Pessach

»Wir machen es uns schön«

Ein Sedertisch für zwei. Aber Elijahu nicht vergessen! Foto: Getty Images / istock

Pessach

»Wir machen es uns schön«

Auch zu zweit kann man das Fest feierlich gestalten – einige Tipps

von Elke Wittich  07.04.2020 17:46 Uhr

Das wird das traurigste Pessach meines Lebens», sagt die Religionslehrerin Tamara Guggenheim aus Düsseldorf. «Normalerweise bin ich dann immer mit einem Großteil meiner Familie zusammen, aber nun wird das nicht gehen.» Die Familie ist über ganz Deutschland und Israel verstreut. «Für mich ist es schon kein richtiges Pessach, wenn wir mit weniger als 20 Personen am Tisch sitzen. Jetzt mit bloß zwei oder maximal vier Gedecken wird es elend.»

Ihre Familie ist über ganz Deutschland und Israel verstreut, erzählt Tamara Guggenheim, jetzt wird es maximal vier Gedecke auf dem Tisch geben.

Natürlich sei normalerweise zu Pessach «mal der eine oder andere nicht da, aber allein, dass man nicht mehr die Wahl hat, ob man hier mit der Familie feiert oder zum Beispiel nach Israel fährt, ist schon eine Belastung, so etwas habe ich nun wirklich noch nie erlebt».

Sorge «Zoom» sei natürlich eine Möglichkeit, trotzdem gemeinsam mit den Lieben zu feiern – eben digital. Doch derzeit sei noch nicht darüber entschieden worden, «ob es halachisch in Ordnung ist. Wenn ja, würde ich das natürlich versuchen».

Kontakte In der Daueranspannung pflegen die Menschen mehr Kontakte, sagt Tamara Guggenheim. Insgesamt sei es derzeit alles nicht so einfach, sagt Guggenheim, «aber immerhin: Es ist eine andere Form der Nähe entstanden, weil man ja immer in Daueranspannung lebt, ob es allen auch gut geht und man deswegen viel Kontakt sucht».

Rebbetzin Julia Konnik kennt die Ängste und Sorgen, die derzeit weltweit den Alltag bestimmen, nur zu gut. Sie unterrichtet in der Lauder e-Learning School und berät derzeit auch viele Frauen im Hinblick auf Pessach. Sie habe «nicht wenige Anrufe und Nachrichten» von Menschen erhalten, die nun zum ersten Mal gezwungen sind, ganz allein oder nur zu zweit zu feiern. In ihrem Unterricht wende sie da ein besonderes Verfahren an: «Ich lasse die Frauen selbst zu Wort kommen, da bin ich wirklich sozusagen in ihrer persönlichen Situation dabei.»

Kinder «Kümmert euch um eure Familien und vergesst das Putzen», rät Konnik Eltern. «Das Putzen wurde dieses Jahr durch Corona auf das Minimum gebracht, es reicht, wenn das Ungesäuerte entfernt wird und zur Not sogar nur die Küchenfächer sauber gemacht werden, in denen die Pessachsachen aufbewahrt werden», sagt sie. Das Wichtigste sei, dass das Zuhause gerade für die Kinder «ein sicherer Ort voller Liebe» sei.

In Einzelfällen müsse es möglich sein, Zoom zu benutzen, damit man sich anderen näher fühlen könne, sagt Julia Konnik.

Für diejenigen, die auf Besuche bei oder von Familie und Freunden verzichten müssen, sei die Situation in vielen Fällen sehr schwierig, hat Konnik beobachtet. «Wenn es sich um psychisch labile Menschen handelt, dann ist es aber erlaubt, Zoom zu benutzen, um sich anderen näher zu fühlen.» Ansonsten sei es «ein Verdienst, nicht zu weinen oder zu klagen, und dieser Verdienst soll im nächsten Jahr dazu führen, dass etwas besonders Schönes passiert».

