Porträt der Woche

Sprachen, Bilder, Welten

»Ich habe seit 2022 nicht mehr die Kraft, an meinem Dokumentarfilm weiterzuarbeiten«: Alexander Smoljanski Foto: Chris Hartung

Porträt der Woche

Sprachen, Bilder, Welten

Alexander Smoljanski ist Filmemacher, Übersetzer und überzeugter Europäer

von Matthias Messmer  31.08.2025 06:53 Uhr

Eine der größten menschlichen Tragödien ist es, dass wir nicht in der Lage sind, einen anderen Menschen zu verstehen – vor allem dann, wenn er aus einer anderen Kultur kommt. Je älter ich werde, desto klarer wird mir das. Diese fatale Kommunikationsunfähigkeit war schon Thema in Werken berühmter Regisseure wie Michelangelo Antonioni oder Alain Resnais. Ihre Filme haben mich als 20-Jährigen zum Nachdenken über das Leben angeregt.

Ich wurde 1957 in St. Petersburg geboren – damals hieß die Stadt noch Leningrad. Mein Vater war Ingenieur, meine Mutter unterrichtete Deutsch und Latein. Einen prägenden Einfluss auf mich hatte mein Eintritt in die »Frunzenskaya Kommune« im Alter von 13 Jahren: Das war keine gewöhnliche Organisation, sondern ein echtes pädagogisches Experiment, das zwei beeindruckende jüdische Frauen auf die Beine gestellt hatten – eine Lehrerin mit viel Erfahrung und eine Psychologin von der Uni in Leningrad.

Keine strengen Hierarchien, keine Befehle von oben

Es gab keine strengen Hierarchien, keine Befehle von oben. Stattdessen lebten und lernten wir Teenager in Gruppen, begleitet von sogenannten Freunden der Schar, jungen Männern und Frauen, nicht viel älter als wir, selbst ehemalige Mitglieder. Das Beeindruckendste an der Kommune war ihre Atmosphäre. Es fühlte sich an wie eine kleine Insel der Freiheit – kreativ, offen, lebendig. Als ob der Druck der Sowjetrealität draußen blieb, sobald wir zusammenkamen.

Einmal pro Woche trafen wir uns: Wir hielten Vorträge über Literatur, diskutierten über Geschichte, sprachen über Moral, über das Leben, über alles, was uns beschäftigte. Viele der Jugendlichen dort waren außergewöhnlich klug, sensibel und gebildet, ein großer Teil jüdisch. Viele meiner engsten Freunde stammen noch immer aus dieser Zeit. Nicht wenige wurden später Professoren, Autoren, Künstler und Kritiker.

Schon als Kind war ich hin- und hergerissen zwischen meiner Liebe zu Literatur, Kino und Sprachen auf der einen Seite und meiner Faszination für Semiotik, Kybernetik und Computer auf der anderen. Ich ging auf das Leningrader Lyceum Nr. 239, eine der besten Schulen der Stadt mit dem Schwerpunkt Mathematik. Das Besondere dort: Literatur wurde genauso ernst genommen wie Mathe oder Physik.

Informatikstudium an der Leningrader Luftfahrtakademie

Wegen des staatlichen Antisemitismus konnte ich weder an der renommierten Filmhochschule in Moskau noch an der philologischen Fakultät der Uni meiner Geburtsstadt studieren. Also entschied ich mich für ein Informatikstudium an der Leningrader Luftfahrtakademie. Auch das war nicht einfach: Meine Bewerbungsunterlagen wurden dreimal abgelehnt, ganz offiziell durfte ich nicht einmal zur Aufnahmeprüfung antreten. Erst durch einige Kontakte meines Vaters wurde meine Bewerbung doch noch angenommen.

Warum gerade Computer? Das war für mich nicht nur Technik, sondern auch Sprache. Ich wollte verstehen, wie sie funktioniert. Wie Menschen mit Computern über algorithmische Sprachen kommunizieren, fand ich extrem spannend.

Ich wollte verstehen, wie Menschen über algorithmische Sprachen kommunizieren.

