Kommentar

Vielstimmig und facettenreich

Judith Epstein Foto: picture alliance / Eventpress

Kommentar

Vielstimmig und facettenreich

Jüdische Kultur lässt sich nicht auf eine Stimme, eine Tradition oder eine Perspektive reduzieren

von Judith Epstein  15.06.2026 12:03 Uhr

Gerade sind wir voll in die Planung unseres 40-jährigen Jubiläums der jüdischen Kulturtage München eingestiegen. Hier habe ich als Vorsitzende in den vergangenen Jahren eine Erfahrung immer wieder aufs Neue machen dürfen: Jüdische Kultur lässt sich nicht auf eine Stimme, eine Tradition oder eine Perspektive reduzieren. Sie ist vielstimmig, facettenreich und voller überraschender Widersprüche.

Jahr für Jahr bringen die Jüdischen Kulturtage Künstler, Musiker, Autoren und Gäste unterschiedlichster Herkunft zusammen. Menschen mit verschiedenen Biografien, religiösen Prägungen, kulturellen Hintergründen und politischen Überzeugungen begegnen einander und entdecken oft mehr Gemeinsames als Trennendes. Diese Vielfalt sichtbar zu machen und ihr eine Bühne zu geben, gehört für mich zu den schönsten Aufgaben überhaupt.

Diese Vielfalt spiegelt sich auch in der jüdischen Gemeinschaft wider. Wir Jüdinnen und Juden stammen aus unterschiedlichen Ländern, Traditionen und religiösen Strömungen. Orthodoxe, liberale, traditionelle und reformorientierte Auffassungen bestehen nebeneinander. Alteingesessene jüdische Familien, Holocaust-Überlebende aus Osteuropa und ihre Nachkommen, Einwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, Jüdinnen und Juden aus Israel und weiteren Teilen der Welt prägen heute das jüdische Leben in Deutschland. Gerade diese Unterschiedlichkeit macht unsere Gemeinde lebendig und zukunftsfähig.

Ringen und argumentieren

Das Judentum war niemals eine Kultur der Gleichförmigkeit. Diskussion, Debatte und leidenschaftlicher Dissens gehören seit Jahrhunderten zu unserer Tradition. Der Talmud selbst ist Ausdruck dieser Kultur des Fragens, Ringens und Argumentierens. Unterschiedliche Meinungen wurden nicht ausgelöscht, sondern bewahrt. Darin liegt eine der großen Stärken unseres Volkes.

Gerade deshalb sollten wir Vielfalt, Diskurs und Meinungsverschiedenheiten niemals als Schwäche verstehen. Sie sind ein Schatz. Sie schaffen neue Perspektiven, fördern Verständnis und halten eine Gemeinschaft lebendig.

Gleichzeitig erleben wir eine Zeit, die viele Jüdinnen und Juden als tiefgreifende Zäsur empfinden. Seit dem 7. Oktober hat sich das Gefühl von Sicherheit für viele grundlegend verändert. Antisemitismus tritt wieder offen zutage – auf unseren Straßen, an Universitäten, in sozialen Medien und zunehmend auch in politischen Debatten. Antisemitische und extremistische Kräfte gewinnen in vielen Ländern an Einfluss. Jüdische Menschen sehen sich weltweit mit Bedrohungen und Anfeindungen konfrontiert – in einer Dimension, die viele seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr für möglich gehalten hätten. Gerade in solchen Zeiten gewinnt ein weiterer jüdischer Wert besondere Bedeutung: die Einheit.

Quelle jüdischer Stärke

Einheit bedeutet nicht, dass alle dieselbe Meinung haben müssen. Sie bedeutet auch nicht, Kontroversen zu vermeiden. Die Vielfalt der Stimmen war immer eine Quelle jüdischer Stärke. Einheit bedeutet vielmehr, trotz unterschiedlicher Auffassungen füreinander einzustehen, Verantwortung füreinander zu übernehmen und das Verbindende über das Trennende zu stellen.

