Fürs Alter

Rentabel und sozial

Vorsorgen: Damit man nicht im Alter noch dazu verdienen muss. Foto: Stephan Pramme

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Rentabel und sozial

Das Jüdische Versorgungswerk bietet Versicherten eine Zusatzrente

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  18.10.2010 16:04 Uhr

Mit ihren 1.200 Mitgliedern zählt die Israelitische Religionsgemeinde Leipzig zu den mittelgroßen jüdischen Gemeinden in Deutschland. Sie beschäftigt vier Angestellte, darunter ihren Geschäftsführer Josif Beznosov. Seitdem er vor 20 Jahren als jüdischer Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kam steht Beznosov im Dienst seiner Gemeinde. Doch wenn er in Rente geht, »kommt am Ende nicht viel raus«. Die staatliche Rente wird nicht ausreichen, um ihn im Alter abzusichern. Eine private Altersvorsorge hat der 55-Jährige nicht. Die könne er sich schlicht nicht leisten, meint Beznosov. Er kann sich aber vorstellen, dies nachzuholen, sobald es die Möglichkeit einer betrieblichen Altersvorsorge über seinen Arbeitgeber, die Gemeinde, gibt.

So wie Josif Beznosov geht es vielen Angestellten jüdischer Gemeinden in Deutschland. Für die meisten war eine betriebliche Zusatzrente bislang kein Thema, sei es aus Alters- oder Kostengründen. »Viele Mitarbeiter und Gemeindemitglieder sind entweder zu alt oder finanziell gar nicht in der Lage, monatlich in eine Zusatzrente zu investieren«, so die Einschätzung von Heinz Dorn, Personal- und Finanzleiter der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main. Hinzu kommt, dass ein entsprechendes Angebot bislang fehlte. Grundsätzlich besteht seit 2002 zwar ein Rechtsanspruch aller Arbeitnehmer auf eine betriebliche Altersvorsorge. Doch für die jüdische Gemeinschaft gab es, im Gegensatz zu anderen Religionsgemeinschaften, bisher keine Möglichkeit, eine solche aufzubauen.

Grundlage Diese Lücke soll nun geschlossen werden. Zu diesem Zweck haben die Jüdische Gemeinde zu Berlin und das Abraham-Geiger-Kolleg Potsdam Anfang Oktober das Jüdische Versorgungswerk gegründet. Dessen Begünstigte können im Rahmen einer sogenannten Bruttoentgeltumwandlung einen Teil ihres Gehalts in eine Pensionskasse einzahlen, steuer- und sozialversicherungsfrei. Diese staatliche Förderung wiederum bewirkt, dass etwa die Hälfte des Monatsbeitrages bereits finanziert ist. Soweit das Grundprinzip.

Darüber hinaus steht es jeder Gemeinde frei, ihren Angestellten die durch die staatliche Förderung eingesparten Sozialversicherungsabgaben obendrauf zu packen. Ein Extra-Schmankerl also, das Mitarbeitern die Entscheidung für die private Zusatzvorsorge erleichtern soll. Heinz Dorn jedenfalls ist von dem Konzept angetan. »Wenn die Gemeinden mit ihrem Arbeitgeberanteil sogar einen Anreiz schaffen können, ist das für viele sicher interessant. Das Jüdische Versorgungswerk kann da nur vorteilhaft sein, zumal, wenn die Kölner das ordentlich machen.« Die »Kölner«, das ist die Kölner Pensionskasse Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (VvaG), Träger und Partner des neuen Versorgungswerkes. Laut Stiftung Warentest und Ökotest Spitzenreiter unter den Versicherern, der vor allem durch die Bewertung »Höchste Garantierente« besticht.

Zunächst einmal wolle man die Informationen eingehend studieren, heißt es aus dem Gemeindebüro der Synagogen-Gemeinde Köln. Die Infos hat die Kölner Pensionskasse eigens auf ihre neue Zielgruppe zugeschnitten. »Wir haben die Informationen über das Jüdische Versorgungswerk erst vergangene Woche erhalten. Für uns ist das noch Neuland und nicht zuletzt auch eine Frage der finanziellen Ressourcen«, erklärt Geschäftsführer Benzion Wieber. Die Unterlagen hat er inzwischen an den Vorstand weitergeleitet.

Vorschlag »Ein gängiges Prozedere«, erläutert sein Frankfurter Kollege Dorn, der bislang noch keine Info-Broschüre erhalten hat. »Wenn mich die Fakten überzeugen, spreche ich dem Vorstand meine Empfehlung aus. Dann setzen wir uns mit Personalvertretern zusammen und werden zum Beispiel über unsere Gemeindezeitung und bei Veranstaltungen informieren.«

All das läuft in Berlin gerade gezielt an. Ende vergangener Woche präsentierten Versorgungswerk-Vorstand und Kölner Pensionskasse gemeinsam die verschiedenen Pensionsmodelle für Angestellte. Eine Informationsveranstaltung für freiberufliche Gemeindemitglieder soll demnächst folgen. Besonders Freiberufler und Zuwanderer könnten vom neuen Modell profitieren, meint der Finanzdezernent der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Jochen Palenker. Denn eine staatliche Rente sei in vielen dieser Fälle ohnehin fraglich.

»Die Initiative ist aber auch ein Versuch, unsere Versorgungsordnung zu ändern«, erklärt Palenker. Als Hauptinitiator und Vorstand des Jüdischen Versorgungswerkes weist er dabei auf die desaströse Finanzsituation hin, in der sich die Gemeinde unter anderem aufgrund eigenfinanzierter Zusatzrenten für Altangestellte seit Jahren befindet. Die Zahlungsverpflichtungen belaufen sich auf Millionenbeträge und reißen fortdauernd Löcher ins Haushaltsbudget. Seit April 2008 hat die Gemeinde die Pensionszusagen, die nur noch für alte Verträge gelten, gestrichen und sich selbst drastische Sparmaßnahmen verordnet.

Einsparung Dennoch habe man sich bei dem neuen Modell der entgeltfinanzierten Betriebskasse für eine Mitfinanzierung entschieden. Bis zu 20 Prozent steuert die Berliner Gemeinde zu den Beitragszahlungen bei, finanziert aus eingesparten Sozialabgaben. Das neue System sei mit dem alten nicht vergleichbar, meint Palenker. »Es ist verantwortbar, rentabel und dabei menschlich-sozial«, so seine Begründung.

Eine Zusatzrente der Gemeinde, die voll versteuert werden musste, hat es jahrzehntelang auch in Frankfurt gegeben. Weil die alte Regelung auch die Frankfurter nahezu an den Rand des Ruins getrieben hatte, wurde sie 1996 aus den neuen Tarifverträgen gestrichen. Aus Sicht von Finanzchef Dorn ein dringend notwendiger Schritt: »Damals wurde uns klar, sollten eines Tages mehr Mitarbeiter in Rente gehen als aktiv weiterarbeiten, sind wir bald pleite.«

Zusatzrente und Extra-Leistungen gehören vielerorts längst der Vergangenheit an. Das Jüdische Versorgungswerk mit seinen zusätzlichen Pensionsmodellen scheint deshalb für die jüdischen Gemeinden, ihre Mitarbeiter und Freiberufler eine echte Alternative. Gleichwohl bleibt abzuwarten, ob das Modell zu einer spürbaren Verbesserung der finanziellen Situation für Versicherte und Gemeinden beitragen kann.

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