Raketenbeschuss

»Unsere Gedanken sind bei ihnen«

Die Menschen versuchen sich so gut wie möglich zu schützen, wenn die Sirenen Raketen aus dem Gaza-Streifen ankündigen. Foto: Flash 90

Keine Nachrichten von ihren Söhnen seien »good news«, sagt Dorina Sandberg aus Frankfurt. Der ältere Sohn studiert in Herzliya, der jüngere 19-Jährige absolviert gerade seine Militär-Grundausbildung in Arad. »Da sage ich mir immer, dass die Stadt so klein ist, dass die Hamas da wohl keine Raketen hinschicken wird.«

Dorina Sandberg hat sich die App »Red Alert« installiert, die sie über Raketeneinschläge in Israel informiert.

Dorina Sandberg hat sich die App »Red Alert« installiert, die sie benachrichtigt, falls eine Rakete in Israel im Anflug ist. Dabei hat sie die App so eingestellt, dass ihr nur die Abwürfe über den Gebieten angezeigt werden, in denen sich ihre Kinder gerade aufhalten. Ihr älterer Sohn hat Glück, da er und seine WG-Mitbewohner in einem Neubau mit einem »Safe Room« leben. Er melde sich eher »sporadisch«, erzählt Dorina Sandberg, die sich bei der Frankfurter WIZO engagiert.

Gastfreundschaft Beim ersten Raketenbeschuss auf Tel Aviv vor ein paar Tagen war ihr jüngerer Sohn gerade im Rahmen der Grundausbildung in einem Trainingslager weiter weg von der Kaserne. Normalerweise meldet er sich jeden Abend kurz, wenn er sein Smartphone nutzen kann. Doch dort galt striktes Handyverbot, und sie hörte zwei Tage lang nichts von ihm. »Aber ich beruhigte mich damit, dass ich schon informiert worden wäre, wenn etwas passiert wäre.«

Nach diesem Trainingslager hatte der 19-Jährige frei und konnte die Kaserne verlassen. Er machte sich mit zwei Kameraden auf den Weg in Richtung Herzliya, um seinen Bruder zu besuchen. Dorina Sandberg riet ihm davon ab, sie machte sich große Sorgen. Zwischendurch meldete er sich immer wieder, berichtete ihr, dass sie sich umgezogen und die Uniform in den Rucksack gepackt hätten, der Bus erst später fahre und sie noch einen Security Mann an ihrer Seite hätten.

Informationen Doch für die Mutter klang das alles andere als beruhigend. Als ihr jüngerer Sohn sie schließlich informierte, dass sie nicht weiterkommen und in ein Hotel gehen, war sie erleichtert. Die drei Soldaten bekamen vom Hotelier jeder ein Zimmer, Hummus, Brot und Getränke. »Da gibt es Menschen, die sich um die drei kümmern. Jeder weiß in Israel, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen. Und der Hotelbesitzer verzichtete sogar auf die Bezahlung.« Am nächsten Tag schaffte er es zu seinem Bruder. Die Sorgen bleiben. Dorina Sandberg liest viele Online-Zeitungsmeldungen und schaut Nachrichten, um auf dem Laufenden zu sein.

Jedesmal wenn sie eine Nachricht auf dem Handy erhält, bekommt Karolina Becker Angst, ihren Freunden in Israel könnte etwas passiert sein.

Hunderte von Nachrichten sind in diesen Tagen auf dem Handy von Karolina Becker aus Osnabrück eingegangen. »Jedes Mal bekam und bekomme ich einen Schreck« – auch die 19-jährige Abiturientin hat die App »Red Alert« installiert. Sie sei sehr, sehr besorgt um ihre Freunde, die derzeit in Jerusalem leben, und um ihre Angehörigen. »Ich habe sie oft in Israel besucht«, sagt sie.

Nur im vergangenen Sommer ging es wegen der Pandemie nicht. Nun kommt noch dazu, dass ein Cousin ihres Vaters sich entschieden hat, mit seiner ganzen Familie Alija zu machen. Er habe seine Entscheidung bewusst getroffen und lasse sich nicht davon abbringen, weiß Karolina. Der Umzug ist fest geplant.

Falschmeldungen Neben den Gedanken um Freunde und Familienmitglieder kommt bei ihr noch eine andere Sorge hinzu, nämlich darüber, wie der Konflikt in den Medien dargestellt wird und wie viele Fake News bei den Social Media im Umlauf sind. Eines weiß sie aber genau: »Unschuldige Menschen sterben auf beiden Seiten.«

Die meisten Familien halten sich mithilfe von Chatgruppen gegenseitig auf dem Laufenden.

