Jom Haschoa

Saubere Steine

Donnerstagabend, Jom Haschoa, Charlottenburg: Angelika Schafberg ist sichtlich bewegt und ringt mit ihren Gefühlen. Vor der 61-Jährigen hockt eine kleine Gruppe junger Menschen und putzt mit Schwämmen und Metallpolitur jene drei Stolpersteine, die der Kölner Bildhauer Gunter Demnig vor einiger Zeit in Erinnerung an Schafbergs Familie vor dem Hauseingang in den Gehweg der Niebuhrstraße 63 eingelassen hat. Von hier aus, unweit des Kurfürstendamms, wurden vor rund 70 Jahren ihr Großvater, Tante und Neffe von den Nazis deportiert und später ermordet.

Es sind Schicksale wie diese, wegen derer Nur Hajjir am Holocaustgedenktag auf die Straße geht. Für die 22-jährige Medizinstudentin ist es eine »Herzensangelegenheit«, die Stolpersteine von Angelika Schafbergs Verwandten zu putzen und so im Gedenken an die Opfer des NS-Terrors ein Zeichen gegen Gewalt und Intoleranz zu setzen. »Man muss sich immer vor Augen führen, was diese abstrakte Zahl von sechs Millionen ermordeter Juden wirklich bedeutet«, sagt die gläubige Muslima – und zitiert die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld: »Sechs Millionen Juden, das sind eins plus eins plus eins ... Menschen.«

JUGA Mit rund 60 anderen jungen Gläubigen engagiert sich Hajjir schon seit Längerem in dem religionsübergreifenden Projekt »Jung, gläubig, aktiv« (JUGA), das die Putzaktion unter dem Motto »Stolpere nich’ – Erinner dich!« organisiert hat. Gemeinsam zogen die JUGAS am Jom Haschoa los, gossen auf dem Kurfürstendamm und in den Seitenstraßen Putzmittel auf die Stolpersteine, polierten diese mit Schwämmchen. Ausgewählte Jugendliche lasen persönliche Geschichten aus dem Leben der Menschen vor, deren Name auf den Gedenkplatten steht. Die Muslime, Christen, Bahais und Juden von JUGA wollen mit Aktionen wie diesen vorleben, dass ein friedliches Nebeneinander der Religionen möglich ist.

»Es gibt in Berlin über 3.500 Stolpersteine, die an die Opfer des NS-Regimes erinnern und vor deren letztem Wohnort verlegt wurden«, sagt die 17-jährige jüdische Schülerin Dalia Grienfeld. Leider aber würden die Steine von vielen Menschen im Alltag häufig kaum wahrgenommen. »Wir hoffen, dass sich das durch unsere Aktion ändert. Die Leute sollen sozusagen über das Funkeln der Stolpersteine stolpern.«

Interreligiös Mit ihrem Einsatz erfahren die Jugendlichen von offizieller Seite ebenso viel Anerkennung wie Dank. Stephan J. Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, unterstützt die Initiative nach Kräften. »Die Tatsache, dass junge Juden, junge Muslime und junge Christen hier gemeinsam stehen, zeigt einmal mehr, dass es ein Vorurteil ist, dass wir nicht miteinander reden und uns um unsere Gesellschaft kümmern können«, sagte er.

»Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist«, antwortet Demnig auf die Frage, warum er seit 1995 unermüdlich an die Opfer der Nazis erinnere. Inzwischen hat er allein in Deutschland mehr als 32.000 Stolpersteine in den Boden eingelassen. Erinnern – das ist die Lebensaufgabe Demnigs.

Dass in einigen Straßen Berlins der Op-fer und ihrem Leben nun wieder würdiger gedacht werden kann, dazu haben die jungen Gläubigen mit der Putzaktion am Jom Haschoa beigetragen.

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