München

Trauer und Hoffnung

Lichter der Hoffnung sollten es sein, die am Donnerstag vergangener Woche den Jakobsplatz erhellten: Unzählige brennende Kerzen und eingeschaltete Mobiltelefone verwandelten den Platz zwischen Synagoge, Gemeindezentrum und Stadtmuseum in ein Lichtermeer.

Ihr Leuchten gemahnte an die mehr als 1400 Israelis, die seit Beginn des Überfalls der Hamas auf israelische Grenzorte am 7. Oktober ermordet wurden. Um ihrer sowie der zahlreichen nach Gaza verschleppten Geiseln zu gedenken, hatte die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern kurzfristig zu einer Veranstaltung unter dem Titel »Trauer an der Seite Israels« auf den Jakobsplatz eingeladen.

Unter den mehr als 2000 Münchnern, die dem Aufruf folgten, waren neben vielen Bürgern auch zahlreiche prominente Vertreter aus Politik und Gesellschaft, darunter Ministerpräsident Markus Söder, mehrere Minister der bayerischen Staatsregierung, Landtagspräsidentin Ilse Aigner, der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter sowie etliche Stadträte und Landtagsabgeordnete. Auch der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx und der scheidende evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm waren gekommen.

Israelische Flagge auf Halbmast

Nachdem auf dem Platz zwei israelische Flaggen auf Halbmast gesetzt worden waren, ergriff im Anschluss an eine Schweigeminute die israelische Generalkonsulin Talya Lador-Fresher das Wort. Sie verglich die Gräueltaten der Hamas, die selbst Kinder und Babys getötet hatte, mit denen des IS und betonte, der Krieg, den Israel nun führe, sei ein Kampf gegen die Barbarei. Auch wenn er Zeit brauchen werde, hoffe sie darauf, dass die Unterstützung etwa aus Deutschland »Bestand hat«.

Die Redner versprachen volle Solidarität und dauerhafte Unterstützung für Israel.

Volle Solidarität und dauerhafte Unterstützung versprachen die weiteren Redner aus der Politik. Ministerpräsident Söder, der den Überfall der Hamas als fundamentalen Angriff auf die Menschlichkeit bezeichnete, brachte diese Einsicht auf eine prägnante Formel: »Es gibt kein Aber mehr.« Insbesondere müssten in dieser Situation auch deutsche Zahlungen an die Palästinenser »rasch und dauerhaft« gestoppt werden, so Söder, der zugleich sein Schutzversprechen für die jüdische Gemeinschaft in Bayern erneuerte.

Zuvor hatte auch Landtagspräsidentin Aigner vom 7. Oktober als einer »Zeitenwende« gesprochen und unter anderem einen verschärften Kampf gegen israelbezogenen Antisemitismus im Inland gefordert, der »noch immer viel zu schwach geführt wird«.

Große Einigkeit herrschte in der Verurteilung der Freudenfeiern, die unter anderem in Berlin als Reaktion auf den Angriff der Hamas stattgefunden hatten. Nachdem es auf einer propalästinensischen Demonstration am Montag auf dem Münchner Marienplatz Hetzparolen gegen Israel gegeben hatte, verkündete Oberbürgermeister Dieter Reiter in seiner Rede unter großem Applaus, dass die Stadt München alle entsprechenden weiteren Kundgebungen ab sofort verbieten werde: »Das Feiern des Angriffs auf Israel werden wir in München nicht mehr dulden.«

Kultusminister Piazolo versprach, die Bildungskooperation mit Israel zu gegebener Zeit nicht nur wieder aufzunehmen, sondern weiter zu intensivieren. Die Vertreter der Kirchen verurteilten den Angriff ebenfalls scharf; der Münchner Erzbischof Marx sprach dabei von einem »Anschlag auf den Gott, der auch die Grundlage unserer Zivilisation ist«. Landesbischof Bedford-Strohm fasste das Entsetzen über die barbarischen Angriffe der Hamas mit Psalm 22 in Worte: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

Große Einigkeit herrschte in der Verurteilung der Freudenfeiern, die als Reaktion auf den Angriff der Hamas stattgefunden hatten.

