Hamburg

Worte gegen das Vergessen

Gedenken an die Bücherverbrennung Foto: Moritz Piehler

Im Schutz der Blutbuchen hatten sich zahlreiche Menschen versammelt, obwohl es über dem Hamburger Kaiser-Friedrich-Ufer Bindfäden regnete. Die Initiative »Bücherverbrennung – nie wieder!« hatte am 10. Mai zum Gedenktag der Bücherverbrennung eingeladen. Mit einer Marathonlesung erinnern an diesem Jahrestag Prominente und Bürger der Vernichtung von Büchern durch die Nazis. Von 11 bis 19 Uhr wurden auch in diesem Jahr wieder verschiedene Texte und Auszüge an der Gedenkstätte vorgelesen.

Ver.di-Landeschef Wolfgang Rose erinnerte an das Verbrechen in Hamburg, das an eben diesem Ort, der heute auf Betreiben der Initiative zu einem Gedenkplatz gestaltet wurde, am 15. Mai 1933 stattfand. Er fand klare Worte zu der Bedeutung dieser Erinnerung: »Damit aus Gedenktagen Alltage werden«, sei es wichtig, aus den Geschehnissen der Vergangenheit Schlussfolgerungen für die Gegenwart zu ziehen.

»Engagement für Schwächere, Solidarität und Mut kommen nicht von alleine«, wandte er sich vor allem an die anwesenden Schüler des benachbarten Gymnasiums Kaiser-Friedrich-Ufer. Als Beispiele nannte er auch direkt die in Hamburg diskutierte Errichtung eines Denkmals für Wehrmachts-Deserteure und, wie viele der anderen Lesenden auch, den Protest gegen den geplanten Naziaufmarsch am 2. Juni in der Hansestadt.

Liebe zum Buch Die Bischhöfin für den Sprengel Hamburg und Lübeck der Nordelbischen Kirche, Kirsten Fehrs, las aus Elias Canettis Die Blendung. Sie habe es ausgewählt, weil es ein »berührendes Buch über die Liebe zu Büchern« sei. »Zu diesem Anlass passt es, weil ich denke, dass Canetti die Bücherverbrennungen in diesem Werk verarbeitet hat und weil die gebrochenen Figuren darin ein sehr reales Bild abgeben«, sagte Fehrs.

Auch Zeitzeugen wie die Hamburgerin Steffi Wittenberg, einst ins Exil nach Uruguay geflüchtet, und die Auschwitz-Überlende Esther Bejarano, die bereits bei der ersten Gedenklesung im September 1985 dabei war, trugen Texte vor.

Im nächsten Jahr, zum 80. Jahrestag, sollen Schulen die Lesung bestreiten, wünscht sich Helga Obens von der Initiative, außerdem ist ein Marsch durch die Stadt geplant, mit verschiedenen Lesestationen. Nachdem die frühere Variante der Zwölf-Stunden-Lesung angesichts des launenhaften Hamburger Wetters ad acta gelegt wurde, gibt es als Abendprogramm seit sechs Jahren eine Kooperation mit der Kleinkunstbühne »Polittbüro«, das auch in diesem Jahr am 21. Mai die Uraufführung einer szenischen Lesung von Adriana Altaras Titos Brille mit Nina Petri und Gustav Peter Wöhler veranstalten wird.

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