Versteck Es helfe auch, sich vor Augen zu führen, dass die Situation durchaus komfortabel sei: «Meine Großmutter ist 1935 geboren, sie versteht die ganze Aufregung nicht und fragt immer, wo das Problem sei.» Man müsse schließlich nicht zwei Jahre lang in einem kleinen Zimmer versteckt leben und ständig Angst haben, sondern habe «jede Menge Möglichkeiten zur Zerstreuung und könne auch rausgehen». Und das tue sie auch, zwar geschützt mit Handschuhen und einer Gesichtsmaske, «aber sie geht in der Sonne spazieren, und das ist gut».

Hilfe Aber natürlich seien die Corona-bedingten Einschränkungen verunsichernd, stressig und machen manchmal auch Angst. «Das geht allen so. Das Ungewisse führt zu Gefühlsschwankungen, und das ist für viele Menschen nicht alltäglich.» Es helfe, sich zu denken: «Haschem möchte, dass wir in diesen wankelmütigen Momenten an Ihm festmachen. Und sich dann zu fragen: ›Was will Er von mir persönlich? Wie kann ich die Welt unter den derzeitigen Umständen ein Stückchen besser machen?‹»

Seit fast 50 Jahren wird das Rabbinerehepaar Berger aus Stuttgart erstmals allein Pessach feiern.

«Zum ersten Mal seit fast 50 Jahren werden wir alleine Pessach feiern», erzählt Rabbiner Joel Berger aus Stuttgart. Als er und seine Frau Noemi jung verheiratet waren, verbrachten sie den ersten Seder immer in der Gemeinde. Den zweiten feierten sie mit Freunden und Verwandten zu Hause. «Da waren wir oftmals zwölf oder sogar 20 Personen», erzählt Rebbetzin Berger.

Ma NISCHTANA Ihr Mann wirft den Blick noch weiter zurück und fragt: «Ma nischtana? Was ist anders als an Pessach im Ghetto während der Nazi-Zeit und zu kommunistischen Zeiten in Ungarn?» Wir sind frei, beantwortet er sich selbst die Frage. «Heute können wir telefonieren und skypen», sagt Rabbiner Berger. Die Kinder und Enkel leben in Berlin und Antwerpen und können wegen der Corona-Gefahr das erste Mal nicht mit ihrer Familie zusammen sein.

Seit 2003 traf sich die Familie zu Pessach immer im jüdischen Kurhotel in Bad Kissingen, das seit dem 1. April nach dem langjährigen Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), Beni Bloch, benannt ist. «Seit der Pensionierung meines Mannes haben wir dort gemeinsam mit der Familie die Pessachwoche verbracht», erzählt Noemi Berger.

In diesem Jahr feiert das Rabbinerehepaar also allein. Noemi Berger hat alles frühzeitig eingekauft. Eine große Hilfe war ihr dabei die Kaschrutempfehlung von Rabbiner Shlomo Afanasev, dem Experten aus Berlin. Zucker und Deutsche Markenbutter könne man im Supermarkt kaufen, erklärte dieser. «Einen Engpass gab es bei Meerrettich», erzählt Berger, den habe sie schließlich über Amazon bestellt und bekommen.

Wein Ihr Mann schwärmt vom Wein aus Israel. Mazze und Mazzemehl bezogen sie über die jüdische Gemeinde in Stuttgart. Milch habe sie sich noch in Antwerpen kaufen können, auf Käse müssten sie in diesem Jahr verzichten, das sei aber am wenigsten schlimm, sagt Rebbetzin Berger. «Wir werden das schaffen», sagt sie optimistisch. Leid täten ihr aber die Menschen, die jetzt ganz allein sind. «Wir sind ja immerhin zu zweit. Wir machen es uns schön.»

Das Rabbinerehepaar ist sich im Klaren, dass die Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie noch einige Zeit anhalten werden. «Mein Mann ist zu vier Vorträgen im November eingeladen. Na, die sind ja mutig», kommentiert Berger die Zuversicht der Einladenden.

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