Bingen

Sieg über die Zerstörung

Leihgabe aus Mainz: Sefer Tora im Tallit Foto: Dorothea Dürsch

Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky lässt den silbernen Jad über die Zeilen gleiten und liest vor. Die Atmosphäre ist feierlich, nicht nur weil man Schabbat feiert, sondern weil dieser Moment historisch sein wird. Seit 80 Jahren wurde in der ehemaligen Binger Synagoge nicht mehr aus der Tora vorgelesen. Am Schabbat Wajakhel-Pekudej unterstützt der Mainzer Rabbiner die Mitglieder von »TIFTUF, Förderverein für jüdisches Leben in Bingen heute«, bei ihrem Gebet.

Seit zehn Jahren bemüht sich TIFTUF um die Wiederbelebung jüdischen Lebens in der Stadt am Rhein. Ein deutliches Zeichen setzt dabei dieser Schabbat. In Ermangelung eines Aron Hakodesch hat Rabbiner Vernikovsky die mitgebrachte Torarolle in einen Tallit gehüllt.

Gebet Gefeiert und gelesen wird in einem Raum mit wechselvoller Geschichte. 1938 war die Binger Synagoge zerstört worden. Dass hier wieder aus einer Tora gelesen wird, gleicht also einem Wunder, beanspruchte doch die Binger Feuerwehr das Haus für sich. Das Gebet sei der Sieg über die Zerstörung, meinen alle.

Als sich TIFTUF 2008 als kleine Initiative gründete, wurde eine Wohnung in dem Restgebäude der ehemals großen Synagoge Bingen frei. Die Stadt hatte in diesem Gebäude die Feuerwehr untergebracht.

Als die letzte Mieterin, Witwe eines Feuerwehrmannes, gestorben war, fragte eine Gruppe von Juden bei der Stadt nach, ob sie diesen Raum nutzen dürfe. Doch die Stadt sagte nein, weil sie Büroräume für die Feuerwehr darin unterbringen wollte. Erst nachdem die Öffentlichkeit von der Anfrage der jüdischen Initiatoren hörte, wurde die Wohnung geteilt und von der Stadt renoviert. Seitdem gibt es wieder jüdisches Leben in der Stadt am Rhein.

So können am Freitagabend kurz vor Sonnenuntergang die Kerzen feierlich entzündet werden. Rabbiner Vernikovsky leitet durch die Gebete. Anschließend setzen sich die Mitglieder zu einem festlichen Kiddusch, dessen Zutaten aus der Küche der Mainzer Gemeinde stammen, zusammen, und der Rabbiner spricht den Segen über Wein und Brot. Dabei erklärt er, dass der Schabbat seit mehr als 4000 Jahren zur jüdischen Tradition gehört.

Schabbat Am Schabbatmorgen trifft man sich erneut. Allen ist bewusst, dass die gemeinsame Feier ein besonderer Moment ist. Wahrscheinlich war Ignaz Maybaum der letzte Rabbiner, der hier Gebete anstimmte.

Bis 1928 wirkte er in Bingen. Auch nach dem Schacharit treffen sich die Mitglieder zum Kiddusch. Ein Stimmenmix aus Deutsch, Hebräisch, Russisch, Englisch und Portugiesisch ist zu hören. Rabbiner Vernikovsky spricht über die jahrtausendealte reiche jüdische Tradition und die vielen Überlebensgeschichten des Volkes.

Am Tisch entwickeln sich lebhafte Diskussionen über die Besonderheit der jüdischen Geschichte und darüber, was jüdische Identität ausmacht und in welcher Vielfalt sie heute gelebt werden kann.

TIFTUF hat in den zehn Jahren seines Bestehens viel erreicht. So entstand ein Lehrhaus als Lernort, wo einerseits regelmäßig die Wochenabschnitte aus der Tora gelesen und die Kommentare von Gelehrten oder Rabbinern studiert werden und andererseits gesellschaftliche Themen und existenzielle Fragen zur Diskussion stehen.

Gemeinschaft Die TIFTUF-Mitglieder organisieren Kunstausstellungen, literarische Abende oder sind als Musiker bei anderen Veranstaltungen in der Stadt gefragt. Die Gemeinschaft kümmert sich um Probleme ihrer Mitglieder, hilft bei Übersetzungen, setzt sich für die Rechte ihrer Mitglieder bei den Behörden ein oder hilft bei persönlichen Krisen.

Svetlana Tultschinsky, Beraterin der Jüdischen Gemeinde Mainz, unterstützt die Binger kontinuierlich. Regelmäßig soll es jetzt auch wieder Gottesdienste in der Binger Synagoge geben. Rabbiner Vernikovsky verspricht an diesem Schabbat, auch in Zukunft nach Bingen zu kommen, weitere lebhafte »Schabbatot in Bingen« zu feiern und die Gemeinschaft zu stärken.

www.tiftuf.org

Dresden

Unbekannter entwendet Kippa

Der Staatsschutz der Dresdner Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen

 24.08.2026

Meinung

Jüdische Schulen: Orte der Zugehörigkeit

Der Wunsch nach jüdischer Bildung wächst, während die Strukturen zunehmend fragil werden

von Eduard Steinberg  24.08.2026

Ferien

Unsere kleine Stadt

Mehrere Wochen trafen sich deutsche, ukrainische und israelische Jugendliche in Brandenburg zu einem Sommercamp der Initiative »J-ArtEck«. Zum Abschluss inszenierten sie eine Oper von Paul Hindemith

von Leon Stork  23.08.2026

Plädoyer

Stark und selbstbewusst

Die Zeiten des Ghettos und Sich-Wegduckens gehören zum Glück der Vergangenheit an. Umso mehr sollten Juden hierzulande entschiedener für ihre Interessen eintreten

von Sacha Stawski  23.08.2026

Porträt der Woche

Mein Traum von Frieden

Yuval Halpern ist Sänger der iranisch-israelischen Band Sistanagila

von Alicia Rust  23.08.2026

Jüdisches Erbe

Leipziger Stadtrundgang zu jüdischer Musik

Mit dem »Notenbogen« erhält Leipzig einen weiteren musikhistorischen Stadtrundgang. Der Fokus soll dabei auf den Spuren »jüdischer Musik« liegen

von Joris Ufer  23.08.2026

Deutschland

Weil er sich israelsolidarisch äußerte: Mann wird mit Cuttermesser an Berliner U-Bahnhof angegriffen

Die Hintergründe

 22.08.2026

Memoiren

Und dennoch!

2012 erschienen die Lebenserinnerungen der Schoa-Überlebenden Charlotte Knobloch. Titel: »In Deutschland angekommen«. Heute sagt sie: »Ich habe mich getäuscht.« Jetzt legt deshalb ein weiteres Buch vor

von Christoph Renzikowski  21.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  21.08.2026