Porträt

Schlomo gibt den Ton an

»Im Prinzip mache ich hier alles«: Medienassistent Schlomo Berger im ALEX-Studio Foto: Stephan Pramme

Auf dem Schreibtisch von Schlomo Berger herrscht das blanke Chaos: Papierstöße stapeln sich zu Türmen, zwischen denen kaum noch sichtbar CDs liegen, eine Kamera linst zwischen den Haufen davor, dazwischen schlängeln sich Kabel ihren Weg. Gegenüber steht eine Werkbank mit Bohrmaschinen, Schraubstock, Werkzeug und noch mehr Kabeln, Pappkartons auf dem Boden verbinden Tisch und Bank. »Entschuldige die Unordnung, ich habe gerade unheimlich viel zu tun«, lacht Berger etwas verlegen. So unorganisiert seine Arbeitsecke im Offenen Kanal wirkt, so sehr hat der Techniker seinen Job im Griff. »Schlomi, wir brauchen Hilfe beim Weißabgleich!« »Schlomi, kannst du dir bitte mal die Kameraeinstellung ansehen?« Immer wieder ist die Erfahrung des 42-Jährigen gefragt.

Seit fast zehn Jahren arbeitet der gebürtige Israeli als »Medienassistent« bei ALEX, wie der Offene Kanal seit einem knappen Jahr heißt. Hier kann jeder Bürger seine eigene Fernseh- oder Radiosendung produzieren. Berger, der gelernter Toningenieur ist, gehört zu den vier Technikern, die dabei helfen. Mit sichtlichem Stolz führt er Besucher in die beiden Radiostudios: »Die habe ich vor sieben Jahren gebaut«, erklärt er. Der Audiobereich ist sein Spezialgebiet, »aber im Prinzip ma-
che ich hier alles«, sagt Berger.

militärdienst Nach seiner Ausbildung zum Toningenieur in Israel und London arbeitete er bei Radio Jerusalem, sowie für verschiedene Theater und Fernsehstationen. Obwohl es beruflich so gut lief, wollte Berger Ende der 90er-Jahre nur noch eines: »Weg aus Israel – völlig egal wohin«, erinnert er sich. Der Grund: »Ich habe nichts gegen den Militärdienst, aber sehr wohl gegen den einen Monat, den man danach jedes Jahr als Reservist zur Verfügung stehen muss.« Beruflich wollte er sich diesen einen Monat nicht mehr leisten, zudem passten die beiden Welten – Armee und Medien – für Schlomo Berger immer weniger zusammen. Für einem ausländischen Nachrichtensender habe er bei einem Fernsehbericht über einen Palästinenser in Nablus mitgearbeitet. »Wenige Wochen nach dem Dreh musste ich genau das Haus dieses Palästinensers durchsuchen«, so Berger. »Das war unheimlich hart.« Dazu kam die Angst seiner damaligen Freundin und späteren Frau, die er in einem Kibbuz kennengelernt hatte. »Für sie war die ganze Situation sehr schlimm«, erklärt er.

Berger entschloss sich, seinen Dienst zu verweigern – und kam dafür ins Gefängnis. »Glücklicherweise nur für einen Tag, da alle meine Freunde aus den Medien im Gefängnis anriefen«, sagt er. Dennoch stand sein Entschluss danach fest: Er verließ Israel mit Ziel Deutschland, dem Geburtsland seiner Frau. Seine Familie war gegen die Eheschließung gewesen, vor allem sein Vater, der ursprünglich aus Deutschland kam. »Er wollte einfach nichts mit Deutschen zu tun haben«, bedauert Berger. »Also kam niemand von meiner Familie zur Hochzeit.«

Berlin Nach einer kurzen Zeit bei den Eltern seiner Frau im Kölner Raum zog das Paar nach Berlin, im Jahr 2000 wurde das erste Kind geboren, ein Jahr später das zweite. Doch die Ehe ging in die Brüche, seither tobt ein Scheidungskrieg. Berger, der sonst immer ein Lächeln im Gesicht trägt, hat Mühe, die Fassung zu wahren, wenn er von dem Konflikt erzählt. »Eigentlich haben wir ein geteiltes Sorgerecht, aber in Wahrheit darf ich meine Kinder nicht sehen.« Er fühlt sich vom Jugendamt und den Gerichten im Stich gelassen. »Ich kann gar nicht sagen, ob es gegen Männer, Ausländer oder Juden geht – Fakt ist, dass ich mich fühle, als hätte man mir meine Söhne geklaut!«

Die Streitereien lassen Berger an eine Rückkehr nach Israel denken – und das, obwohl es ihm in Berlin gut gefällt. »Ich fühle mich hier sehr wohl – trotz der Kälte«, sagt er und findet sein Grinsen wieder. Als er in die Stadt zog, habe er anfangs auch die Angebote der Jüdischen Gemeinde genutzt. »Aber ich merkte schnell, dass die mehr mit der russischen als mit der israelischen Kultur zu tun haben«, bilanziert er.

Radio Gemeinsam mit einigen Landsleuten entschloss er sich daher, eine Radiosendung aufzubauen: »Kol Berlin«, die Stimme Berlins, ist das Ergebnis – ein Format bei ALEX für Israelis in Berlin. Doch für die Sendung hatte Berger noch mehr Gründe: »Zum einen hatte die Familie meiner Ex-Frau bei der Hochzeit schon Vorurteile gegenüber Juden«, erinnert er sich. Zum anderen habe jemand auf die Bestätigung seiner Frau, dass er Jude sei, gesagt: »Er sieht aber ganz normal aus.« »Da dachte ich: Wie soll ich denn sonst aussehen?«.

Ganz »normale« Israelis in Berlin zu präsentieren sei daher auch ein Zweck von »Kol Berlin«. Bei der einen Sendung blieb es nicht: Seither ist noch »Doch egal« dazugekommen, ebenfalls ein Radioprogramm mit deutscher und israelischer Musik, sowie ganz neu »Kaktus«, eine Fernsehsendung, die auch bei ALEX gezeigt wird.

Fernab der Streitigkeiten mit seiner Ex-Frau genießt Berger sein Leben in Berlin – auch wenn ihm die israelische »Lockerheit« manchmal fehlt, wie er es nennt. »Die Menschen hier sind einfach steifer.« Weniger Probleme habe er da mit Antisemitismus gehabt: »Zweimal hatte ich mit Neonazis zu tun, das eine endete mit einer Schlägerei, das andere mit einem netten Abend in einer Kneipe.« Als religiös würde sich Berger nicht bezeichnen – zwar sei er als Kind in eine Religionsschule gegangen, Dinge wie der Schabbat würden ihm aber nichts bedeuten. Dennoch sagt er: »Ich bin stolzer Jude – aber nur, so lange es noch Neonazis gibt.«

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Gedenken

Vier Stolpersteine erinnern in Erfurt an Familie Rosenblüth

Ein Poesiealbum bewahrte die Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin über Generationen. Am 9. November werden in Erfurt vier Stolpersteine für Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter verlegt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Berlin

Guy Katz mit Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet

Geehrt wurden neben dem Hochschullehrer, eine Europaschule und ein Projekt des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

 13.10.2026

Frankfurt

Vielfalt an Stimmen

Erstmals wurde der Georg-Stefan-Troller-Preis vergeben - auch an zwei Journalisten der Jüdischen Allgemeinen

von Anja Baumgart-Pietsch  12.10.2026

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026