Porträt der Woche

»Schreiben ist mein Beruf«

»Bei den EMG habe ich die Teams aus Spanien und Mexiko betreut«: Claudia Stein Foto: Chris Hartung

Porträt der Woche

»Schreiben ist mein Beruf«

Claudia Stein lebt in Berlin und Barcelona und hat ein Buch über Tel Aviv verfasst

von Christine Schmitt  19.10.2015 23:11 Uhr

Das ist doch wirklich alles Blödsinn. Ich hätte die Reiseführer über Israel am liebsten sofort in die Tonne geschmissen, denn was darin über Tel Aviv steht, ist schlicht und ergreifend falsch. Mein Ärger war so groß über diese schlechte Lektüre, dass ich beschloss, es besser zu machen. Das war im Januar 2010.

Nun erscheint mein Reiseführer über Tel Aviv in der vierten Auflage – und ich feile ständig an ihm herum und aktualisiere ihn regelmäßig. Meine Bücher werden von Books on Demand (BoD) veröffentlicht. Da gibt es kein großes Lager, sondern es werden nur so viele im Laserdruckverfahren hergestellt, wie die Wiederverkäufer für den jeweils nächsten Monat abschätzen. Da kann man auch mal schnell eine aktualisierte Auflage zwischenschieben, das ist praktisch.

Ich wollte die wirkliche Geschichte von Tel Aviv erzählen. Es ist ja die erste jüdische Stadt für Juden, die von Juden gebaut wurde, und zwar exakt nach den Plänen Theodor Herzls. Viele Menschen, die damals aus Polen und der Ukraine gekommen waren, haben sie geprägt. Es waren gut situierte Geschäftsleute aus Osteuropa, die sich nicht im Traum vorstellen konnten, eine Unterkunft im überbevölkerten, dunklen und muffigen Jaffa zu beziehen, von den hygienischen Zuständen ganz zu schweigen. So etwas waren sie aus Budapest oder Odessa nicht gewöhnt.

Gründerfamilien Sie gründeten also bereits 1906 die Hausbaugesellschaft Achuzat Beit und kauften die nächsten zwei Jahre Grundstücke. Im April 1909 wurden die Grundstücke ausgelost, und sechs Monate später war bereits das erste Haus fertig. 1910 waren alle 66 Gründerfamilien in ihre Häuser eingezogen, und das Dorf wurde umbenannt in Tel Aviv.

Vorerst war das Projekt abgeschlossen. Kein Deutscher hat die Stadt mitgebaut. Die Templersiedlung Sarona, in deren restaurierten Häusern im letzten Jahr Läden aufgemacht haben, war das Vorbild. Die Templerhäuser waren das Modernste, was der Nahe Osten bis dahin gesehen hatte, und es galten strenge Regeln, wie mit den Grundstücken zu verfahren war. Schon die Templer hatten die Grundstücke per Los vergeben.

Die Geschichte von Tel Aviv ist unglaublich spannend, vom ersten Richtfest bis zur Staatsgründung. Ich habe mich monatelang durch Material gelesen, um alles bestmöglich zu recherchieren. Ferner gibt es noch Stadtpläne von damals. Die meisten Touristen mögen Reiseführer mit Spaziergängen, weshalb ich das Buch auch dementsprechend aufgebaut habe. Tel Aviv ist ideal, um es zu Fuß zu erkunden.

Es heißt immer, dass viele Gebäude dem Bauhaus-Stil zuzuordnen sind. Bauhaus mit runden Balkonen? Walter Gropius würde sich im Grab umdrehen! Die meisten lokalen großen Architekten hatten ein paar Jahre in Europa studiert, die allerwenigsten jedoch am Bauhaus. Einen Abschluss von dort hat nur einer, Arieh Sharon. Er hat aber sehr wenig in Tel Aviv gewirkt. Ze’ev Rechter hat bei Le Corbusier studiert – und dieser Stil zieht sich durch die ganze Stadt. Überall findet man die von ihm erfundenen Stützen unter den Häusern mit Langfenstern.

bücher Angefangen hat meine Auseinandersetzung mit Tel Aviv 2010, denn in diesem Jahr war ich dort und suchte händeringend nach einem Reiseführer auf Deutsch – doch es gab keinen. Das hat sich mittlerweile geändert. Mit dem Reiseführer fing es an, und der hat mir so viel Spaß gebracht, dass ich dabeiblieb und zusätzlich Museumsführer schrieb.

