Nachruf

Seine Stimme ist verstummt

Kantor Ingster amtierte in der Rykestraße. Foto: Rolf Walter

Nachruf

Seine Stimme ist verstummt

Oljean Ingster, langjähriger Kantor der Synagoge Rykestraße, ist mit 95 Jahren verstorben

von Christine Schmitt  25.05.2023 09:33 Uhr

Er fiel auf. Unter den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Schwerin, die mit einem Bus nach Berlin in die Synagoge Rykestraße angereist waren, »war er einer, der über Kenntnisse dessen verfügte, was hier vorne vor sich ging. Das war Oljean Ingster, der ganz dabei war, sich allerdings nicht als Akteur am Gottesdienst beteiligte. Noch nicht, muss man sagen, denn es sollte anders werden«.

So erinnert sich Hermann Simon, Beter der Synagoge, an seine erste Begegnung mit Ingster vor etwa 60 Jahren. Nun ist der Kantor im Alter von 95 Jahren gestorben. Am Donnerstag spricht Rabbiner Boris Ronis auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee das Kaddisch für ihn.

bescheidenheit Seine Freundlichkeit, sein Interesse an vielen unterschiedlichen Themen und seine Bescheidenheit hatte er sich immer bewahrt. Und wahrscheinlich war es auch ihm zu verdanken, dass aufgrund seiner Zuverlässigkeit und Begeisterung die Gottesdienste über Jahrzehnte immer regelmäßig stattfanden.

Vor knapp 60 Jahren fragte ein Mitglied des Synagogenvorstands, ob er nicht einspringen könne, da Rabbiner Ödön Singer nur ab und zu in der Rykestraße im Einsatz war. Aber er musste samstags doch immer arbeiten, war sein erster Gedanke. Denn Ingster war Abteilungsleiter im Funkwerk Köpenick. Trotz seiner Bedenken sagte er zu. Wenn er einmal eine Melodie hörte, dann war sie in seinem Kopf aufgenommen.

Oljean Ingster lernte als Kind Jiddisch und Hebräisch, studierte die Tora und war sowohl mit der sefardischen als auch mit der aschkenasischen Liturgie vertraut.

hohe feiertage Das Problem mit den Samstagen blieb allerdings noch bestehen, sodass Ingster die »versäumte« Arbeitszeit immer in der Woche nachholen musste. Zu den Hohen Feiertagen nahm er sich Urlaub, um amtieren zu können. Erst als sich das Staatssekretariat für Kirchenfragen der DDR einschaltete, wurde es besser. Wenn kein Rabbiner da war, übernahm Ingster damals einige seiner Aufgaben.

Zu seinem Haus in Woltersdorf gehört ein 2000 Quadratmeter großer Garten, in dem Lebensgefährtin Ingrid »die Chefin« ist, wie er einmal lächelnd sagte. Sein Bereich im Haus waren die Bücherregale, denn er las immer und viel, solange es ihm möglich war. Dabei beschäftigten ihn hauptsächlich der Holocaust und seine Folgen. Die Schoa ließ ihn nicht los. Lange Zeit mochte er nicht darüber reden, erst spät sprach er darüber.

Sein Vater hatte eine Fabrik im oberschlesischen Proszowice. Ingsters Mutter arbeitete für ein Unternehmen in der Chemie-Branche. 1939, als Oljean elf Jahre alt war, musste die Familie fliehen. Zwei Jahre später wurden sie für den Transport in ein Vernichtungslager zusammengetrieben. Oljean, der als Einziger aus seiner Familie überlebte, kam nach Rzeszów. Dort musste er in einem Flugmotorenwerk arbeiten, zwölf Stunden täglich, und hungerte. Acht Lager und einen Todesmarsch überlebte er. Jede Veränderung bedeutete für ihn eine Verschlimmerung.

lager In einem Wald bei Schwerin wurde er von den Amerikanern befreit. Da war er 17 Jahre alt, vollkommen abgemagert und ohne Familie. Allein Wolf-Thadeusz Epstein, ein Zahnarzt, 20 Jahre älter als Oljean und mit ihm zusammen im Lager, war bei ihm. Epstein bekam das Angebot, eine Zahnarztpraxis in Schwerin zu eröffnen – Ingster wurde sein Zahnarzthelfer, was nicht gerade sein Traumjob war. Nachmittags besuchte er die Schule und studierte später Materialwirtschaft.

In Schwerin baute Oljean Ingster die Jüdische Gemeinde mit auf. Fünf Jahre lang gestaltete er dort die Gottesdienste, bis es ihn beruflich nach Köpenick verschlug. Dass sich Menschen unterschiedlicher Religionen miteinander austauschen, lag ihm am Herzen. Sein Motto lautete: »Man muss das Richtige tun und das andere unterlassen. Ich hatte immer irgendwie einen Schutzengel. Und dadurch blieb ich am Leben.«

Kommentar

Und nun?

Bloße Empörung über den Wahlsieg der rechtsextremen AfD ist billig und wohlfeil. Es sollte endlich auch über die Gründe ihrer Popularität gesprochen werden. Die Parteien der Mitte müssen endlich aufwachen

von Philipp Peyman Engel  07.09.2026

Reaktion

Zentralrat der Juden schockiert über AfD-Ergebnis

Josef Schuster ist entsetzt über das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt. Besondere Gefahren sieht der Präsident des Zentralrats der Juden in der Bildungspolitik

 06.09.2026

München

Bayern erhöht Staatsleistungen für israelitische Kultusgemeinden

Seit 1997 gibt es in Bayern einen Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden. Dieser muss immer wieder mal angepasst werden. Am Freitag war es wieder soweit. Ein Signal der Wertschätzung

 06.09.2026

Porträt der Woche

Meisterin des Spagats

Naama Freedman vereint Kunst, Musik, Film und Sprache jenseits der Genregrenzen

von Lorenz Hartwig  06.09.2026

Israel-Hasserin El Hissy

Jüdische Gemeinde Frankfurt übt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Hintergründe

 04.09.2026

Mode

»Die Kippa gehört zum Outfit«

Jonathan Hirsch über edle Stoffe zu den Feiertagen, stilistische Entgleisungen und die jüdische Kopfbedeckung als Accessoire

von Mascha Malburg  04.09.2026

Bildung

Neues ELES-Stipendium unterstützt jüdische Mediziner bei ihrer Promotion

Die Bewerbungsphase beginnt heute. Vorgesehen ist eine Förderung über zwölf Monate

 03.09.2026

Bad Sobernheim

Mit allen gemeinsam

Die Bildungsfreizeit ist für »Gesher« ein Höhepunkt des Jahres

von Leon Stork  03.09.2026

Und wenn ...

Am Sonntag wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Es steht viel auf dem Spiel. Katrin Richter und Stephan Pramme waren unterwegs in Magdeburg, Halle und Dessau

von Katrin Richter  03.09.2026