Bayern

»Wir wollen in Kontakt bleiben«

Alexandra Poljak packt mit an. Foto: privat

Bayern

»Wir wollen in Kontakt bleiben«

Der Jüdische Studentenverband hilft den Älteren in der Corona-Krise – und es entstehen Freundschaften

von Jérôme Lombard  26.03.2020 09:59 Uhr

»In der aktuellen Corona-Pandemie ist es ganz wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen«, sagt Alexandra Poljak energisch. Die Grundschulreferendarin aus München will gemeinsam mit ihren Kommilitonen vom Verband Jüdischer Studenten in Bayern (VJSB) ihren Beitrag in der Krise leisten und älteren und kranken Menschen Hilfe anbieten.

Die Jungen wollen für die Angehörigen der Risikogruppe, die sich aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr möglichst nicht aus ihren eigenen vier Wänden begeben sollen, einkaufen gehen oder den Hund Gassi führen.

Hamsterkäufe »In Zeiten von Hamsterkäufen und Desinfektionsdrang kann schnell der Eindruck entstehen, dass es keine Solidarität mehr in der Gesellschaft gebe«, sagt Poljak. »Als jüdische Studenten wollen wir das Miteinander und die Gemeinschaft stärken.« Um Bedürftigen die Hilfe gezielt vermitteln zu können, haben die Studenten auf der Internetseite ihres Verbands das Portal »VJSB Cares« eingerichtet.

Freiwillige, die bei dem Projekt mitmachen wollen, können sich über die Seite des Verbandes im Netz anmelden.

»Alle Freiwilligen, die bei dem Projekt mitmachen wollen, können sich über die Seite unseres Verbandes im Netz anmelden«, sagt Poljak. »Wir vermitteln sie dann weiter an Hilfsbedürftige aus Gemeinden in ganz Bayern.« Es gehe darum, so schnell und unbürokratisch wie möglich Hilfe für die am meisten von der Corona-Krise betroffenen Gemeindemitglieder zu leisten, sagt die 24-Jährige. Die jüngere Generation könne das Ansteckungsrisiko besser tragen.

Die Daten, in welchen Städten und Landkreisen Menschen Unterstützung benötigen, werden den Studenten von der Sozialabteilung des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern weitergeleitet. Auch Freiwillige außerhalb des Einzugsgebiets des Verbands kommen auf dem Portal des VJSB weiter. Der Verband kann die Kontaktdaten an kooperierende jüdische Organisationen weitergeben.

Hilfsportal Seit das Hilfsportal vor rund einer Woche an den Start gegangen ist, haben sich bereits 40 freiwillige Helfer angemeldet. Sieben Hilfsanfragen konnten vermittelt werden.

Dass es bisher noch nicht so viele Anfragen gab, sieht die Studentin auch darin begründet, dass sich viele Senioren scheuen, um Unterstützung zu bitten. Die Studenten wollen den älteren Menschen Mut machen, sich in der schwierigen Situation während der Ausgangsbeschränkungen helfen zu lassen.

»Nicht jeder kann auf ein breites soziales Netz aus Freunden und Familie an seinem Wohnort zurückgreifen, und für diese Menschen wollen wir da sein«, sagt Poljak. »Zusammenhalt ist die Antwort auf den derzeitigen Ausnahmezustand.«

Nachbarschaftshilfe Über die rein praktische Unterstützung für andere Menschen hinaus können sich bei der Nachbarschaftshilfe trotz des gebotenen Sicherheitsabstands interessante Begegnungen ergeben, wie die junge Frau aus eigener Erfahrung weiß.

Alexandra Poljak hat für ein älteres Ehepaar eine Brille abgeholt, eingekauft und war bei der Apotheke. Die Freude darüber war riesig.

»Bei mir in München habe ich für ein älteres Ehepaar die Brille abgeholt, den Einkauf erledigt und ein paar Sachen in der Apotheke gekauft und dann alles zusammen vor ihre Wohnungstür gestellt«, erzählt Poljak. »Das war eigentlich gar kein großes Ding und für mich auch ohne Virus-Pandemie eine Selbstverständlichkeit, aber die beiden waren so überaus dankbar.«

Umarmung Nur zu gern hätten die Senioren sie umarmt, erzählt sie. Man habe dann die Telefonnummern ausgetauscht und ein Treffen für nach der Krise vereinbart. »Wir wollen auf jeden Fall in Kontakt bleiben«, sagt die Studentin.

Sie ist überzeugt, dass das Hilfsportal grundsätzlich den Zusammenhalt in der jüdischen Gemeinschaft in Bayern stärken kann. »Jung und Alt begegnen sich außerhalb des individuellen familiären Rahmens viel zu selten, und ich fände es schön, wenn wir als VJSB unsere Hilfe auch nach dem Sieg über Corona aufrechterhalten könnten.«

Ferien

Unsere kleine Stadt

Mehrere Wochen trafen sich deutsche, ukrainische und israelische Jugendliche in Brandenburg zu einem Sommercamp der Initiative »J-ArtEck«. Zum Abschluss inszenierten sie eine Oper von Paul Hindemith

von Leon Stork  23.08.2026

Plädoyer

Stark und selbstbewusst

Die Zeiten des Ghettos und Sich-Wegduckens gehören zum Glück der Vergangenheit an. Umso mehr sollten Juden hierzulande entschiedener für ihre Interessen eintreten

von Sacha Stawski  23.08.2026

Porträt der Woche

Mein Traum von Frieden

Yuval Halpern ist Sänger der iranisch-israelischen Band Sistanagila

von Alicia Rust  23.08.2026

Jüdisches Erbe

Leipziger Stadtrundgang zu jüdischer Musik

Mit dem »Notenbogen« erhält Leipzig einen weiteren musikhistorischen Stadtrundgang. Der Fokus soll dabei auf den Spuren »jüdischer Musik« liegen

von Joris Ufer  23.08.2026

Deutschland

Weil er sich israelsolidarisch äußerte: Mann wird mit Cuttermesser an Berliner U-Bahnhof angegriffen

Die Hintergründe

 22.08.2026

Memoiren

Und dennoch!

2012 erschienen die Lebenserinnerungen der Schoa-Überlebenden Charlotte Knobloch. Titel: »In Deutschland angekommen«. Heute sagt sie: »Ich habe mich getäuscht.« Jetzt legt deshalb ein weiteres Buch vor

von Christoph Renzikowski  21.08.2026

Benjamin Graumann Jüdische Gemeinde Frankfurt

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  21.08.2026

Straßenfest

Chabad Berlin feiert 30. Jubiläum

Drei Jahrzehnte jüdisches Leben: Mit einem Straßenfest möchte eine jüdische Gemeinde in Berlin nicht nur die eigene Geschichte feiern. Es soll auch ein Blick in die Zukunft geworfen werden

 20.08.2026

Vorschau

Widderhorn im Dom und ein Hauch von »Yiddish Summer« - Festival »Shalom-Musik.Koeln«

Begegnungen, Neugier und Zuhören fördern - das wollen die Macher des Festivals »Shalom-Musik.Koeln«. Und reichlich Musik und Gesang auf die Bühne bringen. Der Verein hinter dem Festival bekommt dafür jetzt einen Preis

von Leticia Witte  20.08.2026