Achtung://Hafla!

Tanzen, feiern und begegnen

Kurz vor seinem Auftritt sieht Omer Lichtenstein aus wie ein Läufer: Im weißen Tanktop zieht er die Ferse Richtung Rücken, die Beine stecken in schwarzen Shorts, während er sich über das Keyboard lehnt. Lediglich die dunklen Lederslipper stören den sportlichen Gesamteindruck. Es war ein heißer Tag in Berlin. Passend für einen mediterranen Open-Air-Abend, doch bislang haben sich nur wenige Tanzfreudige ins »Birgit&Bier« verirrt.

Der Biergarten in Kreuzberg ist die Stamm-Location von Lichtensteins »Achtung://Hafla!«-Partys – eine Reihe, mit der der gebürtige Israeli »neue orientalische Vibes aus der Mittelmeerwelt nach Berlin« bringen will, wie es auf der Facebook-Seite heißt.

The Cure Mit seiner Gruppe »Halla-B« ist Lichtenstein selbst Teil der Besetzung. Zu seinem Repertoire gehören moderne Versionen traditioneller jüdischer und arabischer Songs ebenso wie originelle Interpretationen von The Cure oder den Beatles.

Die Mischung aus elektronischen Klängen und orientalischen Melodien, die Lichtenstein mit markanter Stimme singt, kommen an: Schon nach wenigen Minuten bewegt sich das kleine Publikum, das sich mittlerweile vor der Bühne versammelt hat, im Rhythmus der Musik; wenige Titel später ist die Menge sichtlich angewachsen und tanzt ausgelassen zum Takt des musikalischen Parforceritts, bei dem Lichtenstein wild Stile, Stimmungen und Tempi mischt. Ein Song geht ohne Pause in den nächsten über – Markenzeichen einer typischen Hafla.

Der arabische Name bezeichnet die Tradition des Feierns, etwa bei Hochzeiten, mit Musik und vor allem Tanzen. Für die Musiker sind Hafla-Feiern anspruchsvolle Auftritte, denn sie werden in erster Linie danach beurteilt, wie gut sie die Menge in Stimmung bringen, und das ohne Pause.

atmosphäre Omer Lichtenstein gelingt das bei dem Event. Nicht nur seine Songs wechseln ständig das Genre, auch er selbst scheint zwischen verschiedenen Rollen zu springen. Mal wirkt er ganz bei sich, mit geschlossenen Augen in die Musik versunken, dann wieder wird er zum ausgelassenen Animateur des inzwischen begeistert tanzenden Publikums. Die Atmosphäre, die so innerhalb weniger Songs entsteht, beschreibt genau jenen Charakter, den Lichtenstein schaffen will.

»Zunächst einmal ist ›Achtung://Hafla!‹ eine Party, als Nächstes ein Live-Konzert und schließlich auch ein kulturelles Event«, zählt er im Gespräch vor seinem Auftritt auf. Er wolle die Gäste zum Feiern animieren, wie sie es nur in Berlin könnten. Vor allem würde dieses gemeinsame Feiern eben nicht in einer Nische stattfinden. »Mit ›Achtung://Hafla!‹ richten wir uns an die Allgemeinheit«, betont Lichtenstein. Im März 2016 startete er die Reihe, inzwischen hat sie ein Stammpublikum. Das soll sich künftig auf noch prominentere Künstler, Bauchtänzerinnen und kulinarische Angebote freuen. Zudem soll es unter dem Label mehr kulturelle Events geben, wobei dem 34-Jährigen wichtig ist, dass »Achtung:// Hafla!« eine Party bleibt.

musik 2011 zog Lichtenstein nach Berlin, seiner Band »Felidae« wegen: »Für meine Karriere als Musiker bot mir Berlin mehr Möglichkeiten.« Mit der Partyreihe hat Felidae allerdings nichts zu tun. »Felidae ist eine Rockband mit ganz anderer Musik, ganz anderen Veranstaltungsorten und ganz anderem Publikum«, erklärt Lichtenstein. Zudem spielt er bei den Open-Air-Partys Cover-Songs, mit Felidae hingegen eigene Lie- der: »Insofern ist das, was ich mit der Band mache, natürlich persönlicher.« Vergleichen will er seine beiden Standbeine allerdings nicht.

