Berlin

Signale am Gleis 17

Die kleine Installation überrascht. »Weckruf Gleis 17. Bahnwärterhaus – Weichen fürs KZ« ist auf einem der angeklebten Zettel an der Hauswand des ehemaligen Bahnwärterhauses am Gleis 17 des Bahnhofs Berlin-Grunewald zu lesen, darunter Fragen wie »Warum Leerstand?« und »Wer hat Ideen?«. Erst vor ein paar Wochen hingen sie dort für einige Stunden, dann nahmen Irmela Mensah-Schramm und Wolfgang Göschel sie wieder ab. »Wir wollten mal sehen, wie die Leute, die hier vorbeikommen, auf unsere Botschaften reagieren«, sagt Göschel. Es kamen an dem kalten Wintertag nur wenige.

An diesem März-Sonntag stehen die beiden Aktivisten wieder vor dem verwaisten kleinen Gebäude. Türen und Fenster sind zugemauert, eine Stahltür ist verschlossen. Die Regenrinnen sehen neu aus. Es steht mitten im Nirgendwo zwischen den zugewachsenen Gleisen, nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der an Gedenktagen Blumen niedergelegt werden.

Vor fünf Jahren trafen sich die beiden Aktivisten zufällig an der Spiegelwand.

Wolfgang Göschel ist öfter vor Ort und hat eine Vision. Der 86-jährige Architekt war schon einer der Initiatoren der Steglitzer Spiegelwand, die die Namen der in der Schoa deportierten Juden verewigt. Der Berliner und seine Mitstreiter wie Irmela Mensah-Schramm möchten eine Info-Werkstatt in dem roten Backsteinhaus einrichten. Sie soll auch darüber informieren, welche Rolle das Bahnwärterhaus während der Schoa spielte.
»Eine bedeutende«, meint der Architekt, denn von hier wurden buchstäblich die Weichen für die Vernichtung der Berliner Juden gestellt. Stellwärter sorgten dafür, dass die für die Fahrt ins KZ bestimmten Züge aufs richtige Gleis fuhren. Daran möchte Göschel erinnern.

»Auf diese Weise wird die Info-Werkstatt mit der neuen Nutzung des Gebäudes in das Gedenkkonzept von Gleis 17 integriert und betont gleichzeitig die Funktion und Atmosphäre des historischen Ortes«, so Wolfgang Göschel. Das Haus sei eine Schlüsselstelle für die Deportation. Bisher würden die Besucher am Gleis 17 oft sich selbst überlassen, es gebe nur spärliche Informationen und keine Ansprechpartner. Das, so meint er, müsse sich ändern.

Ein dunkler Kleinbus fährt langsam den Weg neben der S-Bahn-Station Grunewald bis zu den Gleisen hinauf. Dann steigen mehrere Leute aus und gehen schweigend die Schienen entlang, von denen ab Oktober 1941 die Züge in die Konzentrationslager fuhren. Vor der Gedenktafel bleiben sie stehen. Auf Hebräisch ist geschrieben: »Zum Gedenken an die Opfer der Vernichtung«, darunter auf Deutsch: »Zum Gedenken an Zehntausende jüdischer Bürger Berlins, die ab Oktober 1941 bis Februar 1945 von hier aus durch die Nazi-Henker in die Todeslager deportiert und ermordet wurden.«

Anschließend schreiten die Besucher die Bahngleise ab und studieren die gusseisernen Platten, auf denen die Daten der Deportationszüge und ihre Ziele geschrieben stehen. Schweigend steigen sie wieder in den Kleinbus ein. Wolfgang Göschel schaut ihnen hinterher. »Meistens ist es hier eher ruhig.«

»Die Bahn muss den Mut haben, das Häuschen wieder nutzbar zu machen.«

Als das Mahnmal 1998 durch die Deutsche Bahn (DB), Besitzerin des Areals, installiert wurde, hätten die Beteiligten für das Gebäude keine aktive Rolle vorgesehen, so Achim Strauß, Konzernsprecher der Deutschen Bahn. Das Bahnwärterhaus lag damals außerhalb des Bereichs. »Wir haben immer ein offenes Ohr für Vorschläge zur Weiterentwicklung des Mahnmals Gleis 17 und kennen die Idee, das leer stehende sogenannte Maschinenhaus zu nutzen«, teilt der Sprecher weiter mit. Als es zu verfallen drohte, wurde es von der DB erhalten. Aber: »Wir sehen uns aktuell eher in der Verantwortung, das gesamte Ensemble des Mahnmals in seinem würdigen Zustand zu erhalten, als es durch neue Nutzungen zu erweitern.«

