Buchvorstellung

Sprache, Fleiß und eine deutsche Geschichte

Mihail Groys und Ariella Chmiel während der Veranstaltung im Café »Nash« Foto: IKG-Kulturzentrum/A. Schmidhuber

Bis die Sanierung des Münchner Stadtmuseums volle Fahrt aufnimmt, hat Daniel Gitbud das ehemalige Stadtcafé am Jakobsplatz übernommen. Er ist ein Aktivist im besten Sinne – mit originellen Ideen wie der Schabbattafel am Marienplatz zum Gedenken an die nach Gaza entführten Menschen aus Israel und seinem mobilen Kaffeeausschank mit Gesprächsmöglichkeit unter dem Motto »Coffee with a Jew«. Nun heißt das Café »Nash« und soll auch der Kultur ein Zuhause bieten.

Als erfolgreichen Auftakt luden das Nash und das Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern zu einer gemeinsamen Buchpräsentation ein. Mihail Groys stellte sein Buch Meine deutsche Geschichte im Gespräch mit Ariella Chmiel vor. 1991 im Donbass, »dem ukrainischen Ruhrgebiet«, geboren, wurde Groys im Alter von sieben Jahren nach Deutschland verpflanzt.

Mangels Deutschkenntnissen konnte der Vater nicht an seine erfolgreiche Karriere als Betriebsleiter anschließen. Für den Sohn wurde die Einschätzung, er würde nicht einmal die Mittlere Reife schaffen, ein Motivationsschub, es der Welt zu zeigen. Er studierte, arbeitete in der Musikindustrie sowie im Parlament und ist heute als politischer Referent und Publizist tätig.

Die Schilderung seines Werdegangs sollte nicht in Form einer Autobiografie erfolgen, sondern vielmehr zeigen, »wie ich als ukrainischer Jude meine neue Heimat sehe«. Anfangs erschien ihm der Donbass als dunkel, Deutschland als bunt. Funktionierende Heizung, Mülltrennung und Supermärkte mit Kühlregalen gehörten zum neuen Erfahrungshorizont, ebenso wie die Kühle und Distanziertheit der Menschen in Deutschland.

Ariella Chmiel befragte Groys nach seinen Ratschlägen für Eingewanderte.

Ariella Chmiel befragte Groys nach seinen Ratschlägen für Eingewanderte, konkret auch dazu, wie die Integration verlief und was die deutsche Seele ausmache. Zum erfolgreichen Ankommen gehöre der Spracherwerb, so Groys, um von den Bildungsangeboten und den Fördermöglichkeiten durch ein Stipendium profitieren zu können.

Während für sein deutsches Gegenüber die Ukraine weit weg im Osten war, interessierte sich Groys für seine neue Heimat, war sich bald bewusst, dass Juden Ureinwohner in diesen Landen waren – lange vor dem Siegeszug des Christentums. Die Familie habe einen sehr unterschiedlichen Stellenwert, im nichtjüdischen Umfeld wolle man die Kinder möglichst bald in die Welt entlassen, im jüdischen so lange wie möglich bei sich behalten.

Groys empfindet sich inzwischen als sehr deutsch, engagiert sich bei der SPD, fühlt sich als jüdischer Mensch mit Migrationshintergrund und einer erfolgreichen Identitätsgeschichte fähig zu einem Innen- und Außenblick. Er hadert mit der selektiven Wahrnehmung, wenn man sich mit Bach, Goethe, Luther und Wagner schmücken, den Holocaust aber vergessen will. Mit Chmiel ist er sich einig, dass der Umgang mit den Juden ein Indikator für den Zustand der Demokratie sei. Die Auswüchse einer globalen Intifada seit dem 7. Oktober 2023 empfindet Groys, gerade in Deutschland, als sehr erschreckend.

Mihail Groys: »Meine deutsche Geschichte. Wie ich als ukrainischer Jude meine neue Heimat sehe«. Edel Verlagsgruppe, Hamburg/München 2025, 174 S., 22,99 €

Brustkrebs

»Vorsorge ist entscheidend«

Hannah Arbitmann über Mammakarzinome, Gentests und die Menopause

von Katrin Richter  23.10.2026

Würdigung

Bayerischer Walk of Fame

Zwei Lebensgeschichten, ein gemeinsames Zeichen: Charlotte Knobloch und Herzog Franz von Bayern werden für ihr Engagement geehrt

von Luis Gruhler  23.10.2026

München

Auf eine Maß mit Lion Feuchtwanger

Ein neu gegründeter Stammtisch erinnert an ein Stück vergessener jüdisch-bayrischer Tradition. Ein Ortstermin

von Leon Stork  22.10.2026

Mode

Sieben Jahre Prada

Diane Bouccara erlebte als Managerin die Welt der Haute Couture bis zur Selbstaufgabe – ehe sie durch ihre Teschuwa zum orthodoxen Judentum fand

von Alicia Rust  22.10.2026

Fotografie

Nordisch by Nature

Der Fotograf Kay Michalak hat für sein neues Buch Jüdinnen und Juden aus norddeutschen Gemeinden porträtiert. Es sind Momente der Begegnung, die die Vielstimmigkeit des jüdischen Lebens zeigen

 21.10.2026

Frankfurt

Auf dem Schuk

Der neue Laden will mehr sein als ein koscherer Supermarkt: ein Ort zum Einkaufen, Plaudern und Ankommen – für die jüdische Gemeinde und das ganze Viertel

von Mascha Malburg  21.10.2026

Programm

BALAGAN, KUKURÍKU und Jazzy Diaspora: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 22. Oktober bis zum 28. Oktober

 21.10.2026

Engagement

Einsatz für jüdisches Leben und Verständigung: Grigory Rabinovich mit Verdienstorden der Bundesrepublik geehrt

 21.10.2026

Würzburg

Zentralratspräsident Josef Schuster kandidiert erneut

Der Würzburger Internist will auf der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden am 29. November für weitere vier Jahre antreten

 22.10.2026 Aktualisiert