Bildung

Von koscherer Küche bis Kabbala

Expertenrunde: Sylvia Löhrmann vom Verein »321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«, die Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbands, Annegret Kramp-Karrenbauer, Zentralratspräsident Josef Schuster und die VHS-Leiterin Esther Joy Dohmen im Gespräch mit der Moderatorin Shelly Kupferberg (v.l.) Foto: Gregor Zielke

Expertinnen und Experten haben die Bedeutung von Volkshochschulen für lebenslanges Lernen gewürdigt. Über die Vermittlung von Wissen und Begegnungen könne beispielsweise auch Antisemitismus vorgebeugt werden. Sie äußerten sich auf einer online übertragenen Veranstaltung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes anlässlich des zu Ende gehenden Festjahres »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« in Berlin.

Aus Sicht des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, ist heutzutage lebenslanges Lernen wichtiger denn je. Schuster nannte in dem Zusammenhang etwa die Infragestellung von europäischen Werten, den Klimawandel sowie die Tatsache, dass derzeit so viele Menschen weltweit auf der Flucht seien wie nie zuvor.

Pandemie Solche Veränderungen und Entwicklungen könnten Menschen verunsichern. So erhielten Populisten mitunter reichlich Zustimmung, auch in Parlamenten. Ebenso erinnerte Schuster an Verschwörungserzählungen, die etwa auf Demonstrationen gegen staatliche Coronamaßnahmen verbreitet worden seien. Manches mute mittelalterlich an - ebenso, dass Juden zu Sündenböcken für vermeintlich Unerklärliches wie die Corona-Pandemie gemacht würden.

Schuster betonte: »Niemand, kein Kind, wird als Antisemit geboren.« Da entsprechende Prägungen schon in Schulen vonstatten gehen könnten, müsse in der Bildung angesetzt werden. In Volkshochschulen habe es in dem noch bis Mitte des Jahres laufenden Festjahres zahlreiche Veranstaltungen gegeben: Literatur, Kabbala, jiddische Sprache, koschere Küche, Hochschulwesen.

So könnten Menschen Judentum in seiner Vielfalt kennenlernen. Schuster gab zu bedenken: Einerseits müsse die Erinnerung an die Schoa, die Vernichtung der Juden im Zweiten Weltkrieg, wachgehalten werden. Andererseits müsse verhindert werden, dass Juden ausschließlich als »Phänomen« und Opfer wahrgenommen würden.

Nahost Es sei Aufgabe von Bildung zu vermitteln, dass jüdisches Leben mehr als Holocaust und Nahostkonflikt sei und Juden »handelnde Menschen« einer 1700-jährigen Geschichte seien, so Schuster. Dafür sei es unerlässlich, Juden und deren Perspektiven kennenzulernen. Auch in Integrationskursen solle entsprechendes Wissen vermittelt werden.

Die Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes, Annegret Kramp-Karrenbauer, betonte ebenfalls, dass die Volkshochschulen Wissen vermitteln und Orientierung geben wollten in verunsichernden Zeiten. Sie wollten auch Menschen auf der Flucht unterstützen, etwa mit Sprachkursen und Begleitung.

Derzeit hätten zahlreiche Menschen den Eindruck, dass es im Miteinander mehr Trennendes als Verbindendes gebe. Daher widmeten sich die Volkshochschulen der Frage, wie Vielfalt und Zusammenhalt trotz Herausforderungen gelebt werden könnten. Demokratie sei die beste, aber auch anstrengendste Staatsform und benötige »aktives Mittun«. Daher sei demokratische Bildung auch in den Volkshochschulen wichtig.

Erfahrungen Das Festjahr habe deutlich gemacht, wie facettenreich und vital jüdisches Leben schon immer war, ist und sein wird, sagte die Präsidentin. Ein Voranschreiten in diesem Sinne sei nötig. Auch Sylvia Löhrmann, Generalsekretärin des Vereins »321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«, der das Festjahr initiiert hatte, hofft, dass Wissen und Erfahrungen im Festjahr nachhaltig wirkten. Schuster sagte, dass Festjahr habe gezeigt, dass Juden keine »Exoten«, sondern Bestandteil der Gesellschaft seien.

Lesen sie mehr in der kommenden Printausgabe.

Sachsen-Anhalt

Landeszentrale unterstützt Fahrten von Schülern zu jüdischen Gemeinden

Seit Jahren können Schulklassen für Fahrten zu Gedenkstätten Zuschüsse beim Land Sachsen-Anhalt beantragen. Künftig soll auch jüdisches Leben sichtbar gemacht werden, weshalb das Land die Förderung ausweitet

 31.08.2026

Berlin

Eine Torarolle für die Zukunft

30 Jahre Chabad Berlin: Gemeinde feiert mit einem Straßenfest und einer ganz besonderen Zeremonie

 31.08.2026

Berlin

Chabad-Gemeinde feiert 30-jähriges Bestehen

Musik, Street-Food und ein Festakt: Die jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin hat ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dabei gab es auch einen virtuellen Ausblick auf ein großes Bauprojekt, das nächstes Jahr starten soll

 30.08.2026

Natur

Damit es grünt

Die Gemeinden machen sich Sorgen über die Folgen des Klimawandels – und suchen gemäß Tikkun Olam nach Auswegen

von Chris Meyer  30.08.2026

Rundgang

Blick in die Vergangenheit

Die jüdische Geschichte Münchens erlebte viele Umbrüche – und ist kaum jünger als die urkundlich verbürgte Historie der Stadt selbst

von Luis Gruhler  30.08.2026

Porträt der Woche

»Ich brauche absolute Ruhe«

Zvi Dori ist Geigenbauer in Hannover und seit dem 7. Oktober vorsichtiger geworden

von Alicia Rust  30.08.2026

Berlin

Jüdischer Garten ausgezeichnet

Laut Jury »zeugt der Garten neben seiner Niederschwelligkeit und atmosphärischen Dichte, von großer Poesie und Klarheit«

 28.08.2026

Ehrenamt

Zeit für andere

Vereine, Institutionen und auch Gemeinden bauen auf sie: Menschen, die sich freiwillig für jüdisches Leben engagieren. Zwei Projekte werden nun ausgezeichnet

von Katrin Richter  27.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  27.08.2026