Lichtensteins Liebe zur Musik begann schon früh: Bereits mit vier Jahren spielte er Klavier, obwohl seine Eltern keine Musiker sind. »Aber mein Onkel war ein verrückter Rock’n’Roller, der mir etwa Platten der Beatles und der Rolling Stones brachte«, erin-nert sich Lichtenstein lächelnd. In den folgenden Jahren bekam er Unterricht bei vielen bekannten Gesangs- und Klavierlehrern. Als Zwölfjähriger trat er in Punk-Clubs auf, ohne dass seine Eltern davon wussten.

Musik zu studieren, kam für ihn allerdings nie infrage. »Das ist, als ob ich Hebräisch studieren würde, obwohl ich es spreche«, sagt er. Stattdessen machte er einen Abschluss in Physik und unterrichtete eine Zeit lang auch – Naturwissenschaften sind eine weitere Leidenschaft von ihm.

Religiös Ebenso ernst nimmt Lichtenstein das Judentum. »Ich studiere es intensiv, obwohl ich nicht religiös bin, aber ich fühle mich natürlich jüdisch«, meint er. Und das umso mehr, seit er in Berlin lebt. Denn hier wird er oft in politische Diskussionen zu Israel hineingezogen, selbst dann, wenn er das nicht will. Dennoch liebt er die Stadt: »Ich erzählte meiner Frau, dass ich mich in Berlin verliebt hätte, sie kam mit mir, und nun sind es schon gut fünf Jahre, die wir hier leben.«

Die beiden haben in Berlin zwei Kinder bekommen – für sie könnte sich Lichtenstein vorstellen, die Stadt wieder zu verlassen. »Die Winter hier sind einfach sehr schwierig für uns«, lacht er, um ernst hinzuzufügen, dass auch entscheidend sei, wie erfolgreich es in Berlin weitergehe.

Derzeit scheint es, als müsse sich Lichtenstein keine Sorgen machen. Mit seiner Band erregt er mehr und mehr Aufmerksamkeit, speziell mit dem Song »At The Backyard«, in dem er sogar einige Zeilen auf Deutsch singt. Doch auch über »Achtung://Hafla!« wurde bereits breiter berichtet – allerdings mit einem Twist, der Lichtenstein irritiert: »Es hieß, dass ich als Israeli arabische Partys mache, aber das stimmt nicht – 90 Prozent der Songs, die ich singe, kenne ich aus meiner Kindheit.«

In Israel würde niemand »Achtung://Hafla!« eine arabische Party nennen, denn dort würden schon ewig Haflas gefeiert. »Ich singe türkische, israelische, arabische und jüdische Songs und brauche dafür keine Labels«, unterstreicht Lichtenstein. Das sei einfach etwas, womit er aufgewachsen sei.

Berlin

Gedenken zum ersten Todestag von Margot Friedländer

Zum ersten Todestag von Margot Friedländer gibt es auf dem jüdischen Friedhof eine Gedenkveranstaltung. Berlins Regierender Bürgermeister findet emotionale Worte zum Jahrestag

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Gedenken

»Beklemmende Aktualität«

Charlotte Knobloch und Josef Schuster sprachen zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau

von Vivian Rosen  10.05.2026

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Andenken

Vier Schulen und mehrere Plätze nach Margot Friedländer benannt

Vor einem Jahr - am 9. Mai - starb die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit 103 Jahren. Für viele war sie ein Vorbild. Inzwischen tragen immer mehr Schulen, Straßen und Plätze ihren Namen. Eine Übersicht

von Karin Wollschläger  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Andenken

Berlin hat jetzt einen Margot-Friedländer-Platz

Bei der Einweihungszeremonie sagt Cornelia Seibeld (CDU), die Präsidentin des Abgeordnetenhauses, die »Herzkammer der Demokratie« habe nun eine neue Adresse

 07.05.2026

Deutschland

»Die Jüdische Allgemeine gehört einfach dazu«

Seit drei Generationen ist die Jüdische Allgemeine ein Kompass für die jüdische Welt. Prominente Leserinnen und Leser erzählen, warum ihnen die Zeitung wichtig ist

 07.05.2026