Immobilie

Das jüdische Monbijou

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, über den Preis leider nicht immer. Denn die Frage, ob das 1490 Quadratmeter große Luxusanwesen mit seinen rund 30 Zimmern auf mehreren Ebenen auf Schwanenwerder eine architektonische Perle ist oder einfach nur ein klotziges Monstrum, das eher dem ästhetischen Empfinden neureicher Mafiosi entspricht, bleibt offen.

Fakt aber ist: Das Haus mit seinem dazu gehörenden Park, der eine Fläche von mehr als 10.000 Quadratmeter hat, ist die teuerste Villa, die derzeit in Deutschland zum Verkauf steht.

Knapp 80 Millionen Euro muss man hinlegen, um es sich dort auf der Havelinsel gemütlich machen zu können. Schwanenwerder liegt im Berliner Ortsteil Nikolassee, der wiederum zum Bezirk Steglitz-Zehlendorf gehört. Eine Geschichte gibt es quasi als Bonus obendrauf: Angeblich soll Brad Pitt persönlich den Bau der Villa für seine damalige Gattin Angelina Jolie in Auftrag gegeben haben, der Hollywoodstar dementiert aber.

Genau auf dem Gelände, wo sich der Landsitz der Familie Israel befand, steht die »Bunkeranlage«.

Dabei haben die Insel und das Areal, auf dem die Luxus-Immobilie steht, eine viel spannendere Historie, und die beginnt damit, dass sie früher eigentlich gar nicht Schwanenwerder hieß, sondern Sandwerder. Das klang wenig glamourös für die wohlhabenden Berliner, die dort unweit der Hauptstadt, aber dennoch abgeschieden im späten 19. Jahrhundert die ersten prunkvollen Villen bauen ließen, allen voran Wilhelm Wessel. Der Lampenfabrikant machte sich bei Kaiser Wilhelm II. auch dafür stark, dass die Insel 1901 ihren jetzigen Namen erhielt.

Aus Sandwerder wurde Schwanenwerder

In dieser Zeit entdeckten andere ebenfalls Schwanenwerder als Refugium. Oscar Wassermann beispielsweise, ein deutsch-jüdischer Bankier, der zum Vorstand der Deutschen Bank gehörte, Werner Feilchenfeld, Syndikus der Industrie- und Handelskammer in Berlin und nach 1935 Leiter der Haavara Trust and Transfer Ltd. in Tel Aviv, oder Walter Sobernheim, Generaldirektor der Schultheiss-Brauerei sowie Bruder des jüdischen Diplomaten und Orientalisten Moritz Sobernheim, sie alle ließen sich dort nieder. Last but not least kamen auch die Nachkommen von Nathan Israel hinzu, dem Gründer der gleichnamigen Kaufhausdynastie. Und genau auf dem Gelände, wo sich einst der Landsitz der Israels befand, steht heute die im Jahr 2009 gebaute Prachthütte, die seit Februar dieses Jahres für einen Rekordpreis im Angebot ist.

Einer der letzten Nutzer der alten Israel-Villa war nach 1935 Wilfrid Israel, ein Philanthrop und Erbe des Kaufhauses. Bereits in jungen Jahren verbrachte er dort gern seine Zeit. »Waren seine Eltern abwesend, lud er gewöhnlich auch Freunde in die Villa ›Monbijou‹ ein«, schreibt seine Biografin Naomi Shepherd. »Wilfrid Israel sang häufig ein Loblied auf das englische ›weekend‹, das er auf Schwanenwerder zu leben versuchte.«

Bereits in jungen Jahren verbrachte Wilfrid Israel dort gern seine Zeit

Diese Zeilen verweisen auf gleich mehrere Kontextebenen. Zum einen war Wilfrid Israel sowohl deutscher als auch britischer Staatsbürger – schließlich kam er in London zur Welt und seine Mutter war Engländerin. Genau das eröffnete ihm eine Zeit lang in den Jahren nach 1933 einen größeren Handlungsspielraum gegenüber den Nationalsozialisten als anderen, und zwar sowohl bei der Abwicklung des Kaufhauses und dem Verkauf der Villa als auch bei seinen Aktivitäten im Dienste des Zionismus.

