Berlin

Verdienstorden für Dayan Chanoch Ehrentreu

Rabbiner Dayan Chanoch Ehrentreu, Jahrgang 1932, musste als kleiner Junge miterleben, wie in der Pogromnacht 1938 die Synagoge seiner Heimatstadt Frankfurt am Main in Brand gesteckt wurde.

Nachdem Ehrentreus Vater, Rektor einer jüdischen Hochschule, in das Konzentrationslager Dachau gebracht wurde, floh er mit seiner Familie nach England. Dort studierte er an den Talmudhochschulen Sunderland und Gateshead, gründete das Sunderland Kollel. Später wurde er Rosh Beit Din am Rabbinischen Gerichtshof London, dann Oberhaupt des Beit Din der Europäischen Rabbinerkonferenz.

rabbinerseminar Im Jahr 2009 wurde dann vom Zentraltrat der Juden in Deutschland und der Ronald S. Lauder Foundation unter seiner Führung das Rabbinerseminar zu Berlin wiedereröffnet, das seit 1938 geschlossen war. Bis heute ist er Rektor dieser Institution.

Für seine »maßgebliche Rolle beim Wiederaufbau des traditionellen jüdischen Lebens in Deutschland« erhielt er am Donnerstag den Verdienstorden der Bundesrepublik. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) überreichte ihm die Ehrung im Auswärtigen Amt. Die Preisverleihung fand auf Wunsch von Ehrentreu in Berlin und nicht in London statt.

Bei der Feierstunde sagte Gabriel: »Dass sich Menschen jüdischen Glaubens dazu entschieden haben, nach der Schoa in Deutschland zu leben, ist ein unverdientes Geschenk.« Dieser Vertrauensbeweis bedeute eine Verpflichtung. Eine Verpflichtung, alles dafür zu tun, dass die Sicherheit jüdischer Mitbürger gewährleistet ist und jede Form des Antisemitismus bekämpft wird, und dass jüdisches Leben in Deutschland weiter floriert.

»Bei diesem Unterfangen sind Sie für uns ein sehr bedeutender Partner. Sie haben nicht nur Licht gebracht, Sie sind der Leitstern der jüdischen Bildung in Deutschland«, so Gabriel. Der SPD-Politiker, der zuvor bekannt gegeben hatte, dass er der künftigen Regierung nicht angehören werde, merkte noch an: »Es ist interessant, dass es meine letzte amtliche Pflicht ist, Ihnen den Verdienstorden zu verleihen.«

pogromnacht Dayan Ehrentreu erinnerte in seiner Rede an die Pogromnacht von 1938 und sagte, dass er die Flammen der brennenden Torarollen noch heute vor seinem geistigen Auge sehe. Er sprach vom jüdischen Überlebenswillen und erklärte mit der talmudischen Geschichte von Rabbi Chanina, dass die Tora und ihr Geist ewig und unsterblich sei. Dass es in Berlin nun wieder eine lebendige und wachsende Tora-Gemeinde mit verschiedenen Bildungseinrichtungen gebe, sei ein erneuter Beleg dafür. Er dankte für die Ehrung, die er, wie er sagte, stellvertretend für die gesamte jüdisch-orthodoxe Gemeinschaft in Deutschland annehme.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und Rabbi Josh Spinner von der Ronald S. Lauder Foundation würdigten Ehrentreu als bedeutende rabbinische Autorität, als Experten jüdischen Rechts und einflussreichen Lehrer und Gelehrten.

Schuster betonte die Leistung von Ehrentreu, unter dessen Führung das Rabbinerseminar wieder zu einem Zentrum orthodoxen Judentums in Deutschland wurde, wo religiöse Führungspersönlichkeiten ausgebildet würden »und jüdische Männer von Studenten zu Rabbinern werden«. Und mit Verweis auf die Schrecken der Kindheit des Rabbiners in Frankfurt sagte der Zentralratspräsident, dass sich damals wohl niemand hätte vorstellen können, dass der jüdische Gelehrte eines Tages eine der höchsten Ehrungen Deutschlands erhalten würde. ja

Lesen Sie mehr dazu in der nächsten Printausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

Ferien

Unsere kleine Stadt

Mehrere Wochen trafen sich deutsche, ukrainische und israelische Jugendliche in Brandenburg zu einem Sommercamp der Initiative »J-ArtEck«. Zum Abschluss inszenierten sie eine Oper von Paul Hindemith

von Leon Stork  23.08.2026

Plädoyer

Stark und selbstbewusst

Die Zeiten des Ghettos und Sich-Wegduckens gehören zum Glück der Vergangenheit an. Umso mehr sollten Juden hierzulande entschiedener für ihre Interessen eintreten

von Sacha Stawski  23.08.2026

Porträt der Woche

Mein Traum von Frieden

Yuval Halpern ist Sänger der iranisch-israelischen Band Sistanagila

von Alicia Rust  23.08.2026

Jüdisches Erbe

Leipziger Stadtrundgang zu jüdischer Musik

Mit dem »Notenbogen« erhält Leipzig einen weiteren musikhistorischen Stadtrundgang. Der Fokus soll dabei auf den Spuren »jüdischer Musik« liegen

von Joris Ufer  23.08.2026

Deutschland

Weil er sich israelsolidarisch äußerte: Mann wird mit Cuttermesser an Berliner U-Bahnhof angegriffen

Die Hintergründe

 22.08.2026

Memoiren

Und dennoch!

2012 erschienen die Lebenserinnerungen der Schoa-Überlebenden Charlotte Knobloch. Titel: »In Deutschland angekommen«. Heute sagt sie: »Ich habe mich getäuscht.« Jetzt legt deshalb ein weiteres Buch vor

von Christoph Renzikowski  21.08.2026

Benjamin Graumann Jüdische Gemeinde Frankfurt

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  21.08.2026

Straßenfest

Chabad Berlin feiert 30. Jubiläum

Drei Jahrzehnte jüdisches Leben: Mit einem Straßenfest möchte eine jüdische Gemeinde in Berlin nicht nur die eigene Geschichte feiern. Es soll auch ein Blick in die Zukunft geworfen werden

 20.08.2026

Vorschau

Widderhorn im Dom und ein Hauch von »Yiddish Summer« - Festival »Shalom-Musik.Koeln«

Begegnungen, Neugier und Zuhören fördern - das wollen die Macher des Festivals »Shalom-Musik.Koeln«. Und reichlich Musik und Gesang auf die Bühne bringen. Der Verein hinter dem Festival bekommt dafür jetzt einen Preis

von Leticia Witte  20.08.2026