Holocaust-Gedenktag

Saiten der Erinnerung

Wie viel Liebe in diesem Instrument steckt! Und wie viele Stunden feinster Handarbeit! Ein Davidstern ist als Intarsie in den Geigenboden eingearbeitet, ein kleinerer im Saitenhalter. Auf dem anhängenden Pappschildchen steht »Nr. 16«. Die Bielski-Violine, so ihr Name, gehört zur Sammlung des Geigenbauers Amnon Weinstein (1939–2024). Seinem Vater Mosche Weinstein gelang 1938 die Flucht aus Warschau. Er schaffte es nach Palästina, ließ sich in Tel Aviv nieder und wurde später zu einem der ersten Geigenbauer im neu gegründeten Staat Israel.

Er fing an, Instrumente aufzubewahren, die einst Jüdinnen und Juden gehörten, die vor den Nazis fliehen mussten. Nach der Schoa wurden viele Instrumente bei ihm abgegeben. Erst sein Sohn Amnon war Jahrzehnte später emotional in der Lage, sie zu restaurieren. Mittlerweile touren die »Violins of Hope« (Violinen der Hoffnung), so der Name der Sammlung, durch die ganze Welt.

Am 27. Januar werden 53 Geigen, eine Bratsche und ein Cello aus dieser Sammlung in der Berliner Philharmonie erklingen. An jenem Tag jährt sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zum 80. Mal. Für den Gedenktag hat der Berliner Komponist Berthold Tuercke das Werk »Aus Geigen Stimmen« geschrieben, das die Mitglieder des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) uraufführen werden. Es wird Musik erklingen, die vom Schicksal dieser restaurierten Instrumente handelt – und von den Menschen, die sie einst besaßen.

Unzählige Koffer mit Instrumenten

Der RIAS Kammerchor wird Texte in Jiddisch und Englisch rezitieren und ihre Geschichten erzählen. Weiter stehen Werke von Gideon Klein und Mieczysław Weinberg auf dem Programm. »Es wird nicht nur schwere, komplexe Musik erklingen, man kann auch Hoffnung und Lebensfreude aus den Werken schöpfen«, sagt Vladimir Jurowski, Chefdirigent und künstlerischer Leiter des RSB.

An diesem Freitagmorgen stehen im Haus des Rundfunks im Vorraum eines Büros unzählige Koffer mit Instrumenten. Die »Violinen der Hoffnung« sind einige Stunden zuvor aus New York eingetroffen, wo sie ausgestellt waren. Nun können die Musiker die Geigen kennenlernen. Behutsam öffnet RSB-Konzertmeister Erez Ofer einen Koffer, in dem vier Violinen liegen, und nimmt eine heraus. Instrument Nr. 39.
Ein Musikstück kann auch ein Zeitzeuge sein. Genauso wie die Instrumente.

Ein Musikstück kann auch ein Zeitzeuge sein. Genauso wie die Instrumente.

Der aus Israel stammende Geiger wird sie beim Konzert am Gedenktag spielen. Da macht es »Peng«, eine Saite ist aus ihrer Halterung gerutscht. Ofer fädelt sie wieder ein, nimmt den Bogen dazu und spielt ein paar Töne. Ein bisschen Brahms, ein bisschen Tschaikowsky. Er hört auf und inspiziert die Violine noch einmal. »Ein wunderschönes Instrument«, sagt er dann. »Aber es klingt nicht ganz frei, da würde ich gern noch etwas am Steg und an der Stimme verbessern.«

Über den Steg führen die Saiten, die Stimme ist ein Stab im Geigeninneren, der den Klang optimiert. Die Violine gehörte einst Zvi Haftel, der aus seiner Heimat fliehen musste. Er emigrierte ins damalige Palästina. Dort war erst kurz zuvor, im Dezember 1936, das Palestine Philharmonic Orchestra gegründet worden, in dem er Konzertmeister wurde. Nun wird der RSB-Konzertmeister seine Geige spielen. Es handelt sich um ein französisches Instrument aus dem Jahr 1870, das als exzellent eingestuft wird. Aber es gibt auch weniger wertvolle Instrumente in der Sammlung, die alle zwischen 1850 und 1920 entstanden. Insgesamt sind es mittlerweile mehr als 70.

