Lese-Tipps

Was noch auf dem Stapel liegt

Am Anfang des Lockdown hatte jeder noch Träume vom gemütlichen Lesestunden. Foto: imago images/Westend61

Lese-Tipps

Was noch auf dem Stapel liegt

Die Zeit schien unendlich wie die Bücherliste, und dann hat man doch nicht alles geschafft

von Elke Wittich  28.05.2020 09:29 Uhr

Als das große coronabedingte Zuhausebleiben begann, stand bei vielen Menschen »endlich Lesen« auf dem Plan. Ende März lasen einer Umfrage der Evangelischen Akademie zufolge 63,6 Prozent der Befragten mehr als zuvor – drei Viertel von ihnen bevorzugten Romane. 57,6 Prozent lasen Zeitungen. Doch was ist aus den Vorhaben geworden?

»Neben meinem Bett steht ein guter Meter Bücher gestapelt«, sagt Esther Knochenhauer. »Theoretisch arbeite ich mich von oben nach unten durch, aber es kommen immer neue dazu.« Im Moment besonders viele, »denn ich will ja auch die lokalen Buchläden unterstützen, und wenn ich mit dem Baby spazieren gehe, finde ich immer ein Buch, das ich sofort lesen muss«, erzählt die Berliner Eventmanagerin.

DDR Aktuell liest sie Blockadebuch. Die Autoren Daniil Granin und Ales Adamowitsch hatten ab 1974 für die dokumentarische Chronik Überlebende der Leningrader Blockade befragt – keine leichte Lektüre. Zwischendurch müsse sie sich auf Facebook immer mal wieder davon erholen, bekennt Knochenhauer. Auf ihrem Bücherstapel liegt auch: Undeclared Wars with Israel von Jeffrey Herf, Professor für europäische Geschichte an der Universität von Maryland. Das Buch beleuchtet sowohl die Israelfeindlichkeit der DDR als auch der radikalen westdeutschen Linken.

Esther Knochenhauer wollte eigentlich das Gesamtwerk von Charles Dickens lesen ...

Wenn auch der Turm noch lange nicht abgearbeitet ist, eines hat sie aber geschafft: »Alle Ausgaben des ›New Yorker‹ aus dem Jahr 2019 durchzulesen, das war auch ein ziemlicher Stapel«, freut sich die 35-Jährige. »Ich habe die Zeitschrift im Abo, aber meistens fehlt dann doch die Zeit, und jetzt war sie da.«

Eigentlich wollte sie sich durch alle Bücher von Charles Dickens arbeiten, aber bisher hat sie nur zwei geschafft. »Und Tolstoi natürlich, da schaffe ich immer 100 Seiten und dann fange ich an, abzuschweifen.« Sie liest auf Deutsch oder Englisch – zum Leidwesen ihrer Mutter. »Sie fragt sich, was sie verkehrt gemacht hat, dass ich die große russische Literatur nicht im Original lese.«

MUSIK Die in Köln lebende Opernsängerin Dalia Schaechter liest derzeit das neue Buch von Peter Finkelgruen, ›Soweit er Jude war …‹ Moritat von der Bewältigung des Widerstandes – Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln 1944, und sagt: »Als ich 1986 als junge Israelin nach Deutschland kam, um Gesang an der Musikhochschule in München zu studieren, waren viele der Täter noch da. Ich begegnete ihnen in den Augen der alten Männer in der S-Bahn, in Aussagen mancher Opernliebhaber in Bayreuth, in Begriffen wie ›Halbjude‹ und ›Vierteljude‹, die noch kursierten.«

Bis heute fragt sie sich »bei jeder neuen Bekanntschaft: Na, wie stünde es mit dir, in einer Zeit wie damals, wärst du noch ein Freund?« Finkelgruens Buch hätte sie »vor 30 Jahren nicht lesen können. Ich hätte es einfach nicht ertragen. Jetzt kann ich’s, aber nicht, ohne dass es mich tief berührt und mich dazu veranlasst, heute noch aktuelle unangenehme Fragen zu stellen«.

Dalia Schaechter liest derzeit das neue Buch von Peter Finkelgruen, Soweit er Jude war … ein Buch über die Edelweißpiraten.

Von den Edelweißpiraten hörte Dalia Schaechter zum ersten Mal, »als ich 1995 nach Köln kam. In gewisser Weise machte mir das Wissen um ihre Existenz das Leben und Bleiben in Köln leichter«. Gott sei Dank gab es sie, diese Jugendlichen, die es gewagt haben, selbstständig zu denken »und sich tatsächlich, wie kleine Blumen, gegen die braune Masse zu erheben«. Und sie ergänzt: »Was für ein Glück, einen unerschrockenen Peter Finkelgruen zu haben, der für das Erinnern an die Edelweißpiraten, gegen eine dunkle Seite der bundesdeutschen Demokratie gekämpft und sich durchgesetzt hat.

LOCKDOWN Auch Remko Leemhuis wollte die Zeit nutzen und gibt zu: «Mein Bücherstapel ist während des Lockdown noch gewachsen, insofern kann man schon sagen, dass die Umsetzung meiner Lesepläne eher erfolglos war.» Vorgenommen hatte sich der Direktor des American Jewish Committee (AJC) in Berlin unter anderem «die Lektüre der Churchill-Biografie von Andrew Roberts und Jill Lepores Geschichte der Vereinigten Staaten, aber beide Bücher habe ich nicht vollständig geschafft».

Aber man habe ja wegen der Ausgangsbeschränkungen nicht unbedingt mehr Freizeit. Viel gelesen hat er trotzdem: eine Biografie von Arthur Koestler zum Beispiel und Adam Hasletts Roman Stellt euch vor, ich bin fort.

Die noch ungelesenen Bücher, so Leemhuis, «werden noch eine Weile als stumme Anklage daliegen», möglicherweise bis zu der möglichen zweiten Corona-Welle im Herbst. «Aber da wäre es mir natürlich lieber, wenn der Bücherstapel einfach weiter wächst und der Welt ein neuer Krankheitsausbruch erspart bleibt.»

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