Bad Sobernheim

Sich wehren lernen

Gäste vom »Jungen Forum«: Tibor Luckenbach, Alan Marx, Annina Schmidt und Aras-Nathan Keul mit Gastgeber Ilya Daboosh (v.l.) Foto: Martin Köhler

Immer wieder finden sie sich in der Situation, Israel verteidigen zu müssen. In der vergangenen Woche waren interessierte junge Menschen bis 35 zu dem Seminar »Aktiv gegen Antisemitismus in sozialen Netzwerken« in die Bildungsstätte der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) nach Bad Sobernheim eingeladen.

Beleuchtet werden sollte das Bild des Staates Israel sowohl online als auch offline. »Antisemitismus taucht immer stärker in den sozialen Netzwerken im Internet auf. Auf Facebook, Twitter und in anderen Online-Communitys ist eine Welle des Judenhasses spürbar«, hieß es in der Einladung mit dem Verweis darauf, wie massiv die Kampagne gegen Israel vonseiten der BDS-Bewegung, (Boycott, Divestment and Sanctions) betrieben wird.

Propaganda Vier Tage lang wurden die 13 Teilnehmer in der ZWST-Erholungs- und Bildungsstätte Max-Willner-Heim geschult, wie sie solche Propaganda erkennen, darauf kreativ und schlagfertig reagieren können – ohne sich selbst zu gefährden.

Organisator Ilya Daboosh, bei der ZWST für das Programm »Achtzehnplus« zuständig, gelang es, für das Seminar drei namhafte Referenten zu gewinnen: Rotem Appel vom Interdisziplinären Zentrum IDC Herzliya, Michal Kfir von StandWithUs, einer 2001 gegründeten israelischen Bildungsorganisation, sowie den Israel-Aktivisten, Anwalt und Autor Ran Bar-Yoshafat. »Es geht darum, den Teilnehmern Motivation, Wissen und Werkzeug an die Hand zu geben, um Israel und den Zionismus zu stärken«, umriss Bar-Yoshafat das Thema, bei dem man sich auch altersmäßig auf Augenhöhe traf.

Am Donnerstagabend, die Teilnehmer hatten sich beim Dinner gerade erst kennengelernt, diskutieren sie unter der Leitung von Michal Kfir und Ilya Daboosh intensiv über die BDS-Bewegung. Am Freitag ging es um Maßnahmen, die sich zur Gegenwehr einsetzen lassen. Darüber hinaus stellte Rotem Appel ausführlich eine neue App vor, die unter www.act-il.com herunterzuladen ist.

fake news Mit ihrer Hilfe könne man antisemitische Propaganda sowie Fake News einer größeren Community melden, erklärte Appel. Umgekehrt sei es dank der Masse an App-Nutzern möglich, positive Nachrichten aus Israel breit zu streuen. Angeschlossen an diese Internet-Plattform sind juristische Organisationen, Wissenschaftler, Studenten-Verbindungen sowie Grafikdesigner – kurzum alle, die pro-israelisch denken und handeln.

»Bildung und Wissen sind der Weg zum Frieden!«, zeigte sich Michal Kfir überzeugt. Sie arbeitet für die Bildungswebseite www.standwithus.com, die sich ausgehend von den USA mit Informationen in vielen Sprachen, Veranstaltungen, Petitionen und einem neuen Mailing-Programm, das Kfir im Max-Willner-Heim vorstellte, für ein positiveres Image Israels einsetzt.
»Den Seminarteilnehmern liegt Israel wirklich am Herzen. Wir haben großes Vertrauen in sie als Botschafter in Deutschland«, sagte Rotem Appel der Jüdischen Allgemeinen. »In der Tat wurden die Besten für dieses Seminar ausgesucht«, befand auch Michal Kfir.

