerkarbeit, Workshops, Vorträge und Aufklärung zu jüdischen Bildungsorganisationen.«

»Es dauert lange, bis man sich nicht mehr wie ein Hochstapler fühlt.«

Stipendiatin Julia

Die ELES-Stipendiatin Junna Baytman aus Gelsenkirchen studiert Wirtschaftspsychologe in Wien. Sie schrieb anhand von Interviews ihre Bachelor-Arbeit zum Thema »Chancen und Hindernis von jüdischen Erstakademikern« – gestützt auf die »Kapitaltheorie« des Soziologen Pierre Bourdieu. Demnach sei in der höheren Bildung nicht nur das ökonomische Kapital wichtig, sondern auch ein kulturelles (Eltern), soziales (Netzwerk) sowie symbolisches (Anerkennung).

»In den Interviews stellte sich heraus, dass beim ökonomischen und kulturellen Kapital alle Schwierigkeiten hatten. Und sozial fanden die meisten zwar schnell Freunde, aber nach dem 7. Oktober 2023 fühlten sich viele unsicher, allein, isoliert. Gleichzeitig entstand ein starker Wunsch nach jüdischer Gemeinschaft.« Auch sie selbst habe durch ELES viel Hilfe erfahren. Für die Studierenden ist Mitzner daher stets ansprechbar, und sie werde ihr »Herzensprojekt« ehrenamtlich weiterbetreiben. »Wir möchten anbieten, die ideelle Förderung von ELES zu erweitern, etwa zusätzliche Mentoring-Programme entwickeln und Infomaterial bereitstellen.«

Julia beginnt nun ihre Doktorarbeit. Sie begrüßt die ELES-Initiative, »sich zu vernetzen und aktiv zu werden. Das ist sehr hilfreich und gibt uns einen Rückhalt, der vielleicht von zu Hause oder im akademischen Bereich fehlt«.

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