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Über eine Liebe nach dem Holocaust

Hochzeitsfoto von Nanette Blitz und John Konig Foto: privat

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Über eine Liebe nach dem Holocaust

Die österreichische Schriftstellerin Melissa Müller stellte im Münchener Literaturhaus ihr neues Buch vor

von Helen Richter  01.07.2025 17:44 Uhr

Akribische Recherche und eine sichere Feder gehören zum journalistischen Handwerkszeug. Die in Wien geborene, seit Langem in München lebende Autorin Melissa Müller verfügt jedoch über eine weitere Gabe: Sie hört genau zu und gewinnt das Vertrauen ihrer Gesprächspartner. Das gelang ihr in der Vergangenheit zum Beispiel bei so verschiedenen Menschen wie der ehemaligen Hitler-Sekretärin Traudl Jung 2002 und bei dem Ehepaar Nanette Blitz und John F. Konig, zwei Schoa-Überlebenden, die sie seit der Recherche zu ihrer 1998 erschienenen Anne-Frank-Biografie kannte.

1997 war der Erstkontakt erst einmal abgebrochen, nachdem Melissa Müller fragte, warum die holländische Jüdin erst Ende September 1943 aus Amsterdam deportiert wurde. Jahre später sollte die Journalistin den Hintergrund verstehen – nach intensivem Austausch mit Nanne und ihrem Ehemann John und nach der Lektüre von über 500 handgeschriebenen Seiten Korrespondenz zwischen diesen Liebenden.

Eingegangen ist dies alles in Müllers jüngstes Buch Mit dir steht die Welt nicht still. Eine Liebe nach dem Holocaust. Hinter dem romantischen Titel steckt die Geschichte eines jüdischen Mädchens aus Amsterdam, das von einer behüteten Kindheit ins Durchgangslager Westerbork und weiter nach Bergen-Belsen deportiert wurde, und eines jüdischen Jungen, der aus Ungarn mit einem Kindertransport nach England gerettet wurde. Im Juli 1951 begegneten sich die beiden bei einer Party der Zionistischen Jugendbewegung in London.

Aus einer Begegnung wurden sechs intensive Wochen, dann reiste John ab, und ein berührender Briefwechsel begann.

Nanne war nach der Befreiung zu ihren Tanten nach England gezogen, John bereitete sich auf seine Ausreise zu Verwandten nach Brasilien vor. Aus einer Begegnung wurden sechs intensive Wochen, dann reiste John ab, und ein berührender Briefwechsel begann, aus dem Melissa Müller zitieren und die Geschichten zweier durch die Vernichtungsideologie der Nazis vielfältig zerstörter Familien entfalten durfte.

Auf Einladung der Stiftung Literaturhaus und des IKG-Kulturzentrums stellte die Publizistin die komplexe Geschichte vor, die zwischen Budapest und Amsterdam, London und São Paulo verortet ist. Der Ehemann John hatte sich ein Märchen gewünscht, weil er sein Lebensglück als solches empfand. Für seine Frau, die ihm anderthalb Jahre nach der ersten Begegnung um den halben Globus folgte, waren die Nächte voller Albträume nur erträglich durch die Herzenswärme ihres Lebenspartners.

Nur mit diesem, ihrem Seelenmenschen, gelang es ihr, eine »practical woman« zu sein, drei Kinder großzuziehen und schließlich in Brasilien zu einer namhaften Zeitzeugin über das Schicksal des europäischen Judentums zu werden. Inzwischen ist John tot, Nanne von ihrer Demenz in glückliche Kindheitstage zurückversetzt. Empathisch gibt Melissa Müller ihre Geschichte weiter, im Buch und in Lesungen.

Melissa Müller: »Mit dir steht die Welt nicht still. Eine Liebe nach dem Holocaust«. Diogenes, Zürich 2025, 332 S., 25 €

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