Für Ran Bar-Yoshafat, der in Israel häufig Vorträge vor Hunderten Zuhörern hält, war die relativ kleine Gruppe eine »intime Erfahrung«. Er referierte den gesamten Schabbat hindurch über internationales Recht, Siedlungsfragen und die Geschichte des Nahen Ostens. Kern seines Referats waren die beiden Themenblöcke »Argumente und Gegenargumente«: aktives Reden ohne Scheu, Einschreiten, wenn es antisemitisch wird, und trotzdem freundlich bleiben, ohne argumentativ ins Stocken zu geraten. Ilya Daboosh musste erst einmal tief durchatmen und zog anschließend das Fazit: »Der Samstag war ein extrem intensiver Seminartag.«

zusammenarbeit Und die Zusammenarbeit wird voraussichtlich weitergehen, denn sowohl IDC als auch StandWithUs wollen kurz- oder mittelfristig Vertretungen in Deutschland eröffnen und suchen hierfür junge, motivierte Mitarbeiter.

Eine weitere Besonderheit dieses ZWST-Seminars war der Besuch von vier Mitgliedern des »Jungen Forums«, der Jugendabteilung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. »Beson­ders interessant war, dass wir die Strategien der Öffentlichkeitsarbeit direkt von Israelis vermittelt bekamen«, sagte Forumsvorsitzender Tibor Luckenbach, »denn sie blicken auf die Themenfelder aus anderer Perspektive als wir in Deutschland.«

»Wir fühlen uns weiter in unserer Arbeit bestärkt, dem in Deutschland weit verbreiteten israelbezogenen Antisemitismus etwas entgegenzusetzen und die besonderen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel mit Leben zu füllen«, sagte Vorstandsmitglied Aras-Nathan Keul.

fazit Alan Marx, ebenfalls vom Jungen Forum, zeigte sich beeindruckt, wie StandWithUs in so vielen unterschiedlichen Ländern für Israel Partei ergreift. »Wir haben mehr über Strategien und Argumentationsmuster gelernt, um bei Diskussionen antiisraelische Vorurteile zu kontern«, zeigte sich auch Vorstandsmitglied Annina Schmidt hochzufrieden.
Das Bild Israels in Deutschland sei zum Teil leider oft unfair negativ verzerrt, merkten die jungen Aktivisten unisono an. Sowohl auf staatlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene sei es besonders wichtig, die deutsch-israelischen Beziehungen zu verbessern, forderte nicht nur Keul.

Motiviert durch die vier Tage in Bad So­bernheim will das Junge Forum nun einen runden Tisch für junge, politisch engagierte Menschen anlässlich des 70. Jahrestages der Staatsgründung Israels ins Leben rufen. Vom offiziellen Charakter des Seminars abgesehen, sei es auch positiv gewesen, dass das Junge Forum seine Arbeit zahlreichen gleichaltrigen Israelfreunden vorstellen konnte, zog Tibor Luckenbach eine positive Bilanz des Besuches.

Die Mainzerin Anna Shmukler war eine der Ersten, die sich nach dem ZWST-Aufruf auf Facebook zum Seminar angemeldet hatten. »Im Alltag werde ich oft mit kritischen Fragen konfrontiert, denen ich mich meistens stelle«, berichtete sie, »denn ich will meine Herkunft und Wurzeln nicht verstecken.« Mithilfe des Seminars habe sie nun neues Rüstzeug erhalten. »Gleichzeitig fahre ich mit einem guten Gefühl des gestärkten Selbstbewusstseins nach Hause«, fügte sie an. Es sei sehr wohl möglich, nachhaltig gegen Antisemitismus im Internet vorzugehen. Dafür sei die App des IDC äußerst praktisch.

Die eindrucksvollen Vorträge von Ran Bar-Yoshafat zeigten Anna Shmukler, »wie man argumentativ den Gleichstand herstellen kann«. Für die ZWST war das Seminar gegen Antisemitismus das dritte seiner Art. Eine Fortsetzung wird es ganz sicher geben.

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