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Lebendigkeit zeigt sich auch in der jüdischen Geschichte immer wieder darin, dass Zusammenhalt nicht bedeutet, Unterschiede aufzugeben. Zusammenhalt bedeutet, trotz unterschiedlicher Herkunft, Traditionen und Überzeugungen gemeinsam für das einzustehen, was uns verbindet. Das Judentum hat über Jahrtausende Werte hervorgebracht, die weit über unsere Gemeinschaft hinaus Bedeutung besitzen: die Wahrung der Traditionen, die Achtung der Würde jedes Menschen, die Verantwortung füreinander, den Respekt vor unterschiedlichen Meinungen und die Offenheit für Fortschritt, Wandel und neue Perspektiven.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist das jüdische Leben in Deutschland. Nach der Schoa schien eine jüdische Zukunft in der Bundesrepublik kaum vorstellbar, und die Kluft zwischen jenen Juden, die Deutschland für immer den Rücken kehren wollten, und jenen, die hier Neues aufbauen wollten, konnte kaum größer sein. Die Skepsis und Abneigung der eingeborenen deutschen Juden, die überlebt hatten, gegenüber den neu eingewanderten sogenannten Ostjuden, die in Polen den Holocaust überlebt hatten, waren immens. Man kann sich diese kulturellen Spannungen innerhalb der kleinen jüdischen Gemeinde heute kaum noch vorstellen.

Nicht immer konfliktfrei

Dennoch ist es gelungen, Gemeinden wieder aufzubauen und jüdischem Leben eine starke Stimme zu verleihen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat dabei eine entscheidende Rolle gespielt. Unter einem gemeinsamen Dach wurden unterschiedliche Gemeinden, religiöse Strömungen und kulturelle Traditionen zusammengeführt. Das geschah auch in den Folgejahren nicht immer konfliktfrei.

Es gab unterschiedliche Interessen, Meinungsverschiedenheiten und kontroverse Debatten. Doch es ist gelungen, Brücken zu bauen, unterschiedliche Vorstellungen und Bedürfnisse zu hören, zu respektieren und einem größeren, übergeordneten Ziel der Einheit unterzuordnen. Aus dieser Einheit entstand politische, gesellschaftliche und kulturelle Stärke.

Erfolgreich war dieser Weg auch für die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern, der ich angehöre. Über Jahrzehnte hinweg konnte sie die Interessen jüdischer Menschen in München und Bayern durch eine klare, starke und vor allem geeinte Stimme vertreten. So wurde vieles möglich: gesellschaftliche Anerkennung, politische Durchsetzungskraft, Sicherheit, kulturelle Sichtbarkeit und ein lebendiges Gemeindeleben.

Lebendige Gemeinschaft

Offenkundig sollten wir uns insbesondere in schwierigen Zeiten dieser Errungenschaften bewusst sein, sie wertschätzen, pflegen und wieder stärker in den Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns stellen. Denn Einheit ist keine Selbstverständlichkeit. Sie muss immer wieder neu erarbeitet, gestärkt und mit Leben gefüllt werden.

Respekt vor unterschiedlichen Stimmen und Perspektiven ist eine Voraussetzung für jede lebendige Gemeinschaft. Unsere Vielfalt ist ein Reichtum. Unsere unterschiedlichen Stimmen sind Ausdruck einer lebendigen Gemeinschaft. Doch unsere größte Stärke entsteht dort, wo diese Stimmen gemeinsam gehört werden.

Gerade heute brauchen wir beides: die Vielfalt, die uns bereichert, und die Einheit, die uns trägt. Denn nur gemeinsam werden wir die Herausforderungen unserer Zeit bewältigen und das jüdische Leben in Deutschland auch für kommende Generationen stark, sichtbar und lebendig erhalten.

Judith Epstein ist Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition e.V. und organisiert die Jüdischen Kulturtage in München.

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