Wolfgang Göschel und die 80-jährige Irmela Mensah-Schramm stehen nun an der Stellschraube, an der man die Gleise einstellt. Das sei für ihn das wichtigste Zeichen. »Eine Gedenkstätte geht nur mit der Bahn«, sagt er. »Die Bahn muss den Mut haben, das Häuschen wieder nutzbar zu machen.« Auf 500.000 Euro schätzt der Architekt die Kosten für eine denkmalgerechte Sanierung. Er kennt sich mit solchen Projekten aus, denn er gehörte dem Architekten-Team beim Umbau der Heilig-Kreuz-Kirche an, die seit den 90er-Jahren verstärkt für eine kulturelle Nutzung geöffnet wird.

Historiker und Rabbiner Andreas Nacha­ma begrüßt die Idee einer Info-Werkstatt. »Es wäre eine wünschenswerte Ergänzung zu dem eindrucksvollen Denkmal. Da das Gebäude bereits dort steht, wäre es keine Veränderung, sondern lediglich eine Ergänzung«, so der ehemalige Leiter der Gedenkstätte Topographie des Terrors.

Ein Polizeiauto kommt angefahren. Mehrmals am Tag wird kontrolliert, ob alles am Mahnmal in Ordnung ist. Ein kurzes Winken, dann fahren der Polizist und die Polizistin wieder weg.

Göschel hatte das Bahnwärterhaus zufällig entdeckt.

Vor fünf Jahren trafen sich die beiden Aktivisten zufällig an der Spiegelwand. Wolfgang Göschel wollte schauen, ob am Mahnmal noch alles in Ordnung ist, Irmela Mensah-Schramm wollte kontrollieren, ob die Gedenkstätte mit Nazi-Aufklebern geschändet wurde. Sie ist bekannt für ihren jahrzehntelangen Einsatz, Aufkleber und Nazi-Sticker mit Hassbotschaften von öffentlichen Orten zu entfernen oder zu übermalen. Seit dieser Begegnung sind die beiden ein Team. Jetzt auch für die Info-Werkstatt.

Göschel hatte das Bahnwärterhaus zufällig entdeckt: »Ich bin eigentlich immer auf der Suche nach interessanten Projekten mit Geschichten.«
Schon vor der offiziellen Einweihung des Mahnmals Gleis 17 im Jahr 1998 hat es Gedenktafeln am Bahnhof Grunewald gegeben. Doch es wurde nie dauerhaft an den systematischen Abtransport von Jüdinnen und Juden an diesem Ort erinnert, sagt Andreas Nachama. Erst seit 2011 findet auf Initiative der verstorbenen Berliner Holocaust-Überlebenden Inge Deutschkron (1922–2022) eine Gedenkfeier am Gleis 17 statt. Es ist dabei Tradition geworden, weiße Rosen auf den langen Bahnsteig zu legen.
Die junge Frau mit dem Kinderwagen nutzt die Abkürzung an den Gleisen vorbei zur Neubausiedlung, die auf dem ehemaligen Güterbahnhof vor Jahren entstanden ist. Lilli Nachama, die Mutter von Andreas Nachama, hatte in einem der älteren Häuser am Bahnhof Grunewald die letzten Kriegsmonate versteckt überlebt.

»Es gibt noch viel Geschichte zu entdecken – und man muss sie auch an die Öffentlichkeit bringen«, sagt Göschel. Für diesen Nachmittag reicht es. Die beiden packen ihre Unterlagen ein. Am nächsten Tag möchte Irmela Mensah-Schramm nach Hamburg fahren, wo ihre Projekte ausgestellt werden und sie Workshops geben wird – und Wolfgang Göschel wird sich auf die Suche nach weiteren historischen Projekten begeben.

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