Leipzig

In sichere Hände

Es ist eine ungewöhnliche, dafür aber sehr fröhliche Szene, die sich an einem Freitag im Februar bei strahlendem Sonnenschein auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Leipzig abspielt. Am Grab von Werner Jacob Sander, dem 1975 verstorbenen Oberkantor der örtlichen jüdischen Gemeinde, bekommen der Gemeindevorsitzende Küf Kaufmann und Rabbiner Zsolt Balla eine in dunkles Geschenkpapier eingeschlagene Box überreicht.

Darin liegt, wie sie der versammelten Presse begeistert zeigen, ein altes Buch: eine Biblia Hebraica, die 1906 im Leipziger Verlag J. C. Hinrichs erschien. Der Ort ist bewusst gewählt: Dieser Tanach hat einmal dem hier begrabenen Werner Sander gehört, der 1962 den Leipziger Synagogalchor gegründet hat.

Dieser Tanach gehörte dem hier begrabenen Oberkantor Werner Sander.

Hauptperson heute ist aber eine elegante und energiegeladene ältere Dame: Schenkerin Irene Rotzsch, die zur Übergabe des Buches ihre Zwillingsschwester Helga Schmidt mitgebracht hat. Die 86-Jährige hat fast 30 Jahre lang im Leipziger Synagogalchor gesungen. Um die Texte, die sie da singt, zu verstehen, hat sie sich damals sogar selbst ein bisschen Hebräisch beigebracht – mithilfe eines deutsch-hebräischen Gebetbuches. Erst im Jahr 2002 hat Rotzsch sich aus dem Chor zurückgezogen. »Als Urgroßmutter steht man da nicht so gern«, sagt sie mit einem Lächeln.

Über den Synagogalchor ist sie auch zum Tanach gekommen, den sie heute der Leipziger Gemeinde schenkt. Denn der gehörte einst dem Gründer und langjährigen Leiter des Leipziger Synagogalchores, Oberkantor Werner Sander. Nach dessen Tod erhielt Irene Rotzsch seine Biblia Hebraica als Andenken. Doch mit steigendem Alter wuchs in ihr der Wunsch, die Bibel weiterzugeben: »Die hast du jetzt über 50 Jahre gehütet, da suchst du mal jemanden, der was damit anfangen kann.«

Und so schrieb sie den Gemeindevorsitzenden Küf Kaufmann auf Facebook an. Der erinnert sich seine erste Reaktion: »Ich war einfach begeistert!«, sagt er und strahlt über das ganze Gesicht. »Begeistert, dass dieses Buch existiert, und begeistert, dass dieser Mensch, der so mit dem Chor und mit der Gemeinde verbunden ist, das Buch in sichere Hände geben will, bevor er geht.« Dann schiebt er nach: »Und wir sind sichere Hände. Denn wir sind eine sehr aktive und lebendige Gemeinde, die dieses Buch nicht einfach auf dem Regal liegen lässt.«

Das Buch selbst ist übrigens gar nicht so selten. Es ist die sogenannte Biblia Hebraica Stuttgartensia, die vom Leipziger Theologen Rudolf Kittel herausgeben und durch einen kritischen Apparat ergänzt wurde. Es sei die Geschichte dieses Exemplars, die das Geschenk so wertvoll mache, sagt Gemeinderabbiner Zsolt Balla dankbar. Das Besondere sei, »dass es aus Leipzig kommt und aus dem Jahr 1906 stammt – aus einer Zeit, wo es noch eine Chance für ein gutes Zusammenleben gab, auch wenn die Geschichte eine andere Kurve genommen hat«, so Balla. Und natürlich sein prominenter Eigentümer.

Es sei die Geschichte dieses Exemplars, die das Buch so wertvoll mache, sagt Rabbiner Balla.

Für Balla, der auch Landesrabbiner von Sachsen und Militärbundesrabbiner ist, ist der Tanach ein ganz besonderer Text, eine wichtige Quelle für Christen und Juden gleichermaßen – und auch darüber hinaus: »Diese Geschichten haben für uns alle in Europa eine Bedeutung. Das ist unsere Grundlage dafür, was es bedeutet, europäisch zu sein.« Die gemeinsame Auseinandersetzung mit diesen Texten sei eine Chance, den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu verbessern.

Und wie geht es jetzt weiter? »Das Buch wird hoffentlich jetzt einen richtig schönen Ehrenplatz in der jüdischen Gemeinde finden, an die alten Tage erinnern und mit dafür sorgen, dass wir mit Enthusiasmus in die Zukunft schauen«, sagt Rabbiner Balla. Irene Rotzsch ist derweil sehr zufrieden mit ihrer Entscheidung, das Buch weitergegeben zu haben: »Für mich ist es eine schöne Erinnerung an die Zeit mit Werner Sander. Und es bedeutet mir etwas, dass es Menschen gibt, die sich darüber freuen und die froh sind, dass sie es jetzt in ihren Händen haben.«

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