Da unsere Familie schon immer den Wunsch hatte, die UdSSR zu verlassen, strebte ich nie eine klassische Karriere an. Innerhalb der engen Spielräume, die einem das autoritäre System ließ, konnte ich mich ziemlich frei bewegen. Ab 1980 wurde unser Haus ein kleiner Treffpunkt für ausländische Gäste – vor allem für amerikanische Studierende, die zum Russischlernen an die Leningrader Uni kamen. Sie brachten mir englische Bücher mit, die man in der Sowjetunion nirgends bekam. Eines der ersten großen Werke, das ich auf Englisch gelesen habe, war George Orwells 1984. Als Gorbatschow 1987 schließlich erlaubte, touristisch in den Westen zu reisen, bin ich für drei Monate in die USA geflogen. Ich habe mich dort sofort wohlgefühlt.

Bereits Anfang der 80er-Jahre hatte ich begonnen, professionell englischsprachige Literatur zu übersetzen: Lyrik, Prosa, alles, was mir spannend erschien. Ich war Mitglied der Übersetzerabteilung im Leningrader Schriftstellerverband. Durch meine Arbeit erschienen erstmals russische Übersetzungen von Autoren wie Anthony Burgess, Woody Allen und Isaac Bashevis Singer. Und dann hatte ich später sogar die Gelegenheit, diese Autoren persönlich zu treffen und mit ihnen über ihre Texte zu sprechen.

Großartige Filme und spannende Vorträge über internationale Regisseure

Ende der 80er legte ich mir eine Videokamera zu und fing an, eigene Filme zu drehen – zunächst noch als Hobby. Parallel dazu besuchte ich die Filmreihe »Directors of World Cinema«. An diesen Abenden sahen wir großartige Filme und hörten spannende Vorträge über internationale Regisseure.

Dass ich nie eine formale Ausbildung in Literatur oder Film bekam, hat mich nicht sonderlich gestört. Ich fand Trost in der Tatsache, dass weder Anton Tschechow noch William Faulkner Schriftsteller im klassischen Sinn waren – und auch Luchino Visconti oder François Truffaut keine Filmhochschulen besucht hatten. Ich glaube fest daran, dass man sich vieles durch »Learning by Doing« erarbeiten kann, wenn man nur genug Neugierde und Leidenschaft mitbringt. Ich habe in meinem Leben viele verschiedene Dinge gemacht, oft gleichzeitig, selten nacheinander. Ich habe versucht, bewusst mehrere Rollen parallel zu leben, um mich ganz entfalten zu können, mehrere Leben gleichzeitig zu leben.

Als ich 1990 von einem Programm in der DDR hörte, das es sowjetischen Juden ermöglichte, nach Deutschland auszuwandern, war mir sofort klar: Das ist sie – meine Chance. Seit ich 13 war, träumte ich davon, dieses Land zu verlassen. Es ging nicht darum, nach Deutschland zu gelangen – es ging darum, aus der UdSSR rauszukommen. Tief in mir war immer der Wunsch, in Europa zu leben.

Die Erfüllung eines alten Traums

Der Umzug nach Berlin fühlte sich an wie die Erfüllung eines alten Traums. Keine Spur von dem üblichen Kulturschock oder dem Gefühl von Fremdsein. Ich wechselte ja nur von einer europäischen Hauptstadt in eine andere. Für jemanden mit meiner mentalen Prägung war das ein logischer Schritt, der die Chance auf persönliche Weiterentwicklung und intellektuelle Abenteuer versprach. Außerdem war mir schon in den 80ern völlig klar: Sowohl das Kapitel der jüdischen Geschichte in Russland als auch das der Russen in der jüdischen Geschichte war abgeschlossen.

Es gab in meiner Familie so gut wie keine religiösen Traditionen mehr. Wir feierten keine Feiertage, pflegten keine Rituale, und Hebräisch oder Jiddisch konnte sowieso keiner. Zumindest nicht wirklich. Für mich war das Jüdischsein nie eine Frage der Sprache oder des korrekten Befolgens religiöser Vorschriften.

Es war und ist eher dieses schwer greifbare Gefühl einer tiefen Verbundenheit: mit der Geschichte meiner Vorfahren, mit dem, was ihnen widerfahren ist, mit dem, was heute noch in jüdischen Gemeinschaften auf der Welt passiert. Ein gemeinsamer Blick auf die Welt, auf Geschichte, auf das, was richtig und falsch ist. Da ist etwas. Ein Funke von jüdischer Weisheit, diese besondere Art von Neugier, der Drang, Fragen zu stellen, Dinge zu hinterfragen. Ethik, Moral, Bildung, Gerechtigkeit – all das spielte für mich immer eine große Rolle. Und natürlich dieser Humor, der oft ein bisschen schräg, manchmal traurig, aber immer klug ist.