Erst am Ende der Rednerliste trat die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, auf die Bühne. Sie dankte zuallererst den Anwesenden für ihr Kommen: »Ich wusste, dass ich mich auf die Münchner verlassen kann!«

»Der Beistand für Israel war nie wichtiger als heute«

Knobloch lobte die Bundesregierung und den Bundestag, der am selben Tag einstimmig »jedwede Unterstützung« für Israel gefordert hatte, für ihre Positionierung: »Der Beistand für Israel war nie wichtiger als heute.« Knobloch fügte hinzu, ihre Tochter sei als Ärztin in Israel tätig und werde dort auch bleiben, während sie zugleich darauf hoffe, dass ihre Enkelin mit ihren Kindern bald nach Deutschland kommen könne.

Zu dem bekannten Lied »Lu Yehi«, das Adi Mayer und Aviv Nayman vortrugen, wurden anschließend auf eine Leinwand die Porträts von ermordeten Kindern, Frauen und Männern projiziert. Für sie sowie für die Geiseln im Gaza­streifen entzündete Generalkonsulin Lador-Fresher eine Flamme des Gedenkens, ehe Rabbiner Brodman und sein Sohn Elchanan das El Male Rachamim sowie Gebete für die Entführten und den Staat Israel sprachen.

Den Schlusspunkt bildete die Hoffnung – nicht nur in Form Tausender Lichter auf dem Platz, sondern auch in der israelischen Nationalhymne Hatikwa, deren berührende Melodie wie so oft in schwerer Stunde Trost spendete.

Kommentar

Der alte Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026

Porträt der Woche

Ein Erfolgsrezept

Esther Tscherniak leitet zwei Apotheken, ist Influencerin – und entschleunigt bewusst

von Lorenz Hartwig  07.06.2026

Maccabiah 2026

Deutsche Delegation steht fest

Das größte jüdische Sportevent findet vom 1. bis zum 14. Juli statt

 05.06.2026

POWER LIST – Germany’s Top 50

Hape Kerkeling bekommt Sonderpreis für Zivilcourage

Auch die Ärztin und Bestsellerautorin Yael Adler, Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sowie JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel wurden ausgezeichnet

von Imanuel Marcus  04.06.2026

Bildung

Zwei Orte, ein Anliegen

Yad Vashem wird eine Dependance in München und eine Außenstelle in Leipzig eröffnen. Die Freude über diesen wichtigen Beitrag zur Erinnerungs- und Gedenkkultur ist groß

von Katrin Richter  04.06.2026

Diplomatie

Lebendiges Netzwerk

30.000 Euro für die deutsch-israelische Zusammenarbeit: Botschafter Ron Prosor zeichnet vier wegweisende Initiativen aus

 03.06.2026

Nachruf

Kein Tag ohne Linie

Pavel Feinstein porträtierte Tiere, Freunde und immer wieder sich selbst. Nun ist der Maler überraschend gestorben

von Eugen El  03.06.2026

Archäologie

Forschungsgrabung zu Erfurts jüdischem Erbe beginnt im August

Bei einer archäologischen Grabung in Erfurt suchen Fachleute ab August nach Spuren des mutmaßlichen Tanzhauses der zweiten mittelalterlichen jüdischen Gemeinde. Die Archäologen hoffen auf Hinweise zur Entstehungszeit und zu späteren Umbauten

von Matthias Thüsing  03.06.2026

Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen

Leipziger Fotoausstellung zu jüdischem Leben

Die Ausstellung »Momentaufnahme. Das Fotoarchiv Mittelmann« stellt u.a. die Familie des Fotografen vor

 03.06.2026