Nevatim

Vernetzt in Würzburg

Schüchtern stehen Ayelet, Paul, Anna und ein weiteres Dutzend Jugendlicher vor dem Seminarraum in der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg. Die künftigen Madrichim vom Workshop »Outdoor Education« gehören zu den rund 50 jungen jüdischen Erwachsenen, die an diesem Wochenende am Seminar »Nevatim« (Sprossen) in Würzburg teilnehmen. Verhalten mustern sie sich gegenseitig.

Doch Jürgen Schwab weiß, wie man das Eis bricht. Im Abstand von einem Meter legt der Pädagoge vor dem Seminarraum Holzscheite auf den Boden. Dann bittet er die Teilnehmer, sich darauf zu stellen. »Stellt euch vor, die Holzstücke sind Inseln im Wasser«, ruft er den Jugendlichen zu. »Entwickelt zusammen in fünf Minuten eine Strategie, wie ihr ans rettende Ufer gelangt. Die Zeit läuft!«

Anfangs noch zaghaft, dann immer lebendiger bringen die Jugendlichen ihre Ideen vor. Nach zwei Minuten herrscht ein reges Miteinander – die anfängliche Unsicherheit ist verflogen. »So in etwa hab’ ich mir das vorgestellt«, sagt Schwab. »Nur wenn die Jugendlichen die Übung selbst mal gemacht haben, können sie sie gut in ihrem Jugendzentrum anwenden.«

engagement Jüdische Bildung, Medienarbeit und Projektmanagement bestimmen die von der Jewish Agency gemeinsam mit der Janusz Korczak Akademie und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) organisierte dreitägige Veranstaltung. In Vorträgen, Workshops und Diskussionen setzen sich die Teilnehmer mit der Frage auseinander, wie zeitgemäßes jüdisches Engagement aussehen kann.

Einer von ihnen ist der 17-jährige Schüler Igor. Der Nürnberger ist nach Würzburg gereist, um sich Ideen für die Arbeit im Jugendzentrum seiner Gemeinde zu holen. »Ab dem Spätsommer werde ich eine eigene Gruppe leiten«, erklärt Igor. »Bis dahin muss ich noch viel darüber lernen, wie man Kinder anleitet.« Besonders begeistert ist er deshalb von der Seminarreihe »Leadership in Jewish Education«. Die eine oder andere Anregung werde er in seinem Jugendzentrum auf jeden Fall umsetzen, ist er sich sicher.

»Wir wollen mit dem Seminar jungen Erwachsenen ein attraktives Angebot machen«, erklärt Stanislav Skibinski von der Jewish Agency die Idee des Nevatim-Seminars. Früher habe sich die Organisation vornehmlich darum bemüht, die Alija zu fördern, heute sei das Hauptziel, die Jugendlichen in ihrer jüdischen Identität zu stärken, so der 47-Jährige. »Unser Anliegen ist die Stärkung der jüdischen Gemeinden«, betont der seit 1997 in Deutschland lebende Skibinski.

Josef Schuster, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Würzburg und Vizepräsident des Zentralrats der Juden, begrüßte beim gemeinsamen Kiddusch die Initiative der Jewish Agency. »Es stimmt mich positiv, zu sehen, dass das Interesse an dieser Veranstaltung so groß ist und so viele Teilnehmer aus ganz Deutschland zu uns nach Würzburg gekommen sind«, betont Schuster. Eine aktive jüdische Gemeinschaft sei wesentlich von einer jungen Generation abhängig, die sich gern ins Gemeindeleben einbringe, so Schuster.

verantwortung Von dieser Einschätzung ist auch Referent Leo Sucharewicz aus München überzeugt. »Die jüdische Gemeinschaft ist winzig«, sagt der Politologe und Unternehmensberater in seinem Vortrag »Leadership and Social Responsibility« an die jungen Erwachsenen gewandt. »Wenn ihr euch nicht einbringt, tut es keiner!«

Denn Engagement sei wichtiger denn je, findet Sucharewicz. Seit der zweiten Intifada im Jahr 2000 sei Israel zunehmend Anfeindungen ausgesetzt. »Wenn wir uns nicht dagegen wehren, fällt das irgendwann auf uns zurück.« Er selbst hat auf diese Entwicklung vor vielen Jahren reagiert. Um ein authentisches Bild vom jüdischen Staat zu vermitteln, rief er den 8. Mai als deutschlandweiten »Israeltag« ins Leben. »Eine gute Idee kann die Welt verändern«, weiß Sucharewicz.

Die 24-jährige Alina Kerzner ist noch auf der Suche nach einer zündenden Einfall für die jüdische Gemeinschaft. Die Münchnerin hat sich bewusst für Sucharewicz’ Vortrag entschieden, um sich Anregungen von dem PR-Profi zu holen. »Viele Zeitungen machen Israel und uns Juden runter, zuletzt in der Beschneidungsdebatte«, sagt Kerzner. »Ich möchte dem etwas entgegensetzen. Ich weiß nur noch nicht, wie und in welcher Form.«

Ian Schulman hingegen ist schon einen Schritt weiter. In der Seminarreihe »Future Jewish Media Makers« von Oren Osterer hat der 24-jährige Hamburger mit anderen Teilnehmern ein Filmprojekt vorbereitet, dessen Ergebnis mittelfristig auch an Schulen gezeigt werden soll. Worum genau es in dem Video geht, will Schulman noch nicht verraten. »Es wird aber definitiv wieder für Aufmerksamkeit sorgen«, verspricht er schon jetzt.

Mittelaltermarkt Bereits das letzte Projekt von Schulman und anderen »Future Jewish Media Makers« zeigte, wie mit relativ wenig Aufwand viel erreicht werden kann. Auf dem Fürther Mittelaltermarkt betrieben sie im Dezember einen jüdischen Stand. An diesem konnten die Besucher von einem Sofer in hebräischer Schrift ihren Namen schreiben lassen.

Die Lokalzeitung schrieb einen ausführlichen Artikel darüber. Und auch die Besucher zeigten großes Interesse. »Viele Deutsche haben noch nie einen Juden getroffen«, berichtet Schulman. »So konnten wir den Leuten mal zeigen, wer wir sind – und dass wir nicht alle mit Pejes oder Maschinengewehr herumlaufen.«

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