Mit künstlerischen Mitteln das Dunkel des europäischen Totalitarismus durchdringen

Seit 2018 arbeite ich an einem großen Dokumentarfilm, einem Versuch, mit künstlerischen Mitteln das Dunkel des europäischen Totalitarismus zu durchdringen. Mich bewegt die Frage, wie es geschehen konnte, dass in den Ländern, die der Welt Dante Alighieri und Giuseppe Verdi, Johann Wolfgang von Goethe und Ludwig van Beethoven, Leo Tolstoi und Pjotr Iljitsch Tschaikowski schenkten, Stimmen des Hasses und der Gewalt laut wurden. Ich spürte, dass Russland sich auf gefährliche Wege begibt, und ich wollte diesen Weg filmisch begleiten, sichtbar machen, warnen, bevor es zu spät war.

Doch dann kam das Jahr 2022 – ein Jahr wie ein Schnitt durch die Zeit. Plötzlich war nicht mehr zu warnen. Der Faschismus war keine drohende Möglichkeit mehr, er war da. Seither finde ich nicht mehr die Kraft, mein Projekt zu Ende zu führen. Ich war auch nie mehr in meiner ursprünglichen Heimat, und ich werde wahrscheinlich auch nie mehr dorthin fahren. Die Vorstellung, in ein Land zu reisen, das von Kriegsverbrechern regiert wird, lässt mich frösteln. Und dann vielleicht auch noch jemandem die Hand zu schütteln, der direkt oder indirekt dafür verantwortlich ist, dass unschuldige Menschen in der Ukraine ihr Leben verloren haben? Nein, das geht für mich nicht.

Aufgezeichnet von Matthias Messmer

Bildung

Mathe, Kunst, Hebräisch

Diese Woche ist die Jüdische Grundschule in Dortmund feierlich eröffnet worden. Warum entscheiden sich Eltern, ihr Kind auf eine konfessionell geprägte Schule zu schicken – und warum nicht?

von Christine Schmitt, Katrin Richter  31.08.2025

Essay

Wie eine unsichtbare Wand

Immer sind Juden irgendetwas: Heilige oder Dämonen, Engel oder Teufel. Dabei sind wir ganz normale Menschen. Warum nur gibt es immer noch Erstaunen und teils Zurückweisung, wenn man sagt: Ich bin jüdisch?

von Barbara Bišický-Ehrlich  31.08.2025

Vor 80 Jahren

Neuanfang nach der Schoa: Erster Gottesdienst in Frankfurts Westendsynagoge

1945 feierten Überlebende und US-Soldaten den ersten Gottesdienst in der Westendsynagoge nach der Schoa

von Leticia Witte  29.08.2025

Würdigung

Tapfer, klar, integer: Maram Stern wird 70

Er ist Diplomat, Menschenfreund, Opernliebhaber und der geschäftsführende Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses. Zum Geburtstag eines Unermüdlichen

von Evelyn Finger  29.08.2025

Interview

»Physisch geht es mir gut, psychisch ist ewas anderes«

Sacha Stawski über den Angriff auf ihn und seine Kritik an Frankfurts Oberbürgermeister

von Helmut Kuhn  28.08.2025

München

»In unserer Verantwortung«

Als Rachel Salamander den Verfall der Synagoge Reichenbachstraße sah, musste sie etwas unternehmen. Sie gründete einen Verein, das Haus wurde saniert, am 15. September ist nun die Eröffnung. Ein Gespräch über einen Lebenstraum, Farbenspiele und Denkmalschutz

von Katrin Richter  28.08.2025

Zentralrat

Schuster sieht Strukturwandel bei jüdischen Gemeinden

Aktuell sei der Zentralrat auch gefordert, über religiöse Fragen hinaus den jüdischen Gemeinden bei der Organisation ihrer Sicherheit zu helfen

 27.08.2025

Gedenken

30 neue Stolpersteine für Magdeburg

Insgesamt gebe es in der Stadt bislang mehr als 830 Stolpersteine

 26.08.2025

München

Schalom, Chawerim!

Der Religionslehrer Asaf Grünwald legt Woche für Woche in Kurzvideos den aktuellen Tora-Text für die Gemeindemitglieder aus

von Luis Gruhler  26.08.2025