Energiekosten

Sorge um die Existenz

Stefan Kädtler ist bereits auf dem Weg nach Hause. Die Challabrote hat er soeben in Synagogen und Läden ausgeliefert. »Jetzt kann ich telefonieren«, sagt der Bäcker- und Konditormeister am Freitagmorgen um 7 Uhr. »Es ist beängstigend«, beschreibt er die Situation seiner koscheren Bäckerei Kädtler.

Er habe Sorge um die eigene Existenz – denn heiße Öfen verbrauchen Energie, und die ist mittlerweile teuer geworden. Nachts wird der Gasofen eingeheizt, um Brot, Brötchen, Challa und Kuchen zu backen. »Wir sind somit auf das Gas angewiesen«, sagt er. Nicht nur er fürchtet um seine Existenz, auch die Besitzer von koscheren und israelischen Restaurants haben Sorgen.

alternative Seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine haben sich die Kosten vervielfacht. Mehl sei zu 120 Prozent teurer geworden, der Zuckerpreis habe sich verdoppelt und der der Margarine verdreifacht, so Kädtler. »Wir mussten die Preise anpassen«, sagt er bedauernd. Es gab und gibt keine Alternative. Eigentlich müsste er täglich prüfen, ob die Kosten steigen, und dementsprechend die Preise variieren. Angebote über zwei Wochen hinaus werden nicht mehr gegeben.

Dazu kommt noch, dass ab Oktober das Mindestlohngesetz in Kraft tritt. »Dadurch steigen unsere Tarife auch«, so Stefan Kädtler. Neben den explodierenden Energiekosten und Rohstoffkosten kommen nun noch Mehrausgaben für die Löhne dazu.

»Es ist keine schöne Situation«, sagt er. Gleichzeitig beobachten er und seine sieben Mitarbeiter, dass die Kaufkraft der Kunden nachlasse. »Wir setzen alles daran, uns zu halten und weiter ein handwerklich gutes Brot zu backen.« Der 1935 gegründete Betrieb in Prenzlauer Berg ist eine koschere Bäckerei, die jüdische Institutionen beliefert. Auch zu Großereignissen wie zu den European Maccabi Games, die in Berlin stattfanden, legten die Mitarbeiter eine Sonderschicht ein.

entspannung Entspannung findet der Bäckermeister indes bei seinen zwölf Bienenvölkern. Zwar könne er von dem Honig, den er ebenfalls in seinem Laden anbietet, nicht leben, aber »die Natur holt mich wieder runter«. Ein paar Mal in der Woche fährt er deshalb nach Brandenburg. »Diese Besuche erden mich immer wieder.«

Zu Stoßzeiten bilden sich mehrere Meter lange Schlangen vor »Eivgi’s Orientalische Spezialitäten«, das nur ein paar Meter vom Schöneberger Rathaus entfernt liegt. »Wir arbeiten schwer«, sagt der Inhaber und Koch Shalom Eivgi. Jeder sei von den steigenden Energiekosten betroffen, meint er, aber Restaurantbesitzer treffe die Preiserhöhung sehr. Die Kalkulation stimme nun nicht mehr, der Gewinn sei vorher schon nicht üppig gewesen, nun falle er aber immer weiter. Deshalb hatte er keine andere Wahl, als die Preise für Falafel, Hummus und Pita zu erhöhen. Zunächst einmal jedes Gericht um einen Euro.

Selbst die Kerzen sind teurer geworden – ebenso wie Verpackungen.

»Auch bei uns steigen die Preise«, sagt Leo Carnein, Assistent der Geschäftsführung des Restaurants »Feinberg’s«. Nicht jedoch ohne Bauchschmerzen und der größtmöglichen Rücksichtnahme. »Wir sind sehr bemüht, sie moderat zu halten.« Die hohen Energiekosten, teurere Verpackungen, überteuerte Speise- und Frittieröle kämen erschwerend hinzu. Eine Folge der Erhöhung war, dass es schlechte Bewertungen gab. »Umso wichtiger ist es für uns, es laut auszusprechen, dass wir die Preisanpassungen nicht einfach so vornehmen, sondern dazu gezwungen sind, denn sonst können wir nicht überleben.« Aber eine Erhöhung gehe auch immer mit der Angst einher, dass die Gäste wegbleiben.

mindestlohn Er selbst sei überrascht, wie die Preise anziehen. »Beispielsweise beim Wein. Teilweise sind sie 20 Prozent teurer geworden, weshalb wir uns davon verabschiedet haben, nur israelische Weine anzubieten.« Zusätzlich werden nun deutlich günstigere, europäische Weine angeboten. Durch die Erhöhung des Mindestlohns steige auch bei Feinberg’s der Druck, höhere Gehälter zu zahlen, die aber jetzt schon deutlich höher liegen.

Auch das neue Verpackungsgesetz, das am 1. Juli in Kraft getreten ist, belastet. Nicht nur, dass die Verpackungen für Take-away teurer geworden sind, am Ende des Jahres muss sich jedes Restaurant prozentual an den Kosten für Recycling beteiligen. Selbst die Kerzen sind teurer geworden. Mittlerweile bräuchte das Restaurant täglich Kerzen im Wert von 20 Euro – »was wir uns im Moment nicht leisten können«.

Das Restaurant Neni im Bikini-Haus wird im Oktober neue Menüs anbieten, bis dahin bleiben die Speisen und die Preise wie gehabt. »Dann werden sie steigen«, sagt Restaurantmanagerin Katharina Elsner. Die Speisekarte wird in der Neni-Zentrale in Wien entwickelt und gilt für alle Restaurants der Firma. Die Leitung hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Die Häuser sollen nachhaltiger werden, weshalb Plastikflaschen der Vergangenheit angehören sollen.

mangelware Und die Res­taurantmanagerin hat bereits festgestellt, was Mangelware ist: Glas. Gestiegene Preise und Lieferschwierigkeiten – bekannte Folgen des Ukraine-Krieges – seien nun auch bei Glasprodukten zu spüren, vor allem bei Flaschen. Vor allem bei Weißglas, das für die Abfüllung von Schnäpsen und Essig benötigt wird, hapert es, so Elsner, »wegen der ausgefallenen Produktionen in der Ukraine«.

Vor knapp zwei Wochen eröffnete Andreas Marinkovits sein Restaurant »L’Chaim« in der Münsterschen Straße. Täglich hat es von 17 bis 22 Uhr geöffnet. »Bei einem koscheren Restaurant kann man nicht mit viel Gewinn rechnen«, sagt er. Auch er hat schon festgestellt, dass es manchmal Lieferengpässe geben kann – beispielsweise beim koscheren Fleisch. »Da gab es Probleme bei der Anlieferung.«

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