Tel Aviv

Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Ein Schabbatmorgen in Tel Aviv. Am Tag zuvor befand sich die Stadt noch im Marathonfieber, und ich hatte mit Stolz den Halbmarathon beendet. Am Abend danach feierte ich mit Freunden Schabbat. Wir scherzten darüber, welche Durchhalte-Playlist wir für die Zeit im Schutzraum zusammenstellen würden – falls einmal Krieg ausbrechen sollte.
Am nächsten Morgen, während ich Frühstück vorbereite, vibriert mein Handy.

Eine Warnmeldung: Raketenalarm. Man solle sofort einen Schutzraum aufsuchen. Das Haus, in dem ich mich befinde, hat keinen sogenannten Mamad, keinen eigenen Schutzraum. Es gibt jedoch einen öffentlichen in der Schule nebenan. Während ich meine Sachen zusammenpacke, schreibe ich einer Freundin vom Schabbatabend: »Wir brauchen jetzt diese Playlist.«

Wenig später sitze ich tatsächlich in dem unterirdischen Raum und höre unsere »Mamad«-Playlist. Was am Abend zuvor noch wie ein Scherz klang, ist plötzlich Realität geworden. Es ist mein erstes Mal in einem Schutzraum – und es wird nicht das letzte Mal sein.

Die ersten Nächte sind schwer. Der Adrenalinschub nach jedem Alarm und die Schlaflosigkeit zehren an den Kräften.

Wenn man an Bunker denkt, stellt man sich meist dunkle, enge Orte voller Angst vor. In Israel haben viele Menschen diese Räume in den vergangenen zwei Jahren jedoch sehr gut kennengelernt. Traurigerweise ist eine gewisse Routine entstanden. Nachbarn kommen ins Gespräch, Kinder spielen miteinander, jemand bringt Snacks mit. Über die Tage freundete ich mich sogar mit dem Hund der Nachbarn an: Bastian, ein großer Schäferhund, den ich während der Alarme streichelte – und der mich beruhigte. Die ersten Nächte sind schwer. Der Adrenalinschub nach jedem Alarm und die Schlaflosigkeit zehren an den Kräften. Die Stimmung ist zeitweise ganz unten. Eine Freundin und ich beschließen deshalb, etwas dagegen zu tun. Eines Abends stellen wir einen Tisch im Schutzraum auf, bringen Snacks und eine Flasche Wein mit und laden die anderen ein. Die kleine Geste hebt die Stimmung.

Manchmal fühlt es sich fast normal an: Die Sonne scheint, Cafés sind voll – bis zum nächsten Alarm.

Der Alltag während eines Krieges wirkt surreal. Viele versuchen dennoch, ihre Routine aufrechtzuerhalten. Ich lese von einer KI-generierten Website, die das statistische Risiko berechnet, während des Duschens von einem Raketenalarm überrascht zu werden. Die Seite heißt passenderweise »CanIShower«.

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Viele Israelis arbeiten von zu Hause, bestellen Essen über »Wolt« und achten darauf, sich stets in der Nähe eines Schutzraums aufzuhalten. Auch ich gehe mit Freunden am Strand joggen. Zweimal müssen wir unterwegs in Schutzanlagen ausweichen.

Der Alltag wird ständig unterbrochen. Manchmal sitze ich sogar im Schutzraum und schreibe an diesem Text. Als Purim näher rückt, fragen sich viele, wie das Fest unter diesen Umständen stattfinden soll. Versammlungen von mehr als zehn Personen sind verboten. Chabad organisiert deshalb Megilla-Lesungen in Schutzräumen – eine Vorstellung, die zunächst absurd wirkt.

Draußen tobt ein Krieg gegen den Iran – und drinnen hören wir die Geschichte von der Rettung der Juden im alten Persien.

Am Purim­abend gehe ich zu einer solchen Lesung im Parkhaus des Dizengoff Center. Der Schutzraum liegt auf Ebene minus vier. Für einen Raum tief unter der Erde ist er erstaunlich lebendig: ein Tischtennistisch, ein Getränkeautomat, sogar kostenlosen Kaffee gibt es, was die Menschen dort organisiert haben. Etwa 50 junge Erwachsene versammeln sich, als einer von ihnen beginnt, die Megilla zu lesen. Draußen tobt ein Krieg gegen den Iran – und drinnen hören wir die Geschichte von der Rettung der Juden im alten Persien. In diesem Moment bekommt Purim eine unerwartet aktuelle Bedeutung.

