Köln

Tage voller Klänge

Sharon Brauner & The Goy Boys möchten mit »Family Affairs« zu einer musikalisch-biografischen Reise einladen. Das Programm hat die Künstlerin eigens für das Festival geschrieben. Foto: Oliver Hildebrandt

So emotional wie möglich sollen sie musizieren. Und die Musikerinnen und Musiker des Grazer Ensembles »Art House 17« tun es. So erklingt das bittersüße Lied »Frag nicht, warum ich gehe« voller Melancholie. Die Sopranistin Hila Baggio gestaltet diese Melodie wunderbar stilsicher, bewegt mit einem Text, der vom Abschied erzählt und doch eigentlich nichts anderes zu sagen scheint als: »Bleib!« Das ist überwältigend schön.

Der Film-Song von Walter Reisch (Text) und Robert Stolz (Musik) ist eines jener Stücke, die an diesem Donnerstag beim Eröffnungskonzert des nun schon dritten Festivals »Shalom-Musik.Koeln« auf dem Programm stehen. Unter der Überschrift »Ein kleines bisschen Glück« bildet es in der Kölner Flora gemeinsam mit weiteren Songs aus den 30er-Jahren einem beachtenswerten Werk einen zeitlich und inhaltlich passenden Rahmen: dem Cembalokonzert der jüdischen Komponistin Maria Herz (1878–1950).

Chancenreich und schrecklich

An deren Schicksal sei abzulesen, wie chancenreich und wie schrecklich die Geschichte von Jüdinnen und Juden in Deutschland gewesen sei, unterstrich Thomas Höft, der künstlerische Leiter des Festivals, am Dienstag bei der Probe und der Pressekonferenz im »zamus«, dem »zentrum für alte musik« in Ehrenfeld. Maria Herz, jüngstes Kind der Kölner Textilhändlerfamilie Bing, stellte ihr Konzert für Orchester und Cembalo 1935 fertig. Sie befand sich damals auf einer rastlosen Flucht aus Nazideutschland. Diese Komposition war wahrscheinlich ihre letzte.

Das Notenoriginal lagert in der Zentralbibliothek Zürich. In der Schweiz ist dieses Werk 2020 bereits mit Klavier uraufgeführt worden, doch mit Cembalo wird es nun zum allerersten Mal zu hören sein. Michael Hell spielt auf einem Pleyel-Cembalo und damit auf einem jener Instrumente, die im ausgehenden 19. Jahrhundert die Renaissance der Barockmusik beflügelten. Auch deshalb kommt das Ensemble sehr nah heran an die klangliche Vorstellung, die Maria Herz beim Komponieren vermutlich im Sinn hatte.

»Wir versuchen, ein Bild zu finden, ein Gefühl dafür, was im ›Film‹ dieser Musik passiert«, so Georg Kroneis, Kontrabassist und Orga-Chef von Art House 17. Es sei der Anspruch des Ensembles, dieses Gefühl, das auch eine Form von Verantwortung gegenüber der Komponistin umfasse, gemeinsam zu ergründen.

Mit einem Ausrufezeichen also startet Shalom-Musik.Koeln in die aktuelle Ausgabe. Diese sieht bis zum 25. August in Köln und im Rhein-Erft-Kreis 80 große und kleine Konzerte vor, die allesamt die Vielfalt jüdischer Musik zeigen wollen. Das Programm umfasst eine Bandbreite, die von Klezmer bis Klassik reicht, von Jazz zu Synagogalmusik, von Folk und Chanson zu Elektrosounds. Es musizieren jüdische und nichtjüdische Künstlerinnen und Künstler.

Klassik, Folk, Jazz sowie Elektro- und Synagogalmusik – für jeden ist etwas dabei.

»Together now« lautet das diesjährige Motto des Festivals, das vom »Kölner Forum für Kultur im Dialog« in Kooperation mit der Kölner Synagogen-Gemeinde ausgerichtet wird. Gerade dort, wo die älteste jüdische Gemeinde nördlich der Alpen zu Hause sei, solle und müsse jüdische Musik in der Öffentlichkeit sichtbarer werden, so die Forums-Vorsitzende Claudia Hessel.

Die Türen sind jedenfalls aufgetan – zumal am »Langen Tag mit jüdischer Musik«. Vom Mittag bis zum späten Abend finden an 15 unterschiedlichen Orten rund 40 Konzerte statt. Diese seien laut Programmleiterin Ulrike Neukamm immer gerade so kurz oder lang, dass sich ein Konzert-Hopping individuell gestalten lasse: vom Spaziergang bis zum Marathon.