Jüngst bin ich meiner Linie etwas untreu geworden, indem ich erst ein Lehr- und nun ein Arbeitsbuch über das hebräische Verbensystem, die sogenannten Binjanim, herausgab. Die Autorin ist Rut Avni. Die Nachfrage nach dem Lehrbuch ist immens, und ich hoffe, dass nun auch das Arbeitsbuch so ein Hit wird. Von den Einnahmen kann ich hoffentlich bald leben, denn bisher zehre ich noch von meinen Ersparnissen. Ich lebe seit Jahren abwechselnd in zwei Städten, in Barcelona und Berlin, wo ich auch Gemeindemitglied bin. Ich mag diese Stadt, allerdings bin ich hier nicht zu Hause. Mein Lebenszentrum ist Barcelona.

Den vergangenen Sommer habe ich in unserer Familienwohnung in Prenzlauer Berg verbracht. Denn bei den Europäischen Makkabispielen (EMG) war ich Volunteer und habe die spanische und die mexikanische Delegation betreut, was mir viel Spaß machte. Ansonsten habe ich mich in eine Bürogemeinschaft eingemietet und dort gearbeitet. Schreiben ist ein einsamer Job. Wenn ich zu Hause arbeite, bin ich sehr abgelenkt. In ein Büro zu gehen, ist leichter.

familie Aufgewachsen bin ich in Düsseldorf. Mein Vater ist in den Niederlanden geboren. Meine Mutter ist leider vor ein paar Jahren gestorben. Ich hatte bis zum Schluss die Hoffnung, dass sie mir weiterhelfen würde, was unsere jüdische Familiengeschichte betrifft. Ihre Vorfahren trugen den Nachnamen Israel. Der Stammbaum lässt sich über mehrere Generationen zurückverfolgen. Doch bei einigen Vorfahren gibt es Fragezeichen, bei anderen fehlt der Name gänzlich.

Meine Mutter wollte darüber bis zuletzt nicht sprechen und schwieg, was ich sehr bedauere. Sie erzählte nur von ihrem Großvater, der 1936 in Düsseldorf von einem Nazi-Mob ermordet wurde. Nach dem Tod meiner Mutter ist mein Vater in die städtischen Archive gegangen. Die Tat war als Selbstmord vertuscht worden. Schade, so konnten wir keinen Stolperstein beantragen. Das hatte meine Mutter sich so sehr gewünscht. Ich spürte schon als kleines Mädchen, dass ich mit dem Christentum nichts anfangen konnte.

Nach meiner Ausbildung zur Industriekauffrau und einem BWL-Studium nahm ich meinen ersten Job in Chicago an. Dort fing ich an, regelmäßig eine Synagoge zu besuchen. Nach meinem Umzug nach Barcelona wolle ich das fortsetzen. Mir wurde allerdings die Tür vor der Nase zugeschlagen. Wenn man keinen von den Betern kannte, kam man nicht rein. Da meine Mutter sich nicht weiter zu unserer Familiengeschichte äußern wollte und ich auch nicht wusste, wo ich die entsprechenden Unterlagen finden könnte, beschloss ich, den offiziellen Weg zu gehen und zu konvertieren.

Ich nahm in Spanien an dem entsprechenden Kursus teil und flog schließlich zum Rabbinatsgericht nach Lyon in Frankreich. Dorthin kamen Leute aus Spanien, Italien und Frankreich, um überzutreten. Wahrscheinlich lohnt es sich nicht, in Spanien für die Interessierten zusammenzukommen. Übrigens habe ich meine Synagoge in Barcelona inzwischen gefunden.

In Spanien hatte ich jahrelang in einer Immobiliengesellschaft gearbeitet. Als sie eine Filiale in Berlin aufmachte, übernahm ich dort Aufgaben. Nun, als mittlerweile selbstständige Immobilienberaterin, ist heute kein großes Geld mehr zu machen. Ich hab mich dann vor längerer Zeit entschieden, hauptberuflich zu schreiben.

israel Nach Israel reise ich regelmäßig unregelmäßig. Manchmal bin ich jeden Monat eine Woche lang da, dann wieder einige Monate gar nicht. Ich habe dort mein Netzwerk. Mit einigen Israelis treffe ich mich einmal im Jahr zum Windsurfen auf der griechischen Insel Kos. Es gibt einen israelischen Trainer, der Windsurfreisen anbietet. Sport mache ich sehr gerne.

Nach den EMG hatten mich einige Spanier gefragt, ob ich für sie bei den Maccabi-Winterspielen 2016 in Bulgarien an den Start gehen würde. Ja, was soll ich sagen, in Skilanglauf würde ich es glatt machen. Aber Schreiben ist mir am wichtigsten. Damit kann ich nicht mehr aufhören. Nun habe ich eine neue Idee: einen historischen Roman, der in Tel Aviv spielt.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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