Kiel

Starke Stimme für jüdisches Leben

Peter Harry Carstensen (CDU), ehemaliger Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, ist neuer Beauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus. Foto: dpa

Kiel

Starke Stimme für jüdisches Leben

Der ehemalige Ministerpräsident Peter Harry Carstensen wird Antisemitismusbeauftragter für Schleswig-Holstein

von Heike Linde-Lembke  26.03.2020 09:57 Uhr

Im Jüdischen Museum Rendsburg hat Schleswig-Holsteins Kulturministerin Karin Prien den Antisemitismusbeauftragten des Landes vorgestellt. Peter Harry Carstensen ist Antisemitismusbeauftragter für Schleswig-Holstein.

Der ehemalige Ministerpräsident des Landes will als Landesbeauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus eine »starke Stimme für das jüdische Leben in Schleswig-Holstein« sein. Sein Amt, zu dem auch eine Referentenstelle im Kieler Kultur- und Bildungsministerium gehört, hat er bereits seit 1. März inne.

Antisemitismus »Antisemitismus und Rassismus sind leider brandaktuelle Themen. Wir stellen uns unmissverständlich gegen jede Form von Antisemitismus und wollen mit Peter Harry Carstensen gemeinsam neue Wege gehen«, sagte Karin Prien, die sich schon seit Langem für das jüdische Leben in ihrem Bundesland einsetzt. Rassismus und vor allem Antisemitismus seien nicht erst seit Halle und Hanau mehr als nur Gift in den Köpfen.

Carstensen nahm schon an der Eröffnung der Synagoge des Nordens 2007 in Bad Segeberg teil.

Carstensen hat sich schon als Ministerpräsident für die heute wieder 3000 Juden in Schleswig-Holstein eingesetzt, von denen 2000 Mitglieder in den liberalen und konservativen jüdischen Gemeinden des Landes sind. So war es für ihn selbstverständlich, bei der Eröffnung der Synagoge Mishkan Ha’Zafon, der Synagoge des Nordens, am 24. Juni 2007 in Bad Segeberg zu sprechen.

Ebenso besuchte er am 21. April 2011 zur Eröffnung der Landesgartenschau in Norderstedt den Bustan, den bib­lischen Wein- und Obstgarten, den der Kulturverein Chaverim – Freundschaft mit Israel als Beitrag zur Landesgartenschau realisiert hatte.

Zusammenleben »Das gemeinsame Zusammenleben der unterschiedlichen Religionen muss selbstverständlich werden«, sagte Carstensen bei seiner Berufung zu Schleswig-Holsteins Antisemitismusbeauftragtem. Schon im vorigen Jahrhunderten sei Schleswig-Holstein Vorreiter für Glaubensfreiheit gewesen, beispielsweise in Glückstadt, Friedrichstadt und auf Nordstrand, weil sich die jeweiligen Landesherren einen Vorteil von jüdischen Ansiedlungen und Unternehmungen versprachen. Trotzdem waren Juden stets nur geduldet.

Zunächst will sich Carstensen mit den Kollegen aus anderen Bundesländern beraten.

Zunächst werde er mit den jüdischen Gemeinden in Schleswig-Holstein sprechen und sich mit den Antisemitismusbeauftragten der anderen Bundesländer beraten, nahm sich der 72-Jährige vor. Aufgrund zunehmender Attentate von Rechtsradikalen wurden inzwischen mittlerweile in 13 Bundesländern Antisemitismusbeauftragte ernannt.

Carlebach-Synagoge Die für den 2. April geplante Wiedereröffnung der Carlebach-Synagoge der Jüdischen Einheitsgemeinde Lübeck in der St.-Annen-Straße wird nun aufgrund der Corona-Krise verschoben. Als Gäste hatten sich neben Carstensen bereits Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther angesagt. Wann der Festakt nachgeholt wird, ist bislang unbestimmt.

Anfang der 90er-Jahre verübten Neonazis zwei Brandanschläge auf die Lübecker Synagoge.

Während der Pogromnacht im November 1938 war auch die Carlebach-Synagoge geschändet worden, brannte aber nicht nieder, da sie dicht umgeben ist von Wohnhäusern. Die Nazis hatten sich die Synagoge bereits als Besitz einverleibt. Sie missbrauchten das 1890 erstmals eröffnete jüdische Gotteshaus, das besonders von innen eine architektonische Schönheit ist, als Turnhalle.

In den 90er-Jahren verübten Neonazis zwei Brandanschläge auf die Synagoge, die nur noch als Ruine stand. 2014 begann mit finanzieller Unterstützung von Bund, Land, Stadt und der Possehl-Stiftung der Wiederaufbau. Er geriet jedoch wegen Geldmangel und falschen Planungen immer wieder ins Stocken. Die Carlebach-Synagoge steht mitten in der Lübecker Altstadt und gehört wie diese zum UNESCO-Weltkulturerbe.

München

Das Grauen sehen

Bei der Premiere eines Films über die Familie Bibas und das Hamas-Massaker vom 7. Oktober sprechen die Regisseurin und ein Psychologe über das Verbrechen und die Wirkung der Aufnahmen

von Michael Schleicher  18.10.2026

Lesung

»Die ganze jüdische Welt war in Trauer«

Zum Gedenken an den 7. Oktober stellte Dafna Gerstner ihr Buch vor

von Luis Gruhler  18.10.2026

Porträt der Woche

»Ich bin gern mittendrin«

Sonja Fira Grinman mag Mädelsabende, ist Erzieherin und ein Familienmensch

von Annette Kanis  18.10.2026

Kommentar

Ein Tag der Schande

Die Linkspartei, SPD und Grüne haben ihre Sondierungen beendet. Nun wollen sie in Berlin eine Regierung bilden

von Philipp Peyman Engel  17.10.2026

Sachsen-Anhalt

Drohungen gegen jüdische Studenten nach Aktion vor Synagoge

Eine Menschenkette hinderte den AfD-Politiker Tillschneider an der Teilnahme an einer Gedenkfeier in Halle. Das hat Folgen für die Studierenden

 16.10.2026

Frankfurt/ Main

Einst Provisorium, heute selbstbewusst

Zum 75. Jubiläum beleuchtet ein Almanach die Geschichte der jüdischen Gemeinde nach der Schoa, ihre inneren Konflikte und ihren Weg zu einem festen Platz in der Stadtgesellschaft

von Leon Stork  15.10.2026

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Gedenken

Vier Stolpersteine erinnern in Erfurt an Familie Rosenblüth

Ein Poesiealbum bewahrte die Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin über Generationen. Am 9. November werden in Erfurt vier Stolpersteine für Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter verlegt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026