Denn nach 1933 war Wilfrid Israel die treibende Kraft hinter der Kinder- und Jugend-Alija nach Palästina, er saß im Direktorium des Hilfsvereins der deutschen Juden und organisierte Kindertransporte nach England. Zehntausenden half er so bei der Ausreise aus Deutschland, machte stets weiter, obwohl die SA ihn zweimal verhaftete. Darüber hinaus unterstützte er jüdische Angestellte des Kaufhauses Wilfrid Israel mit einer Auszahlung von zwei Jahresgehältern und half auch ihnen bei der Flucht vor den Nazis.

Auf Schwanenwerder pflegte Wilfrid Israel trotz allem Faible für das Englische einen recht unenglischen Stil, vor allem was seine Kleidung betraf. Denn das Asiatische war eine weitere Leidenschaft von ihm. Von seinen Reisen nach Indien, China oder Kambodscha brachte er viel Kunst mit.

Von seinen Reisen nach Indien, China oder Kambodscha brachte Israel viel Kunst mit

Sie ist heute im Wilfrid Israel Museum im Kibbuz HaSorea nahe Megiddo zu bewundern, das 1936 von Angehörigen der von ihm gleichfalls protegierten Werkleute-Bewegung gegründet wurde. 1940 war Wilfrid Israel selbst vor Ort, und zeitweise dachte er sogar darüber nach, sich dort niederzulassen.

Die Nähe zu Berlin und die Tatsache, dass fast alle Villen auf Schwanenwerder Juden gehörten, lockte bald schon die Nazi-Elite an. Propagandaminister Joseph Goebbels riss sich für wenig Geld die Grundstücke von Oscar Schlitter und Samuel Goldschmidt unter den Nagel, es folgte Hitlers Leibarzt Theo Morell. Auch sein »Patient« zeigte Interesse, die Reichskanzlei erwarb ein Grundstück für ihn. Hitlers Architekt Albert Speer war besonders dreist. Er kaufte 1938 für einen Spottpreis das Grundstück von Marie-Anne von Goldschmidt-Rothschild, nur um es 1943 für mehr als das Doppelte an die Deutsche Reichsbahn weiterzuverkaufen.

Wilfrid Israel dagegen agierte geschickter, vermietete sein »Monbijou« an die Aschaffenburger Zellstoffwerke, ließ sich aber vertraglich ein Vorkaufsrecht auf das Unternehmen eintragen. Nur hatte er nichts davon. Am 1. Juni 1943 kam Wilfrid Israel ums Leben, als das Flugzeug, in dem er sich auf dem Weg von Lissabon nach London befand, von einem deutschen Jäger abgeschossen wurde. In Portugal noch hatte er die Ausreise jüdischer Flüchtlinge von der Iberischen Halbinsel nach Palästina organisiert.

Wilfrid Israel war die treibende Kraft hinter der Kinder- und Jugend-Alija nach Palästina.

Sein jüngerer Bruder Herbert Israel, der den Krieg in New York überlebt hatte, setzte die Restitution des Anwesens nach Begleichung einer Grundschuld von 10.000 D-Mark durch. Herbert lebte dort aber nie, weshalb die Villa mitsamt Grundstück nach dessen Tod 1964 für eine halbe Million an die Reichsbahn ging, die es dann 2003 für 4,3 Millionen Euro an die Erben eines Kosmetikunternehmens veräußerte.

Drei Jahre später der nächste Verkauf und der Abriss der alten Israel-Villa. Es entstand die »Bunkeranlage«, so nennen die Nachbarn das überdimensionierte Gebäude, das zuerst beim Luxus-Immobilienhändler Christie’s Real Estate mit dem Zusatz »Exklusive Architekturikone auf Schwanenwerder mit Ausblick für die Ewigkeit« offeriert wurde – angesichts der Geschichte der Insel und ihrer Bewohner eine interessante Formulierung.

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