Unterricht

Spaßfaktor Sport

Mitgeturnt: Körperliche Aktivitäten fördern die kindliche Entwicklung. Foto: imago

Bewegungsfaul, unsportlich und nur ganz schwer zu motivieren, eine aktuelle Studie der AOK, des Deutschen Sportbundes und des Wissenschaftlichen Institutes der Ärzte Deutschlands (WIAD) zeigt, dass die Kluft zwischen den fitten Kindern und Jugendlichen und ihren konditionsschwachen Altersgenossen immer größer wird.

Nicht nur XXL mache unbeweglich – auch viele normalgewichtige Kinder haben laut Umfrage heute zunehmend motorische Probleme. Vielen bereitet Rückwärtsgehen, auf einem Bein stehen, auf einer Linie balancieren oder einen Purzelbaum schlagen schon Schwierigkeiten. Die Zeiten vor dem Fernseher oder dem Computer verlängern sich – Toben, Ballspielen und Turnen empfänden viele Kids als zu anstrengend und wenig Spaßfördernd. Fazit der Wissenschaftler: Die Motorik bleibt dabei auf der Strecke.

Verpflichtend Sie fordern daher regelmäßig, dass nicht nur die Eltern, sondern auch Kindergärten und Schulen mehr körperliche Aktivitäten anbieten sollten. Dabei sind Schulen laut Lehrplan dazu verpflichtet, Sport anzubieten. Weitgehend unbekannt ist jedoch, dass auch für Kindergärten – auch für die jüdischen – diesbezüglich Vorschriften gelten.

»Mittwoch ist Sporttag, das wissen Eltern und Kinder schon ganz genau«, berichtet Sozialpädagogin Darya Itunina vom Jüdischen Kindergarten in Duisburg. Der Sportraum der Einrichtung sei mit allem ausgestattet, »was man so braucht, und außerdem haben wir ihn in der Energiefarbe Signalrot gestrichen, sodass er gleich vermittelt: Hier kann man sich bewegen«.

Der Kindergarten ist eine mit 35 Plätzen eher kleine Einrichtung. In den drei Gruppen wird viel Wert auf Sport gelegt. »Die Förderung der Grob- und Feinmotorik ist Bestandteil des Programms. In Nordrhein-Westfalen ist zum Beispiel vorgesehen, dass die Erzieher im Abstand von sechs Monaten überprüfen, ob bei den Kindern Defizite vorhanden sind. Sollte das der Fall sein, wird dann gezielt gefördert.«

Spätfolgen Motorische Schwierigkeiten sind kein bloßes »Etwas halt nicht so gut beherrschen können«, sondern können sich später drastisch auf die Schulleistungen auswirken, erklärt Itunina. »Vorschulkinder, die nicht balancieren können, haben es später unter Umständen schwerer beim Schreibenlernen, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird, denn da kommt es ja unter anderem darauf an, die vorgegebenen Linien einzuhalten.«

Ausgewiesene Sportmuffel hat die Pädagogin in der Duisburger Einrichtung noch nicht entdeckt, sondern findet im Gegenteil, »dass Kinder sich gern bewegen, und wenn sie gut angeleitet werden, haben sie viel Spaß am Sport«.

Aber nicht nur am Sporttag werde auf genügend Bewegung geachtet, »wir gehen jeden Tag mindestens eine Viertelstunde nach draußen, ganz egal, wie das Wetter ist. Die Kleinen lernen so, dass es zwar manchmal lange dauert und mühsam ist, sich entsprechend anzuziehen, aber dass es dann auch Spaß macht, an der frischen Luft zu sein. Das kennt man ja von sich selbst, manchmal muss man sich als Erwachsener auch überwinden, joggen zu gehen, aber wenn man das geschafft hat, freut man sich doch.«

Frühzeitig Und so lautet Ituninas Tipp an die Eltern, die ihre Kinder frühzeitig ans Sporttreiben gewöhnen wollen: »Rausgehen und jede Möglichkeit zum Toben nutzen, selbst wenn der Tag lang war und man müde ist. Und natürlich auch: Anmelden in einem Sportverein.«

»Wir bieten sogar mehr Sport an, als im Lehrplan vorgeschrieben ist«, begegnet Darina Pogil, Schulverwaltungsleiterin der Jüdischen Grundschule Stuttgart, dem gängigen Vorwurf, der Sport werde vernachlässigt. Neben zwei wöchentlichen Unterrichtsstunden haben alle Schüler von der ersten Klasse an auch zwei Stunden Schwimmen pro Woche. »Wir halten Wassersport für wichtig, denn wir sind eine Ganztagsschule. Und zwar eine ohne Hort, das heißt, nachmittags findet Unterricht statt – und deswegen müssen wir für Bewegung sorgen«, erklärt Pogil.

Über eigene Sportstätten verfügt die Schule nicht, die Hallen müssen angemietet werden. »Wir erhalten nur den üblichen Zuschuss für private Schulen.« Und weil sich das Schulgebäude im in der Innenstadt gelegenen Gemeindezentrum befindet, »ist unser Schulhof nicht so gut geeignet zum Toben und Spielen, deswegen gehen wir viel spazieren und machen Ausflüge in die Natur«.

Naturerlebnis Ohne regelmäßige Bewegung sinke die Konzentration der Kinder ab, erklärt Darina Pogil, »und sie freuen sich dazu auch immer, wenn Spiele wie Federball und Fußball angeboten werden – oder Wanderungen. Wir laufen richtig viel. Die Lehrer gucken sich die Strecken im Wald in der Umgebung natürlich vorher an, ob sie auch für die Schüler geeignet sind – und dann fahren wir raus, das macht immer viel Spaß.«

In Berlin sind drei Sportstunden pro Woche im Lehrplan vorgeschrieben, wie Judith Zinner, Lehrerin an der Lauder Beth-Zion Grundschule, erklärt. Über eine eigene Turnhalle verfügt die am 1. September 2008 im Gebäude der Synagoge Rykestraße gegründete Schule zwar nicht, »aber wir haben die Möglichkeit, die Sporträume einer in der Nähe gelegenen Lehranstalt mitzubenutzen«.

Gute Ideen Die oft beklagte kindliche Bewegungsfaulheit hat Zinner noch nicht beobachtet, »im Gegenteil, unsere Kinder haben eine sehr gute Beziehung zu Sport, und unser Sportlehrer hat immer viele gute Ideen, wie er den Unterricht interessant gestaltet«. Dies sei auch deswegen wichtig, weil auch die Lauder Beth-Zion Grundschule eine Ganztagsschule ist und durch Bewegung der Schultag insgesamt lockerer und entspannter werde.

Überdies plant man einen Umbau. »Wir wollen einen Bewegungsraum einrichten, der im nächsten Jahr fertig werden soll.« Kleiner als eine Turnhalle, werde dieser mit Sportutensilien ausgestattete Raum »von uns dann auch oft neben dem Sportunterricht benutzt – und er wird uns unabhängiger vom Wetter machen«, sagt Zinner.

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