Eine Woche zuvor hatte ich mir in Tel Aviv ein Königskostüm gekauft, ohne viel darüber nachzudenken. Jetzt, mitten im Krieg, erscheint mir das Kostüm plötzlich symbolisch. Ich will ein wenig Leichtigkeit in die Situation bringen.

Erst später erfahre ich, dass Fotografen anwesend waren. Ein Bild von mir im Königskostüm während der Lesung erscheint in der »New York Times« und im »Rolling Stone«. In den folgenden Tagen bekomme ich zahlreiche Nachrichten von Menschen, die das Foto gesehen haben.
Nach der Lesung beginnen wir, zu israelischer Musik zu tanzen. Für einen Moment vergessen wir die Lage. Der Raum füllt sich mit Energie – und mit etwas, das man fast schon Freude nennen kann.

Als ich gegen ein Uhr nachts nach Hause komme, heult erneut die Sirene. Ich laufe wieder zum Schutzraum der Schule. Diesmal erscheine ich als Einziger im Kostüm. Alle anderen tragen Schlafanzüge oder Trainingshosen. Eine Nachbarin sagt später, mein Anblick habe sie zum Lächeln gebracht.

Nachrichten Trotz solcher Momente bleibt die Unsicherheit spürbar. Viele schauen ständig auf Telegram. Nachrichten über Raketenangriffe auf Tel Aviv und Beit Schemesch lösen besorgte Gespräche aus. In manchen Nächten sieht man Menschen weinen oder sich gegenseitig festhalten, während sie auf Entwarnung warten. Auch mir setzt der Schlafmangel zu. Lernen fällt schwer, und jeder Alarm lässt das Herz schneller schlagen. Oft höre ich meine »Mamad«-Playlist oder unterhalte mich mit anderen, um die Anspannung zu vertreiben. Einmal sitze ich während eines Alarms bei einem Freund in dessen privatem Schutzraum. Wir stoßen mit Bier an und reden lange. Es hilft.

Der Alltag während eines Krieges wirkt surreal.

Zwischen den Alarmen gibt es dennoch ruhige Stunden. Menschen treffen sich weiterhin, solange ein Schutzraum in der Nähe ist. Israelis lassen sich ihre Lebensfreude nicht nehmen, selbst nach all dem, was das Land in den vergangenen Jahren erlebt hat.

Nach einigen Tagen werden die Sicherheitsregeln etwas gelockert. Die Straßen füllen sich wieder, Cafés sind gut besucht. Die Sonne scheint, und für kurze Zeit fühlt sich alles beinahe normal an – bis der nächste Alarm ertönt.

Währenddessen versuche ich, eine Rückreise nach Deutschland zu organisieren. Es gäbe die Möglichkeit, über Ägypten auszureisen, doch das erscheint mir zu riskant. Die Hoffnung auf eine Evakuierung durch das Auswärtige Amt schwindet. Alle paar Tage kommt dieselbe E-Mail: keine Evakuierung geplant. Schließlich finde ich selbst einen Flug mit einer israelischen Airline. Viele andere warten noch immer auf eine Möglichkeit auszureisen. Es ist Freitag. Die Stadt bereitet sich auf Schabbat vor. Ich bin bei Freunden eingeladen, die einen privaten Schutzraum haben, und gehe los, um Challa zu kaufen. Bevor ich den Laden erreiche, vibriert mein Handy wieder. Raketenalarm.

Ich betrete das unterste Stockwerk eines eleganten Hotels. Der Schutzraum dort wirkt überraschend freundlich. Die Wände sind voller Kinderzeichnungen. Familien sitzen zusammen, die Stimmung ist ruhig. Man spricht über das bevorstehende Schabbatessen. Nach einigen Minuten kommt die Entwarnung.

Auf dem Weg nach draußen entdecke ich ein hebräisches Sprichwort an der Wand: »Nur die Liebe wird gewinnen.« Nach dieser Woche denke ich an die Warmherzigkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen hier. In Zeiten wie diesen ist das alles andere als selbstverständlich. Ich lächle, gehe hinaus – und weiß: Selbst im Schutzraum kann es Momente der Freude geben.

Der Autor studiert Medizin und ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

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