Union progressiver Juden

Wie in einer großen Familie

Herzlich willkommen: Das Sommermachane findet dieses Jahr in Polen statt. Foto: Fotolia, (M) Frank Albinus

Lars Umanski freut sich auf seine Freunde aus ganz Deutschland. Seit Langem zählt der 15-jährige Schüler die Tage, bis endlich das zweiwöchige Sommermachane der Union progressiver Juden (UPJ) in Polen am 26. Juli beginnt. Jugendliche aus ganz Deutschland werden sich dort zu Grillabenden, Wanderungen, Tagesausflügen und Sportveranstaltungen treffen.

»Die Sommermachanot muss man sich wie ein großes Familientreffen vorstellen, an dem alle einmal im Jahr zusammenkommen und sich dann unheimlich viel zu erzählen haben«, erzählt Umanski. »Das ist für mich jedes Mal aufs Neue ein Highlight.« Der Gymnasiast wohnt in Unna und gehört der kleinen Gemeinde »haKochaw« an, in der es nur wenige Mitglieder in seinem Alter gibt. Am meisten freue er sich deshalb darauf, andere jüdische Jugendliche zu treffen und auch einmal »unter sich« sein zu können.

Lars hat viele Freunde, in der Regel sei er jedoch meistens der einzige Jude: sowohl in der Schule als auch in seinem Freundeskreis. Das sei nicht weiter schlimm, sagt der 15-Jährige, könne manchmal aber doch etwas anstrengend sein. »Bei den Machanot muss ich nicht erklären, was es bedeutet, jüdisch zu sein. Dort kann ich einfach so sein, wie ich bin.« Machane, das sei für ihn deshalb gleichbedeutend mit Heimat, Freude und Spaß.

selbstbewusstsein Wenn Lars über die Machanot ins Schwärmen gerät, muss Mascha Blender lachen. »Ja, genau das ist das klassische Sommermachane-Feeling«, sagt die 22-jährige Sozialwissenschafts-Studentin aus Berlin. Und Blender muss es wissen, die Ferienfreizeiten ziehen sich durch ihr Leben wie ein roter Faden.

Weil ihr die Ausflüge und gemeinsamen Erlebnisse als Kind »immer so gut gefallen haben«, hat sie sich mit 16 Jahren zur Madricha ausbilden lassen. »Das war eine typische Win-win-Situation. Den Kindern hat es gefallen, dass sich eine von ›den Großen‹ um sie kümmerte. Und ich habe dabei unheimlich viel über jüdische Identität gelernt und Selbstbewusstsein durch die Arbeit mit Kindern gewonnen.«

Das Sommermachane sei jedoch nur ein Angebot von vielen, sagt Blender. Darüber hinaus bietet das Jugendreferat der Union Progressiver Juden »Netzer« zu den Feiertagen regelmäßig Veranstaltungen an. Es gebe monatliche Treffen in Jugendzentren, Seminare, verschiedene Ausflüge, Fahrten nach Israel, internationale Kontakte zu anderen jüdischen Jugendgruppen in Form von Kongressen und Austauschprogrammen.

»Diese Aktivitäten haben mein Leben stark geprägt«, fügt Blender hinzu. »Nach Abschluss meines Studiums kann ich mir gut vorstellen, bei einer jüdischen Institution zu arbeiten oder mich weiterhin in einer jüdischen Organisation ehrenamtlich zu engagieren.«

Adrian Schell ist seit dem vergangenen Herbst Jugendreferent bei der UPJ. Für den Rabbinatsstudenten am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam sind die religiösen Aktivitäten bei den Veranstaltungen am wichtigsten. »Wir möchten den Kindern und Jugendlichen ein Forum für lebendige und fröhliche Jüdischkeit geben«, sagt Schell, der eine Woche vor der Abreise nach Polen noch in den letzten Vorbereitungen steckt.

Infrastruktur »Die meisten Teilnehmer leben in kleineren Städten, wo es keine oder nur eine unzureichende jüdische Infrastruktur gibt«, sagt er. »Auf Veranstaltungen wie dem Sommermachane können die Teilnehmer dann zwei Wochen lang erfahren, wie ein lebendiges und liberales Judentum im Alltag gelebt werden kann.« Am Ende der Ferienfreizeit würden sie zum Beispiel alle nach dem Essen das Tischgebet Birkat Hamason beten können.

Zudem lernen die Teilnehmer Hebräisch und beschäftigen sich mit der Geschichte und Bedeutung Israels. »Diese Lerneinheiten gestalten wir kindgerecht und spielerisch«, sagt Schell. Im vergangenen Jahr gab es zum Beispiel ein »Wer-wird-Millionär«-Quiz zum Thema Israel, bei dem die Teilnehmer bei immer schwieriger werdenden Fragen ihr Wissen über den jüdischen Staat testen konnten.

Rund 60 Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 18 Jahren fahren in diesem Jahr in die Ferienfreizeit der Union progressiver Juden. Von polnischer Seite aus werden dieses Jahr elf Kinder und drei Madrichim teilnehmen. Finanziert wird die Jugendfreizeit von der Jewish Agency, dem Auswärtigen Amt und der UPJ selbst. Begleitet werden die Kinder aus Deutschland von 13 Madrichim.

Die Entscheidung, nach Polen zu fahren, trafen Schell und die UPJ ganz bewusst. »Wir sind als Juden gegenüber Polen nicht ganz frei von Vorurteilen«, sagt er. »Dabei wissen wir, dass wir in Deutschland inzwischen gut leben können. Warum sollte das also nicht auch für Juden in Polen möglich sein?« Er wolle mit den Kindern und Jugendlichen das Nachbarland ohne Vorbehalte entdecken.

Spass »Die Tatsache, dass die meisten auch ein zweites und drittes Mal an einem Machane teilnehmen, zeigt, dass unsere Aktivitäten Erfolg haben und dass die Kinder es mögen.« Fragt man Schell, ob es auch etwas gebe, das den Teilnehmern des Machanes in der Vergangenheit nicht gefallen habe, denkt er lange angestrengt nach. Ja, doch, da gebe es etwas, fällt ihm schließlich ein. »Zwei Wochen«, sagten die meisten Kinder, »sind leider viel zu kurz.« Die Zeit, so die einhellige Meinung, vergehe, wie alles Gute im Leben, auch bei den Ferienfreizeiten viel zu schnell.

Doch für all jene gebe es gute Nachrichten: Vergangene Woche hat Schell bereits die Busfahrten und die Unterkunft für das nächste Machane gebucht. Das findet im Harz statt und dauert voraussichtlich wie im vergangenem Jahr eine Woche. Auch darauf freut sich Lars Umanski schon jetzt, obwohl nicht einmal der Koffer für Polen gepackt ist.

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