Auch der Bruder von Alex Mirsky hat gemeinsam mit seiner Frau Alija gemacht. Das Paar stand erst vor Kurzem unter der Chuppa. Auch für sie kamen die Angriffe überraschend. »Wir haben einen Familienchat, darüber hat uns mein Bruder informiert, dass sie im Luftschutzbunker in Sicherheit sind.«

Und am nächsten Tag meldete sich das Paar, dass für sie soweit alles in Ordnung sei. »Meine Gedanken sind nun bei ihnen«, sagt der Triathlon-Trainer von Makkabi Deutschland. Er hatte sowieso geplant, nach Israel zu reisen – als nahestehender Angehöriger darf er es derzeit. »Mal schauen, wie sich die Lage entwickelt.«

Der Bruder von Anat Gelbart hat ebenfalls erst kürzlich geheiratet, weshalb die Psychologiestudentin, ihre Eltern und ihre beiden Großmütter nach Israel geflogen sind. Drei ihrer Geschwister leben dort. Die Situation sei unberechenbar, erzählt sie. Am Nachmittag habe sie sich noch in Tel Aviv am Strand gesonnt. Gegen 20 Uhr war sie mit ihren Geschwistern unterwegs, und ihr Vater forderte sie dringend auf, sich in den Luftschutzbunker zu begeben. Als sie das Auto parkten, ging der Alarm los, sie konnten sich gerade noch unterstellen und wurden schließlich von Anwohnern in einen Bunker eingeladen.

Schlimm ist, wenn das Internet nicht funktioniert und man nichts erfährt.

»Ich war noch nie in einem Bunker«, erzählt Anat. Nach einiger Zeit wollten sie in die zehn Minuten entfernte Wohnung ihrer Schwester laufen, kamen aber nicht weit, weil wieder Sirenen schrillten. Wieder suchten sie Schutz, diesmal fanden sie ihn in einem Restaurant. Ein bisschen später schafften sie es schließlich in das Apartment, in dem es auch einen Luftschutzraum gibt.

»Ich habe immer gehört, wie die Raketen abgefangen wurden, und dachte, was nur passiert wäre, wenn sie hier eingeschlagen wären.« Die Angst um alle bleibt. Speziell auch um ihren Bruder, der bei der Armee ist, und um den Freund ihrer Schwester, der die militärische Ausbildung hinter sich hat, aber als Reservist wieder eingezogen werden könnte. Bis zu den aktuellen Kämpfen habe ihr Israel so gut gefallen, dass sie sogar überlegt hatte, dort ihren Master zu machen. Doch nun will sie in Berlin bleiben.

fragen Tamara Guggenheim aus Düsseldorf ist sehr besorgt. »Auf jeden Fall fahre ich in den Sommerferien nach Israel.« Sie möchte vor allem ihren Kindern, Enkelkindern und ihrer 94-jährigen Tante beistehen, die in Zentralisrael leben. »Meine Tochter und ihre Familie müssen ständig in den Bunker laufen.« Ihr Enkelsohn, drei Jahre alt, habe gefragt, warum auf ihn geschossen wird und wieso ihm wehgetan werden soll, erzählt Guggenheim. »Was soll man darauf antworten? Ich sage ihm nun, dass das böse Leute seien.«

Auch sie kommunizierten mithilfe des Familienchats. Aber zwischenzeitlich funktionierte das Mobilfunknetz nicht. Guggenheims Sohn musste auf dem Weg von der Arbeit nach Hause zweimal einen Bunker aufsuchen. Und ihre Tochter ist mit den Kindern zu einer Freundin gezogen, die einen Sicherheitsraum in der Wohnung hat.

Raketen Dort können die Kinder auch schlafen. »Meine Sorge ist groß, und ich bin auch so wütend darüber, dass die Hamas kein Geld hat, Impfmaterial zu kaufen, aber Tunnel und Raketen bauen kann, und das unter anderem mit Geldern der EU, also auch aus Deutschland, deren Staatsräson ja angeblich die Sicherheit Israels ist«, sagt die Düsseldorfer Lehrerin.

Rabbiner Elischa M. Portnoys Gedanken sind viel bei seinen Verwandten, die in Israel übers ganze Land verteilt leben. »Die Angriffe halten sie in Atem«, sagt der Rabbiner, der in Halle und Dessau amtiert. Regelmäßig telefoniert und schreibt er mit ihnen. »Wir sorgen uns alle um sie.« Auch im Norden in der Nähe von Haifa erleben seine Angehörigen wegen Unruhen eine schwierige Situation. Seine Verwandten bleiben aus Sorge nun mit ihren Kindern zu Hause.

Shelly Meyer

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