Voller Erwartung im Raum

David Drop, ebenfalls Geiger, kommt voller Erwartung in den kleinen Raum. Rasch findet er die Violine mit der Nummer 52, die ihm für das Gedenkkonzert zugeteilt ist. Auch er schaut sie sich in Ruhe an, entdeckt schließlich im Innern der Geige ein Etikett mit hebräischer Schrift. »Kannst du das lesen?«, fragt er den Konzertmeister. »›Gewidmet den Opfern von Babyn Jar, September 1941‹«, übersetzt Erez Ofer. »Auch unser Dirigent, Vladimir Jurowski, hat in seiner Familie Opfer der Schoa. Sein Urgroßvater liegt in der Schlucht von Babyn Jar. Er lebte in Kiew und wurde am 30. September 1941 zusammen mit Zehntausenden anderen jüdischen Einwohnern Kiews ermordet«, berichtet David Drop.

Für Vladimir Jurowski ist das Gedenkkonzert sehr wichtig. »Weil es inzwischen viele und immer lautere Stimmen gibt, die zum Vergessen oder zum Relativieren der Vergangenheit auffordern«, sagt er. Vor ein paar Jahren hätten sie mit den Vorbereitungen begonnen und die Berliner Philharmonie und die Weinstein-Sammlung gebucht. Und natürlich die Komposition bei Berthold Tuercke in Auftrag gegeben.

»Jedes Instrument bekommt innerhalb der 50 Minuten, die das Stück dauert, ein Solo. Wir werden also nicht nur einen Orchestermischklang erleben, sondern insgesamt 55 Soli«, so der Dirigent. Ein Musikstück könne auch ein Zeitzeuge sein. Genauso die Instrumente. In diesem Werk würden »diese überlebenden Instrumente sozusagen zu Lebewesen, die zu uns Heutigen sprechen«.

David Drop schaut sich noch einmal die schöne Handarbeit der Geige Nr. 16 an. Die Restaurierungsarbeiten an dieser Violine sind den Bielski-Partisanen gewidmet, die während der Schoa in Weißrussland lebten, kämpften und 1230 Juden retteten. Amnon Weinsteins Frau Assaela ist die Tochter von Assael Bielski, einem der drei Brüder, die die Bielski-Brigade gründeten.

»Es macht etwas mit einem, wenn man auf so einem Instrument spielt«, sagt David Drop.

»Es macht etwas mit einem, wenn man auf so einem Instrument spielt«, sagt David Drop. Es fordert Respekt. Die Verantwortung ist groß, jeder möchte der Aufgabe gerecht werden. Er – wie jede Mitspielerin und jeder Mitspieler – wird sich mit der Biografie der ihm zugewiesenen Geige auseinandersetzen. »Das Instrument ergreift mich, es ist für mich wie ein Gespräch mit einem Schoa-Überlebenden.«

Das Konzert werde etwas ganz Besonderes, sind sich Erez Ofer und David Drop sicher. Drops Familie wanderte Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Raum Kiew in die USA aus und lebte in einem jüdischen Viertel in New York. Seine Mutter kam in den 60er-Jahren nach Deutschland, wo er in der Nähe von Köln geboren wurde.

Erez Ofer ist in Israel aufgewachsen. Seine Familie sei kaum vom Holocaust betroffen, sagt er. »Aber meine Geigenlehrerin, Ilona Feher, hat das Konzentrationslager überlebt. Ihre blau eintätowierte Nummer am Arm konnte ich oft sehen.«

Die Erinnerungskultur unterstützen

Die Musiker des RSB sind sich darin einig, dass sie die Erinnerungskultur mit diesem Konzert unterstützen. »Es erfüllt mich mit Stolz, dieses Konzert mitzugestalten«, sagt Drop, während er vorsichtig die Bielski-Violine zu den anderen Instrumenten in den Kasten legt.

Im vergangenen Jahr hat das RSB sein 100-jähriges Bestehen gefeiert. Es erlebte in seiner Geschichte vier Staatsformen mit: die Weimarer Republik, die NS-Diktatur, die DDR und das wiedervereinigte Deutschland. Der Sendesaal im Haus des Rundfunks war im sogenannten Dritten Reich der Sendesaal für NS-Propaganda, sagt Drop. »Und jetzt geben wir ein Gedenkkonzert mit einem jüdischen Dirigenten und einem Konzertmeister aus Israel.«

Alija

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