Berlin

Vorher, nachher

Mit einem Griff nimmt der Restaurator drei Steine aus der Mauer, wirft sie auf den Boden, greift zu Hammer und Meißel, um unter einem stumpfen Ton weitere lose Steine und bröckeligen Zement aus der Mauer zu brechen. In gut vier Monaten wird, wenn das Wetter mitspielt, das Grab von Emil Ellenburg fast wieder wie neu aussehen. Die letzte Ruhestätte des Berliner Kaufmanns, der am 4. August 1881 verstarb und auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee begraben ist, liegt direkt an der Einfriedungsmauer, die nach dreijähriger Sanierzeit im November vergangenen Jahres fertiggestellt worden war.

Am Mittwochnachmittag haben Michael Müller (SPD), Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, und Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, das Ergebnis der Sanierungsarbeiten vorgestellt. »Heute ist ein besonderer Tag«, sagte Joffe, der erläuterte, dass es eine Mizwa, »eine große und gute Tat«, sei, sich um die Verstorbenen zu kümmern. Matthias Köhne (SPD), der Bezirksbürgermeister von Pankow, freute sich über das Ergebnis der Sanierung, denn der Jüdische Friedhof sei eine Visitenkarte nicht nur für den Bezirk und das Land Berlin, sondern auch über die Grenzen Deutschlands hinweg.

UNESCO Dass dieses »sichtbare Zeichen aktiven jüdischen Lebens« nun wieder etwas schöner geworden sei, davon war nicht nur der Bürgermeister überzeugt, sondern auch Stadtentwicklungssenator Müller, der den Friedhof als wichtiges Kulturgut sieht und hofft, dass er Mitte 2013 auf die Weltkulturerbeliste der UNESCO gesetzt wird. Ministerialdirektorin Ingeborg Berggreen-Merkel betonte, dieses Projekt sei ein »wichtiges Beispiel, dass auch in Krisenzeiten, etwas für die Kultur getan wird«.

Und das geschah beim Jüdischen Friedhof in Rekordzeit, mit Gesamtbruttokosten von 1,739 Millionen Euro für eine Strecke von 1600 Metern. Ein Beispiel für Michael Müller, dass es in Berlin immer noch möglich ist, ein »Bauprojekt im Kosten- und Zeitrahmen abzuschließen«. Das Landschaftsarchitektenbüro Dr. Jacobs & Hübinger setzte sogar noch einen oben drauf, denn geplant war eigentlich, nur 1000 der insgesamt 2700 Meter zu sanieren.

Die Einfriedungsmauer, die von Hugo Licht 1880 gebaut wurde, ist drei Meter hoch und in einer »aufwendigen, mehrfarbigen Ziegelbauweise mit Ornamenten und Mauerkronen« gestaltet. Allerdings haben äußere Einwirkungen wie Wetter, Kriege und Vernachlässigung ihr Übriges getan, um den Zahn der Zeit kräftig arbeiten zu lassen. Auch die Natur hinterlässt ihre Spuren.

Efeu Mose, Wildwuchs und Rankepflanzen haben den Gräbern zugesetzt. Wie beim Grab von Familie Sigmund Levin, vor dem zwei Gartenpfleger am Mittwoch im Halbschatten Unkraut jäten. »Efeu ist der Feind«, kommentiert Fiona Laudamus von der Bauleitung die Sisyphusarbeit. Auch auf der Grabstelle von Manfred und Paula Cahn, die erst kürzlich von allem Grünzeug befreit wurde, wachsen auf der Krone schon wieder Mose.

Noch ist die Arbeit an der Einfriedungsmauer allerdings nicht vollständig abgeschlossen. Im nächsten Schritt werden die restlichen 1100 Meter saniert. Mit Hammer und Meißel und ganz sicher mit viel Hingabe.

Israeltag

Wenn Freunde feiern

Rund 2000 Münchnerinnen und Münchner kamen auf dem Odeonsplatz zusammen, um ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat zu demonstrieren

von Ellen Presser  27.06.2026

Porträt der Woche

Einfach sie selbst

Hannah Kruse ist Lehrerin, engagiert sich politisch und lebt seit ihrer Transition als Frau

von Alicia Rust  27.06.2026

Glosse

Danke, Felix!

Acht Jahre lang hat Felix Klein die wohl anstrengendste Religionsgemeinschaft dieser Welt ertragen. Nun scheidet er aus dem Amt. Eine etwas andere Würdigung

von Leeor Engländer  27.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026

Köln

»Russisch gehört zum Familienleben«

Hana Fischer bietet in der Kulturakademie Sprachkurse für Kinder an. Ein Gespräch über spielerisches Lernen, Vokabeln und das beliebte Bingo-Alphabet

von Christine Schmitt  26.06.2026

Dresden/Gohrisch

Sächsische Schostakowitsch Tage eröffnet

Das Festival widmet sich bis Sonntag jüdischen Einflüssen auf das Werk des russischen Komponisten

 26.06.2026

Chabad

Jüdische Gemeinde verschiebt Fest wegen Hitze

Neuer Termin nun Ende August

 25.06.2026

Musik

Vielstimmig

Das Festival »Shirat Haʼam« der ZWST hat sich zu einer kleinen Tradition entwickelt und ist so beliebt, dass Chöre weite Reisen auf sich nehmen, um dabei zu sein. Wir haben mitgehört

von Anja Bochtler  25.06.2026

Zwickau

Ausstellung zu jüdischen Lebensgeschichten

Im Jahr 2022 ist in Zwickau eine alte Torarolle wiederentdeckt worden. Die Schrift der früheren jüdischen Ortsgemeinde bildet nun das Herzstück einer Ausstellung

 24.06.2026