München

Religiöse Heimat

Mitten in Schwabing, in einem Jugendstil-Wohnhaus in der Georgenstraße, liegt ein Ort, der für viele Gemeindemitglieder bis heute religiöse Heimat ist: die Stadtteilsynagoge, vielfach schlicht »Georgenschil« genannt. Von außen unscheinbar, offenbart sich hinter der Tür ein aktives Zentrum jüdischen Gemeindelebens – ein Ort, der ganze Generationen geprägt hat und dessen Geschichte eng mit der Entwicklung der Münchner Nachkriegsgemeinde verbunden ist.

Die Synagoge ist in einer ehemaligen Wohnung eingerichtet, deren vormalige Eigentümerin sie gleich drei Konfessionen gemeinsam vermacht hatte. Erst später übernahm die Kultusgemeinde allein die Räume. Bis dahin hatte lediglich eine Gebetsstube in der Viktor-Scheffel-Straße existiert, wie Thomas Münz, langjähriger Präsident des Synagogenvorstands (Vaad), erläutert. Mit der Umwandlung einer Wohnung in der Georgenstraße entstand dann ein neuer Ankerpunkt für Gemeindemitglieder im Münchner Norden.

Unscheinbar untergebracht in einem Wohnhaus und nahe am Alltag der Menschen

Seit 1963 ist die Synagoge für viele Familien in Schwabing religiöse Heimat. Charlotte Knobloch, seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, erlebte seinerzeit die Eröffnung des Betraums mit. Das Konzept einer Stadtteilsynagoge, unscheinbar untergebracht in einem Wohnhaus und nahe am Alltag der Menschen, erwies sich als tragfähig.

Die Anfangsjahre der Georgenschil waren stark von den sozialen Gegebenheiten der Nachkriegsjahrzehnte geprägt. Die Beter kamen ganz überwiegend aus den Reihen der Displaced Persons, der Großteil stammte aus Polen, der Sowjetunion, Rumänien oder Ungarn. Die Gemeinschaft war deutlich ostjüdisch geprägt, deutsche Juden zunächst nur in geringer Zahl vertreten.

Unter ihnen ist ein Name, der mit der Synagoge bis heute besonders eng verbunden bleibt: Thomas Münz. Er begann bereits 1966, hier zu beten, und gehört längst fest zur Institution Georgenstraße. Fast drei Jahrzehnte lang war er Präsident des Vaad, ein Amt, das er erst vor wenigen Jahren aufgab. In dieser Funktion setzte er sich vor allem dafür ein, dass die Gemeinschaft nicht nur religiös, sondern auch menschlich zusammenwuchs.

»Ich habe versucht, hier eine Familie zu gründen. Mir war es immer wichtig, dass jeder begrüßt wird und sich wertgeschätzt fühlt«, sagt Münz. Für ihn hatten und haben Offenheit und Willkommenskultur der Synagoge stets oberste Priorität – eine Haltung, deren Nutzen sich auch in den Jahren seit 1990/91 mit der Zuwanderung aus der zerfallenen Sowjetunion deutlich zeigt.

Die Gemeinschaft veränderte sich über die Jahre, der Charakter blieb dabei immer erhalten.

Ein Gleiches galt für die Arbeit mit der Jugend. Junge Gemeindemitglieder wurden gezielt gefördert und regelmäßig zur Tora aufgerufen. Teils auf sanften Druck hin sammelten sie erste, später sehr hilfreiche Erfahrungen im Vorbeten. Ziel von Münz und weiteren Mitgliedern des Vorstandes war es, ein Bewusstsein für die Verantwortung für das große Ganze zu vermitteln: »Mir lag es am Herzen, dass auch meine Kinder hier gut eingebunden sind, ich wollte etwas Gutes übergeben«, beschreibt er rückblickend sein Engagement. Noch heute betont er: »Jede Person hat ihren eigenen Stellenwert für das Leben der Gemeinde und für den Gottesdienst.«

