Kunst

Urbane Bilder

Berlin ist Chaos. Ich glaube, zu Berlin muss man eine Hass-Liebe haben», sagt Omar Jaramillo Traverso. Er greift nach seiner Tasche, die er an seinen Stuhl gehängt hat, und holt seine Skizzenbücher hervor. Auf jeder Seite ist Berlin – bunt und laut und lecker. Omar ist Urban Sketcher, und kaum etwas liebt er so sehr, wie mit Stiften und Wasserfarben Menschen, Musiker oder Essen zu malen.

«Es ist meine Art, mir eine Stadt anzueignen. Ich fühle mich wie einer der Reisenden aus dem 18. Jahrhundert, die in ihre Bücher Zeichnungen gemalt haben, ähnlich Tagebüchern», erklärt der 42-Jährige, während er Seite um Seite seiner Kunst offenlegt.

Blog Jedes Sketchbuch, das er anfertigt, ist ein Unikat, unverkäuflich. Festes Papier, eingenäht in einen Lederumschlag. «Ringbücher mag ich nicht sonderlich. Da könnte doch jemand unbemerkt eine Seite stehlen, oder sie fällt einfach heraus und geht verloren.» Denn auch, wenn Omar nicht von den Skizzen lebt, so sichern sie doch sein Einkommen: «Meine Hauptbeschäftigung ist die Aquarellmalerei, aber ich erhalte viele Aufträge für andere Projekte. Denn durch meinen Blog im Internet bin ich ständig präsent. Mittlerweile zeichne ich auch für Zeitschriften grafische Reportagen oder auf Kongressen.»

Zufall Sein Weg zum Urban Sketcher war dann aber doch eher Zufall. In Ecuador geboren, besuchte Omar eine deutsche Schule. Damit er die mühsam erlernte Fremdsprache nicht vergisst, entschließt er sich nach dem Architektur-Grundstudium nach Deutschland zu gehen. Zehn Jahre bleibt der Zeichner in Kassel, bevor es ihn beruflich nach Sizilien verschlägt. Als Landschaftsgärtner findet Omar eine Anstellung und im Internet einen Bericht über die Urban-Sketcher-Szene Italiens.

«Die Idee begeisterte mich, vor allem als ich merkte, dass es so eine große Community gibt. Ich bewarb mich bei einer Gruppe in Sizilien und seitdem bin ich süchtig. Wir posten unsere Bilder auf unseren Websites, kommentieren und tauschen uns aus.»

Viele seien selbst professionelle Künstler oder gar Maler, weshalb es besonders schön war für Omar war, Komplimente zu erhalten. «Ich versuchte mich immer weiter zu verbessern. Vor allem aber kann man aus dem Ideenaustausch auch neue Ideen gewinnen. Zum Beispiel sah ich eine Serie über Sitzpositionen, die ein Künstler in Sevilla angefertigt hatte. Also zog ich los und versuchte auch eine solche Studie.»

Seitdem begleitet das Zeichnen Omars Leben und entpuppte sich sogar manchmal als einziger Lichtblick: «Für einen Auftrag ging ich für ein Jahr als Landschaftsgärtner nach Abu Dhabi. Dort konnten nur diese Zeichnungen mir wirkliche Glücksgefühle vermitteln. Sie wurden schließlich sogar in emiratischen Zeitungen gedruckt, wodurch ich neue Aufträge gewann. Das Urban Skechting hat mein Leben verändert.»

Kreuzberg Nach der Zeit in Abu Dhabi und Sizilien verschlägt es den Maler über Kanada nach Berlin-Kreuzberg. Omars Hände liegen auf seinen aufgeschlagenen Skizzenbüchern: Musiker, die vertieft an ihren Instrumenten zupfen. Eine Menora in einer Synagoge. Lachende Café-Besucher. Alles, was eine Geschichte erzählt, bannt Omar auf die Seiten seiner Bücher.

Stil «Durch meine Zeichnungen verschaffe ich mir selbst Verständnis meines Umfeldes. Einmal zeichnete ich ein Segelboot mit all seinen Leinen, und plötzlich verstand ich, wie alles funktionierte. So bearbeite ich meine Umgebung auch. Ich sauge alles durch meine Zeichnungen auf. Mein Stil entwickelte sich jedoch mit der Zeit. Als ich in Sizilien war, erlebte ich viele Prozessionen während der katholischen Agatafeste in Catania. Doch dann bemerkte ich, dass meine bisherige Art zu zeichnen hier nicht funktionierte. Heute zeichne ich sehr schnell, mit einem Stift, und ergänze dann mit Wasserfarben, die ich stets bei mir trage. Meistens vor Ort, sehr selten arbeite ich zu Hause noch etwas nach.»

Dadurch sei er «sehr minimalistisch» geworden. Deshalb fertige Omar keine komplizierten Zeichnungen, lieber «etwas Kleines mit Wiedererkennungswert». Die neue Sachlichkeit, die auch das Berlin der 20er-Jahre kennzeichnete und häufig alltägliche Sachen darstellt, ist meine Inspiration, sagt Omar.

Deshalb liebt der Wahl-Berliner wohl auch besonders seine Studie des israelischen Star-Koches Yirael Aharoni: «In Ecuador gibt es nicht so viele Juden oder ein ausgeprägtes jüdisches Leben. Hier in Deutschland ist es sehr präsent, sehr vielfältig. Die Mischung von Musik und Kultur ist toll. Seit Jahren begleite ich die jüdischen Kulturtage, und dort traf ich auf Yisrael Aharoni. Über das Essen kann man Kulturen gut wahrnehmen und es kann auch etwas völlig Neues entstehen.»

Knafe Omar legt seinen Kopf leicht schief, seine Augen scheinen fast durch die handgemachten Skizzen hindurchzusehen: «Aharoni erklärte seine Gerichte. Ich zeichnete und schrieb sie mit, allerdings muss ich sie noch ausprobieren. Aharoni macht auf jeden Fall das beste Knafe, das ich je in meinem Leben gegessen habe.» Mit einem herzhaften Lachen ist Omar wieder zurück aus dem Schlaraffenland.

Hochzeit Wenn Omar nicht gerade jüdische Feste besucht, studiert er eine andere Gruppe von Menschen: Migranten. «In Berlin gibt es viele Migrantengruppen, Israelis, Spanier, Araber, Türken, Italiener. Mich interessiert, was ist ähnlich, wo liegen Unterschiede. Mich fasziniert der Unterschied, das Fremde. Gerade hier in Berlin.» Denn obwohl er bereits seit vielen Jahren in der Stadt lebe, fühle er sich manchmal noch ein bisschen fremd.

Doch einen Wunsch konnte das bunte Berlin Omar noch nicht erfüllen: eine Hochzeit. «Ich würde wahnsinnig gerne eine jüdische Hochzeit zeichnen. Zwar habe ich viele israelische Freunde, sie sind nicht sonderlich religiös, aber traditionell. Eine richtige Hochzeit, mit Chuppa und den schönen Gewändern – das wäre traumhaft.»

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