München

Schmankerl und Evergreens

Im Herbst 2017, zehn Jahre nach dem Umzug der Israelitischen Kultusgemeinde an den Jakobsplatz, hielt IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch fest: »Wir bauen – auch im Wortsinne – auf unsere Zukunft in der bayerischen Hauptstadt, die heute die ›Weltstadt mit Herz‹ ist. Hier sind wir ein respektierter Teil der pluralistischen Stadtgesellschaft.« Und sie fuhr fort mit einem Gedanken, der sicherlich für die meisten Gemeindemitglieder gilt: »Wir sind Münchner mit tiefen Wurzeln in der Münchner und bayerischen Geschichte. Das bedeutet nicht, dass wir uns aus unserer Religion und unseren Traditionen begeben.«

Diese programmatischen Gedanken haben sechs Jahre später nichts von ihrer Bedeutung verloren. Sie können vielmehr als Richtschnur dienen, wenn es um den Europäischen Tag der jüdischen Kultur 2023 geht, der in diesem Jahr unter dem Motto »Erinnerung« stand.

Für jüdische Menschen aus nah, wie Schwaben oder Franken, und fern, wie Ostpreußen oder Galizien, war die bayerische Residenzstadt lange Zeit ein Zielort, der enorme Zuwanderung erlebte. Manche »Zuagroaste«, wie man auf Bayerisch sagt, haben erheblich zum Ruhm der Stadt beigetragen – und hätten es vielleicht in noch größerem Maße getan, wenn man sie gelassen hätte.

SCHWERPUNKTE Das Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern nimmt seit 2007, dem Beginn der Ära am Jakobsplatz, an dem seit 1999 bestehenden europaweiten Projekt teil. In diesem Jahr wurden drei Schwerpunkte gesetzt: die Biografie des Forscher-Genies Arthur Eichengrün, die Musik des Komponisten Werner Richard Heymann und eine Synagogenführung, in der von Ellen Presser das enorme Erinnerungspotenzial herausgearbeitet wurde, das in der postmodernen Architektur der Ohel-Jakob-Synagoge steckt.

Das Kulturzentrum der IKG nimmt seit 2007, dem Beginn der Ära am Jakobsplatz, an dem seit 1999 bestehenden europaweiten Projekt teil.

Alle drei Events erfreuten sich beim Publikum großer Beliebtheit. Ergänzt wurde das Angebot durch koschere Schmankerl im Restaurant »Einstein« und ein vielfältiges Angebot beim Bücherbasar. Die Stadtführung von Chaim Frank auf den jüdischen Spuren Münchens war auch in diesem Jahr wieder stark nachgefragt und deshalb bereits in kürzester Zeit ausgebucht.

buchvorstellung Auf der Buchvorstellung fehlte derweil ein Buch: das über »Arthur Eichengrün«, gemäß seinem Biografen Ulrich Chaussy »der Mann, der alles erfinden konnte, nur nicht sich selbst«. Der Herder Verlag hatte die Fertigstellung nicht termingerecht geschafft, sodass Chaussy statt einer reinen Lesung kurz entschlossen auf eine szenische Performance mit Musik setzte, angereichert mit fiktiven Einwürfen des Porträtierten, dargeboten von Schorsch Hampel und Peter Weiß.

Chaussy berichtete, wie er im Zuge einer anderen Recherche 1987 über den Obersalzberg bei Berchtesgaden, den Hitler zu seinem zweiten Regierungssitz erkoren hatte, auf die Geschichte eines zerstörten Dorfes und eines einstigen jüdischen Ortsansässigen stieß.

Dieser selbe Arthur Eichengrün, Chemiker und Ingenieur, war einer der innovativsten Köpfe der Kaiserzeit und der Weimarer Republik. Er synthetisierte Kokain, das einmal als Heilmittel galt, erfand Aspirin und den unbrennbaren Kinofilm, schuf mit »Cellon« eine Alternative zur Schellack-Platte und zur Bespannung von Luftschiffen. Er trug zum Ruhm der Firma Bayer bei und verdiente mit seinen Patenten – auch in Übersee – so gut, dass er sich ein Landhaus am Obersalzberg leisten konnte.

ZUHAUSE Der gebürtige Aachener, der in Berlin wirkte und seine Freizeit im ländlichen Ambiente genoss, verlor sowohl sein Haus in den Alpen als auch sein elegantes Zuhause in Berlin und wurde 1944 ins KZ Theresienstadt deportiert. Er überlebte. Chaussy fand das Grab des assimilierten Juden, der sich nie taufen ließ, am Ortsfriedhof in Bad Wiessee.

In diesem Jahr stand der Europäische Tag der jüdischen Kultur unter dem Motto »Erinnerung«.

Über den Komponisten Werner Richard Heymann (geboren 1896 in Königsberg, gestorben 1961 in München) konnte man, während das Publikum in den Hubert-Burda-Saal strömte, am Büchertisch allerlei finden. Dafür sorgt seine 1952 geborene Tochter Elisabeth Trautwein-Heymann seit Jahrzehnten.

Zu den Anekdoten, die sie überliefert, gehört jene von seinen Bemühungen um Wiedereinbürgerung nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil. Erst 1957 bat man ihn in München aufs Rathaus. Als Beleg seiner Deutschkenntnisse sollte er ein deutsches Volkslied singen. Er trug »Das gibtʼs nur einmal« vor. Ohne zu ahnen, dass Heymann damit seine eigene Komposition dargeboten hatte, akzeptierten die Beamten den Evergreen als Volkslied und erkannten ihm die deutsche Staatsbürgerschaft wieder zu.

lieblingslied Als sein Lieblingslied nannte der Schöpfer der Hollywood-Filmmusiken von Ninotchka und To be or not to be einem Fernsehteam vom Bayerischen Rundfunk 1961 das Lied »Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück«, zu dem sein Freund Robert Gilbert den Text verfasst hatte.

Im München des Jahres 2023 konzertierten im Gemeindezentrum der Kultusgemeinde schließlich der Israeli Tal Bal­shai, der für eine Tontechniker-Ausbildung nach Berlin kam und als Musiklehrer und Pianist dort blieb, und die aus Kasachstan stammende Sängerin Helena Goldt. Als Russlanddeutsche konnte sie einen Teil des Publikums sogar mit ein paar zusätzlichen Melodien in russischer Sprache überraschen.

Thüringen

Achava-Festspiele: Dialog zwischen Religionen und Kulturen

Die Achava-Festspiele gehen mit mehr als 80 Veranstaltungen in ihre zwölfte Ausgabe. Neben Konzerten umfasst das Programm Ausstellungen, Filme, Vorträge, interreligiöse Begegnungen sowie Angebote für Familien und Schulen

 02.07.2026

Sport

Maccabiah Chai!

170 Athletinnen und Athleten sind in Israel beim größten jüdischen Sportevent – Wir stellen Ihnen sechs vor

von Katrin Richter, Helmut Kuhn  01.07.2026

Sachsen-Anhalt

»Eine offene Tür ist unsere Antwort«

Landesverbands-Geschäftsführerin Rimma Fil über wachsenden Antisemitismus, Sorgen vor der Landtagswahl und den festen Willen der jüdischen Gemeinden, sichtbar zu bleiben

von Christine Schmitt  01.07.2026

Verlegung

Magdeburg erhält 900. Stolperstein

Seit 2007 wird in Magdeburg mit Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die nunmehr 47. Verlegung wurde auf zwei Tage verteilt

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026