Viele junge Familien aus der Umgebung kommen regelmäßig zum Gottesdienst

Die Gemeinschaft veränderte sich über die Jahrzehnte, der familiäre Charakter blieb dabei immer erhalten. Viele junge Familien aus der Schwabinger Umgebung kommen regelmäßig zum Gottesdienst. Darunter sind auch Vorstandsmitglieder der Kultusgemeinde wie etwa Slava Satanovsky und seine Frau Chaya, die sich hier wohlfühlen: »Die Georgenstraße ist einfach ein ganz besonderer Ort. Man hat hier Gemeinschaft und eine Jüdischkeit, die alle miteinander verbindet und einbindet.« So seien etwa auf Initiative seiner Frau in den vergangenen Jahren die Kidduschim am Freitag ein fester Bestandteil des gemeinschaftlichen Lebens geworden.

Im Miteinander wurde auch zuvor manche Krise überwunden. Als Wegzug und Alter die Zahl von Betern der ersten Generation immer stärker sinken ließen, stand zeitweise die Zukunft der Synagoge als solche infrage; nicht zuletzt fehlte es an Personen, die aus der Tora vorlesen konnten. Intensives Engagement einzelner Mitglieder und ein starker Gemeinschaftssinn überbrückten diese schwierige Phase. Die Einbindung von Chabad Lubawitsch im Haus, die über einen Kontakt von Münz bei einem Seminar in London Ende der 70er-Jahre zustande kam, hatte ebenfalls einen belebenden Effekt. Heute lebt Rabbiner Yochonon Gordon mit seiner Familie direkt über dem Betsaal.

Überhaupt wurden die Räumlichkeiten auch baulich den Ansprüchen angepasst. Zur einst nur einstöckigen Synagoge kamen weitere Räume hinzu – unter anderem im Stockwerk darüber sowie im Erdgeschoss, wo zuvor die B’nai-B’rith Loge untergebracht war. Heute befinden sich im Haus neben der Synagoge und der Rabbinerwohnung auch Räume für Festlichkeiten sowie weiterhin mehrere Mietwohnungen. Bis 2014 wurde der in die Jahre gekommene Synagogenraum umfassend modernisiert; die letzte Torarolle spendeten 2024 Gerald Rosenberg und sein Bruder Hermann im Andenken an ihre Eltern Oskar Ascher und Elsa Lea Rosenberg.

Heute erscheint die Synagoge in der Georgenstraße beinahe wie ein kleines Wunder der Beständigkeit: Mitten im Trubel der Großstadt verborgen, getragen von Menschen verschiedenster Herkunft und Generationen. Einst Wohnung, haben sich die Räumlichkeiten heute zu einem Knotenpunkt des jüdischen Lebens in Schwabing entwickelt – familiär, offen und jung geblieben. Oder, wie Thomas Münz es treffend beschreibt: Eine Gemeinde, in der jeder Einzelne zählt.

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie über Münchner Synagogen.

Kommentar

Ein Tag der Schande

Die Linkspartei, SPD und Grüne haben ihre Sondierungen beendet. Nun wollen sie in Berlin eine Regierung bilden

von Philipp Peyman Engel  17.10.2026

Sachsen-Anhalt

Drohungen gegen jüdische Studenten nach Aktion vor Synagoge

Eine Menschenkette hinderte den AfD-Politiker Tillschneider an der Teilnahme an einer Gedenkfeier in Halle. Das hat Folgen für die Studierenden

 16.10.2026

Frankfurt/ Main

Einst Provisorium, heute selbstbewusst

Zum 75. Jubiläum beleuchtet ein Almanach die Geschichte der jüdischen Gemeinde nach der Schoa, ihre inneren Konflikte und ihren Weg zu einem festen Platz in der Stadtgesellschaft

von Leon Stork  15.10.2026

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Gedenken

Vier Stolpersteine erinnern in Erfurt an Familie Rosenblüth

Ein Poesiealbum bewahrte die Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin über Generationen. Am 9. November werden in Erfurt vier Stolpersteine für Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter verlegt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026