Uckermark

Stille Weite

Weite. Dahinter Hügel. Wieder Felder. Windräder. Baumreihen, die Straßen erahnen lassen. Es ist still an diesem Morgen. Bis auf die Vögel in der Luft und das Rascheln der alten Herbstblätter, über die die Katze läuft, ist nur der schwache Wind zu hören, der gemächlich über die Weite hinwegstreift.

Morgens ist es jetzt sehr kalt in der Uckermark, in Mescherin, einen Steinwurf von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Alex Stolze lehnt an der Backsteintür seines Hauses. Wilde Locken auf dem Kopf, einen Poncho übergeworfen, grüne Hose, blickt er über die linke Schulter in Richtung Hof.

Wenn es hier wieder richtig warm ist, dann werden die Glühbirnen, die in den Bäumen hängen, abends leuchten, dann sind die Holzbänke im Hof voll, dann hängt über den kahlen Stangen vielleicht Stoff für ein Fest, dann steht auf dem Tisch alles, was in der Küche zubereitet wurde, alles, was die Gäste mitgebracht haben.

»Ich habe mich 1992 in die Uckermark verliebt«

Aber noch ist es still. Die Landschaft schläft. Hier draußen wohnt der Musiker unterm Dach. Gemütliche Enge. Bücher, Schallplatten, Matratzen, ein Küchentisch, die weiße Katze, die draußen einen Vogel gesehen hat, auf dem Sessel.

»Ich habe mich 1992 in die Uckermark verliebt«, sagt Stolze. »Die Uckermark, das war irgendwie so ein Traum.« In dem ziegelroten Backsteinhaus lebt er diesen Traum und baut an seinem Leben. Erstes Geschoss: mit holzigen Türen, knarrenden Dielen, Matratzen für Gäste, vieles noch im Entstehen. Zweites Geschoss mit abgeschliffenen Türen, Musikstudio, Ins­trumenten. Und das dritte Geschoss: die kleine Wohnung unterm Dach – Träume entstehen im Kopf.

»Wenn ich hier aus dem Fenster schaue, dann fühle ich mich total ruhig, denn diese Weite, die kann ich nur noch selten in der Stadt spüren.« Er brauche dieses Gefühl in seinem Herzen, um weiterzumachen. »Ich glaube, der Blick hier hinaus ist der Spirit.«

Wenn es erst wieder warm ist, dann leuchten die Glühbirnen im Baum.

Und für den gebürtigen Ost-Berliner auch Inspiration. Alex hat hier sein jüngstes Album aufgenommen. »Raasch we Ruach« heißt es, »Lärm und Wind«. Elektronische Musik, die antreibt, bremst, den Moment vorbeiziehen lässt oder einfach nur den Soundtrack zur Gegenwart macht. Die Platten stehen – in großen Kartons verpackt – im Erdgeschoss. Der Postbote hatte sie angeliefert; er schmiss die Kartons einfach in den Flur; die Tür war offen, so praktisch: warum auch nicht? Keine großen Worte. Manches ist eben anders in der Uckermark.

Und wenn andere aus der Umgebung kommen? Gegenseitiges Beäugen. Keine großen Worte: »Also, es gab einmal ein paar wenige Kontakte, aber die sind alle eingeschlafen. Am Anfang habe ich manchmal Leute eingeladen, wir haben hier, was weiß ich, ein Fest oder so veranstaltet. Also, da gibt es wenig Interesse, würde ich sagen.« Alex Stolze hat gerade deshalb Ideen und engagiert sich in der Jugendbildung im nahe gelegenen Schwedt. Die ehemalige Betonstadt, über deren einstige Wohnkomplexe jetzt Kiefern wachsen und deren Straßen manchmal so leer sind, wie der Blick weit ist von Alex’ Fenster unterm Dach.

Den Teenagern, die dort aufwachsen, wollte Alex ein Angebot machen. Einen weiten Blick nach draußen. Im Rahmen des Antirassismus-Tags 2023 gab der Musiker einen Workshop in der Musik- und Kunstschule der Stadt. Sieben- und Achtklässler erfuhren, wie es ist, jüdisch zu sein. Was es heißt, tolerant und offen zu sein, es zu bleiben. Gerade in dem Fleckchen Land, in dem sie groß werden. Das Land ist rauer, von Weitem sind die Felder, die man von Alex Stolzes Refugium sieht, stoppelig wie ein müder Morgen. Es ist die Musik Stolzes, die diese stoppelige Ruhe mit Leben füllt, mit Wärme und mit Liebe. »Urzustände«, so nennt Stolze die beiden Wörter seines Albums.

Die Felder hier draußen sind stoppelig, wie ein müder Morgen.

»In dem Raasch, da steckt ja nicht nur der Lärm drin oder das Geräusch, sondern da steckt auch der Tumult drin, das aufgebrachte Schreien von Menschen, das Erdbeben, also alles, was so erschütternd ist und so roh und brutal irgendwie.« Ruach sei das komplette Gegenteil. »Also, es ist in so einer totalen Stille in der Wüste, würde ich sagen. Der Moment, in dem die erste Wahrnehmung von etwas Göttlichem anfängt.« Diesen Moment habe Stolze selbst einmal erlebt, wenn der Wind über eine Ebene fegt. Bei einer Wanderung nahe Mitzpe Rimon in der Negevwüste mit einer Flasche Wasser habe er angefangen, die Einzigartigkeit zu spüren.

Alex Stolze hat diese Einzigartigkeit mitgenommen und lebt sie auf seinem Hof, der für Berliner Freunde ein Refugium geworden ist, wenn es in der Hauptstadt zu laut und hart ist. Ein weicher Platz im rauen Brandenburg.

Ein einzigartiger Platz in der kargen Landschaft nordöstlich von Berlin

Bis vor wenigen Stunden stand im Hof noch das Wohnmobil von Freunden aus Israel. Tief haben sich die Räder des Fahrzeugs in den Boden eingegraben. Es sind Spuren von Freunden, die weitergezogen sind aus dem Zuhause, das ihnen die Uckermark gegeben hat. Was sie wohl mitgenommen haben von dem alten Hof? Zeit, die sie mit Stolze verbringen konnten, Offenheit, die er Gästen gegenüber zeigt. Es ist ein einzigartiger Platz in der kargen Landschaft nordöstlich von Berlin. Einer mit einem Straßenschild auf Hebräisch. Einer mit alten Bierflaschen, auf denen der Name auf Jiddisch steht. Sie liegen so still und selbstverständlich herum, wie die Dörfer hier am Rand des Landes.

Es ist auch der Ort, an dem Stolze seine Musik macht, an dem er den Lärm und den Wind des Alltags einfängt und in Klänge übersetzt. In seinem Studio entstehen die Klangwelten. Unterm Dach stehen die anderer Künstler. Wie das Album von Leonard Cohen, das Stolze wie ein Buch so fest in der Hand hält. Seine Augen scheinen den Text mitzusingen. Die bassig-rauchige Stimme Cohens klingt durch das Dach am Rand der Uckermark. Fast unwirklich und doch genau richtig für dieses Haus inmitten der Weite.

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