Berlin

Wenn Hass real wird

»Es ist ein Trauma für uns alle«: Rednerin Avital Grinberg bei der Buchvorstellung Foto: Gregor Matthias Zielke

»Wie lange ist es her, dass Sie zuletzt in den sozialen Medien unterwegs waren?« Mit dieser Frage leitet Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Podiumsdiskussion im Quadriga Forum Berlin ein. Anlass ist die Premiere der bereits dritten in der Denkfabrik Schalom Aleikum erschienenen Publikation. Blickt man in die Runde, findet sich hier und dort ein verlegenes Grinsen, das aber nicht allzu lang anhält. Denn das Thema des Abends hat es in sich: »[Dis]Like. Soziale Medien zwischen Zusammenhalt und Polarisierung«, so lautet der Titel.

Die Thesen der Experten, die sich wissenschaftlich wie auch in der Praxis mit sozialen Medien und den damit verbundenen Problemen auseinandersetzen, lassen so manchen Teilnehmer aufhorchen. Denn offensichtlich haben auch einige der Anwesenden bereits Bekanntschaft mit den dunklen Seiten dieser Netzwerke gemacht. Und die geladenen Experten Maik Fielitz, Avital Grinberg Rjabova sowie Mehmet Koç gehen in ihren Ausführungen den gesellschaftlichen Folgen einer radikalisierten Digitalisierung auf den Grund.

»Den positiven Eigenschaften der sozialen Medien steht der Hass entgegen«, brachte es Botmann auf den Punkt und gab damit die Initialzündung für eine anregende, rund 90-minütige Talkrunde, moderiert von der »ZEIT«-Journalistin Anastasia Tikhomirova. Die Experten, seien sie jüdisch, muslimisch oder christlich geprägt, waren sich einig in ihren Wünschen: eine offene Debattenkultur, weniger Hass im Netz sowie die Stärkung eines Gemeinschaftsgefühls und einen sozialen Zusammenhalt, der die Grenzen zwischen den Religionen und politischen Positionen zu überwinden vermag.


15,8 Millionen Menschen waren laut Statistischem Bundesamt von Hetze im Netz betroffen.


Angesichts der Tatsache, dass laut Statistischem Bundesamt rund 15,8 Millionen Internetnutzer im Alter von 16 bis 74 Jahren von Hatespeech betroffen waren, scheint das ein frommer Wunsch zu sein. Zudem geht man von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus.

»Nach dem 7. Oktober konnte man beobachten, wie der Hass geschürt wurde«, so Benny Fischer zum Auftakt seiner Impulsrede. Als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats von CeMAS, dem gemeinnützigen Center für Monitoring, Analyse und Strategie, verfügt er über reichlich Expertise zu den Themen Verschwörungsideologien, Desinformation, Antisemitismus und Rechtsextremismus. So habe sich schleichend seit 2015 ein Wandel der sozialen Medien weg von einem Jugendthema hin zu einem ernst zu nehmenden Tool in der Politik vollzogen, beschreibt Fischer.

Damit verweist er auf zwei ganz zentrale Aspekte, die die aktuelle Publikation der Denkfabrik aufgreift und in den Kontext der digitalen Transformation und der Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts setzt. Auf knapp 200 Seiten liefert »[Dis]Like« komprimiertes Wissen rund um die Fragen, wie jüdische, muslimische und christliche Menschen soziale Medien nutzen, prägen und natürlich aktiv mitgestalten.

Hier geht es keineswegs um Rechthaberei und Schuld­zuweisungen, sondern um Lösungsansätze für Betroffene und Akteure

Das Ganze geschieht im Spannungsfeld von gesellschaftlichem Konsens und globalem Dialog einerseits sowie der zunehmenden Polarisierung und Hatespeech andererseits, wobei die Autoren die Phänome aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Das Ergebnis ist eine ausgewogene Abwägung von Risiken und Chancen sowie ein Appell an die Verantwortung der Betreiber der Plattformen.
Genau dieser differenzierte Blick, der in »[Dis]Like« zu spüren ist, zieht sich gleichfalls wie ein roter Faden in den Beiträgen auf dem Podium durch. Hier geht es keineswegs um Rechthaberei und Schuld­zuweisungen, sondern um Lösungsansätze für Betroffene und Akteure, und das auf allen Ebenen.

»Es ist ein Trauma für alle in der jüdischen Gemeinschaft, was gerade passiert«, betont Avital Grinberg, General Manager der NGO EU Watch. »Man kann individuell entscheiden, das alles einfach nur sich anzuschauen oder eben zu bekämpfen.« Doch nicht jeder könne das leisten. »Aber für alle ist es schmerzhaft«, so die ehemalige Vorständin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD). »Wie oft wurde ich bereits als Hamas-Terrorist bezeichnet und andererseits dann wieder als Zionist«, weiß Mehmet Koç, ein bekannter muslimischer Bildungsinfluencer, zu berichten. »Online bleibt eben nicht nur online«, sagt der Medienpädagoge. Man wisse nie, welche Formen der Radikalisierung folgen können. Sein Plädoyer daher: ein reflektierter Umgang in den sozialen Medien mit dem Thema Rassismus.

Dann kann nur die Justiz eingreifen, glaubt Avital Grinberg

Im Unterschied zu den »klassischen« würden soziale Medien in die Privatsphäre eindringen, so Maik Fielitz, Bereichsleiter für Demokratie- und Rechtsextremismusforschung des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena. »Es spielt auch eine Rolle, wie sehr sich die herkömmlichen Medien davon beeindrucken lassen. Negative Nachrichten werden ganz anders aufgenommen als positive.« Die Frage aber lautet: Welche Rolle spielen wir dabei selbst? Die Verantwortung für Hatespeech und Polarisierung relativieren die Betreiber der Plattformen oft mit der Behauptung, sie seien ja nur Vermittler. »Doch tatsächlich verdienen sie Geld mit Hass«, erklärt Fielitz und fordert die Einhaltung demokratischer Werte auch im digitalen Raum ein.

Doch was, wenn weder Prävention noch Aufklärung greifen und der Hass eskaliert? Dann kann nur die Justiz eingreifen, glaubt Avital Grinberg. »In Deutschland ist die Leugnung der Schoa strafbar.« Die Frage ist dann, wer in solchen Fällen die Verantwortung trägt, ist es X, ehemals Twitter, Instagram & Co, oder ist es vielleicht doch der Staat? Genau darüber sowie die vielen anderen Denkanstöße diskutierten die Gäste und Experten noch lange an diesem lehrreichen Abend.

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