Besondere Premieren

Auch hier locken besondere Premieren. So wird im Wallraf-Richartz-Museum die West Side Story erstmals in Deutschland in der von Lucian Plessner geschriebenen Fassung für Konzertgitarre und Orchester gespielt. Unter Leitung von Alexander Willens spielen die Musiker der Kölner Akademie. Solist ist der Gitarrist Wulfin Lieske. Er springt für Plessner ein.

Im Antoniussaal an der Antoniuskirche gastiert am Sonntag der israelische, in Köln lebende Komponist Tom Belkind und bringt unter anderem mit »Flexible realities, Elastic POVs« ein vom Festival in Auftrag gegebenes Stück zur Uraufführung. Zu den beteiligten Künstlern des »Langen Tags der jüdischen Musik« gehört der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung: Felix Klein (Violine) erzählt im C. Bechstein-Centrum mit dem Trio Accento von »Lebenslust und Liebesleid«.

In seinem Statement zur Veranstaltung zeigt er sich überzeugt davon, dass jüdisches Leben umso weniger Gefahr laufe, angegriffen zu werden, je selbstverständlicher es »als Teil unserer Kultur« wahrzunehmen sei. Eröffnet wird dieser Tag mit Liedern und Gebeten in der Synagoge an der Roonstraße von gleich drei jüdischen Kantoren, beschlossen wird er mit Musik von Orgel und Schofar im Kölner Dom.

Nicht allein hier entsteht eine Brücke zwischen den Kulturen. Bereits am Freitag sind ausdrücklich alle interessierten Menschen eingeladen, an einer öffentlichen Schabbatfeier teilzunehmen, unabhängig von Religion oder Weltanschauung. Einer, der dies ermöglicht, ist Jonathan Kligler, von 1988 bis 2022 Rabbiner von Woodstock.

Im Anschluss wird Sharon Brauner mit den Goy Boys in die Welt jüdischer Musik und Traditionen entführen. Sie begibt sich mit »Family Affairs« auf eine musikalisch-biografische Reise. Shalom-Musik.Koeln endet am Sonntag, 25. August, und lädt erstmals gemeinsam mit MOVIMENTO zu einer musikalischen Radtour an der Erft ein.

Nordhausen

Ausstellung zeigt Lebensgeschichten von jüdischen Kindern

Im April 1945 befreite die Rote Armee bei Tröbitz 2.300 Häftlinge aus einem abgestellten Zug des »Verlorenen Transports«. Eine Ausstellung dokumentiert mit Fotos das Schicksal von acht überlebenden Kindern

 27.05.2026

Kommentar

Was hat Künstliche Intelligenz mit Antisemitismus zu tun?

Ein Zwischenruf von dem Holocaust-Überlebenden Roman Haller

von Roman Haller  27.05.2026

Berlin

Orden Pour le mérite begrüßt Wolf Biermann als neues Mitglied

Die Künstler- und Gelehrtenvereinigung Pour le mérite trifft sich am Wochenende in Berlin zu ihrer Jahrestagung. Dabei werden neue Mitglieder in den exklusiven Kreis aufgenommen

 26.05.2026

Führung

Open-Air-Ausstellung zum jüdischen Leben in Erfurt

Ab Freitag führt ein Rundgang auf 19 Stationen durch das historische jüdische Viertel Erfurts und verbindet Geschichte mit digitalen Angeboten

 26.05.2026

Dresden

Wegen Betrugs und Geldwäsche: Bewährungsstrafe für Rabbiner

Das Amtsgericht Dresden hat sein Urteil gesprochen: Ein 41-jähriger Rabbiner wurde der Beihilfe zum Betrug für schuldig befunden

 26.05.2026

Porträt der Woche

Flucht und Ankunft

Manfred Eisner erzählt vom Exil und seinem neuen Leben in einem kleinen Dorf

von Heike Linde-Lembke  24.05.2026

Ausstellung

Dynamik des Schreckens

Die Jewish Claims Conference und die Französische Botschaft in Berlin zeigen bislang verschollene Aufnahmen vom Beginn der Schoa im Vichy-Regime

von Alicia Rust  24.05.2026

München

Intensiver Austausch

Zum zweiten Mal fand in der Israelitischen Kultusgemeinde die Zusammenkunft der Europäischen Rebbetzinnen-Konferenz statt

von Vivian Rosen  24.05.2026

Erinnerung

Ein verlorener Ort der Geborgenheit

Yael Neeman sprach im Jüdischen Gemeindezentrum über das Leben im Kibbuz

von Nora Niemann  24.05.2026