Berlin

Psytrance, Kekse und Challot

Psytrance ist richtig schnell: 145 Beats per Minute. Musik wie Herzrasen. Psytrance, das ist die Musik von Yarin Ilovich, auch bekannt als DJ Artifex. Als Yarin am 7. Oktober 2023 morgens sein Set auf dem Nova-Festival spielte, war es Psytrance. Es war laut, lebendig – eben 145 Beats per Minute. »Ich war auf der Bühne, mitten im Leben, mitten in meiner Musik, ich spielte für Tausende Leute, war voller Adrenalin und dann …«

Dann, erzählt er weiter, wurde alles dichtgemacht, weil es einen Raketenangriff gab. Er verstand nicht, was genau los war, beschreibt der 25-jährige Musiker den Moment, als er abrupt aufhören musste. »Man realisiert es einfach nicht, was plötzlich geschieht. Wir sind einfach nur gerannt. Durch die Felder.« Sein Set sollte das letzte Set werden, das auf dem Nova-Festival, auf dem 1200 junge Leute durch Hamas-Terroristen getötet wurden, gespielt wurde.

Yarin Ilovich steht am Dienstagabend hinter seinem Mischpult. Die Musik, die er gerade auflegt, gibt er etwas zaghaft zu, spiele er zum ersten Mal. Israelischen Pop – so ein bisschen das Gegenteil von Psytrance.

Yarin ist einer von sieben Gästen, die zu »I Love Darom«, einem Abend im Rahmen der Feier zum 76. Unabhängigkeitstag Israels, von der Israelischen Botschaft in Berlin eingeladen sind. Ein Event, das zeigen will: Der Süden lebt. »Wir feiern heute Abend den Süden Israels, vor allem seine Menschen, die diese einzigartige Region zu dem machen, was es ist.«

»Wir werden die Wüste ein weiteres Mal zum Blühen bringen.«

Botschafter Ron Prosor

Aber, so betont Botschafter Ron Prosor, »wir feiern heute mit einem lächelnden und mit einem weinenden Auge. Wir weinen auf einem Auge, obwohl wir zwar viele sind, sind aber noch lange nicht vollständig: Hersh, Kfir, Emily, Shiri, Chamsa und mehr als 100 andere Kinder, Frauen und Männer, die von der Hamas noch immer bis heute im Gazastreifen gefangen gehalten werden, fehlen«.

Nir Oz, Beʼeri, Kfar Aza, Ofakim – diese Kibbuzim stehen für das Grauen der Hamas am 7. Oktober 2023. Ganze Familien wurden auf unvorstellbar grausame Art und Weise hingerichtet. Es sind Bilder und Schilderungen, die niemand vergessen wird.

»Der 7. Oktober war der schlimmste Tag in diesen 76 Jahren. Die Brutalität des Verbrechens und jedes Detail, das damit zusammenhängt, löst einen Trigger im kollektiven Gedächtnis des jüdischen Volkes aus«, sagt Prosor. Das Land stehe seit über 260 Tagen unter konstantem Beschuss der Hamas, und seit ebenso langer Zeit terrorisiere die Hisbollah den Norden mit Drohnen und Raketen.

»Essen verbindet die Menschen einfach«, sagt Yaki Sagi.

Trotz aller Solidarität, die Prosor erlebe, gebe es auch zunehmend solche Situationen: Jüdische Studierende würden angegriffen, Juden hätten Angst, auf der Straße Hebräisch zu sprechen, Angst, mit einer Kippa in die U-Bahn oder S-Bahn zu steigen. »Ich weigere mich, diese schreckliche Abnormalität zu akzeptieren. Sie sollten das auch niemals akzeptieren«, sagt Prosor. »Worte gegen Antisemitismus sind lobenswert, aber was wirklich zählt, sind Taten.«

Taten wie der gemeinsame Wiederaufbau der Kunstgalerie in Beʼeri, die Instandsetzung der zerstörten Klinik in Kfar Aza und der Häuser in Nir Oz. »Wir werden die Wüste ein weiteres Mal zum Blühen bringen«, bestärkt Prosor.

Yaki Sagi steht neben Prosor. Der Koch trägt eine weiße Jacke mit dem Motto des Abends »I Love Darom«. Der 48-Jährige kommt aus Beʼeri. Über 100 Menschen, die Yaki persönlich kannte, wurden dort ermordet, erzählt er. Er wolle ihre und seine Geschichte erzählen, aber auch die Botschaft vermitteln, dass es weitergehen muss. »Das ist wie in diesem Song von Queen ›The Show Must go on‹«, sagt Yari.

Wie das genau für einen Koch aussieht, das können alle Gäste an diesem Abend schmecken, kosten, naschen. Pita mit Blumenkohl, Matbucha, Schnitzel, Challah – Eckpfeiler der israelischen Küche. »Essen ist die beste Sprache, denn wenn man isst, dann lässt man Politik außen vor. Essen verbindet die Menschen einfach«, sagt Yaki. Auch Shahar hat an diesem Abend das Essen gekocht. Der 46-Jährige und Yaki kennen sich seit vielen Jahren, haben zusammen gearbeitet.

Shahar grinst etwas bittersüß, wenn er das Essen dieses Abends beschreibt: irakische, marokkanische, arabische Einflüsse. Schließlich würden sich in Israel Aromen aus aller Welt vereinen. Außerdem gibt es fünf verschiedenen Sorten Bier aus einer kleinen Brauerei aus dem Moschaw Dekel, das eigentlich nach der ägyptischen Göttin Isis benannt wurde. An diesem Abend, verkündete der Botschafter zuvor, stehe »ISIS« allerdings für »Israel-Israel«.

Rachel Edri bewies mentale Stärke.

Wer weder Matbucha noch den Reis oder das Bier mag, der stillt seinen Appetit vielleicht lieber mit Rachels Keksen. Die kleine Frau aus Ofakim, die zur Heldin wurde, weil sie in einer Ausnahmesituation außergewöhnlich reagierte, indem sie die Terroristen, die ihren Mann und sie umbringen wollten, fragte, ob sie Hunger hätten. Was so leicht klingt und was in den sozialen Medien viral ging, ist für Rachel eine Erfahrung, die sie auch verarbeiten muss. Sie bewies mentale Stärke in einem unvorstellbaren Moment.

Gemeinsam mit ihrem Sohn ist sie nach Berlin gekommen, hat ihr Rezept mitgebracht und lässt lieber die Schokokekse für sich sprechen. Die liegen aufgereiht und in Gläsern in der Mitte des Saals. Daneben das Kärtchen mit dem Rezept. Für den Teig nehme man 240 Gramm Mehl, Zucker, Eier … vieles mehr. Für den Mut, den Rachel Edri bewies, und für die Kraft, weiterzumachen, gibt es wahrscheinlich kein Rezept, außer das Weitermachen selbst.

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis, Mascha Malburg  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026