Berlin

Politik im Gespräch

Benedikt Lux, innenpolitischer Sprecher der Grünen-Abgeordnetenhausfraktion Foto: Gregor Zielke

Mehrere Wochen vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 18. September geht die Synagoge »Lev Tov« gemeinsam mit Hauptstadtpolitikern ein heikles Thema an. Fünf Sonntagsvorträge mit Diskussion sind zum Thema »Religionsfreiheit unter Polizeischutz?« angesetzt, und alle Fraktionen schicken einen ausgewiesenen Referenten.

»Lev Tov«, eine vorjährige Ausgründung aus der Synagoge Pestalozzistraße, hat im eigenen Domizil in der Grolmanstraße einen eher dezenten Schutz vor der Tür – zumindest keinen mit Mannschaftswagen und Barrieren. Wo verläuft die Grenze zwischen notwendigen Sicherheitsmaßnahmen und Abschottung? Eine Frage, bei der Lev-Tov-Rabbiner Chaim Rozwaski »schon immer sensible Reaktionen und kontroverse Haltungen« erlebt. Gerade deshalb gehöre das Thema auf die Agenda, denn, so Rozwaski weiter, »die Beschimpfung von Juden feiern manche heute als demokratisches Ereignis – leider auch in Berlin.«

Grüne Mit Benedikt Lux, dem innenpolitischen Sprecher der Berliner Grünen, trägt ein Mann der klaren Worte seine Ansichten vor. Lux, selbst von Beruf Rechtsanwalt und Strafverteidiger, weiß von »Menschen in dieser Stadt, die ihren Frust gegen Jüdinnen und Juden mit krimineller Energie ablassen.«

Um die 150 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund seien für 2010 in der Hauptstadt registriert, doch die tatsächliche Zahl könne weit höher liegen. Bei der Opferhilfe Berlin seien Vorfälle dokumentiert, wo sich Menschenverachtung und blinder Fanatismus übel vermischten. Rechtsanwalt Lux nennt sie schlicht »antijüdische Hasstaten«, und sie passieren überall in der Stadt. Auch bei judenfeindlichen Vorfällen will er die biografischen Hintergründe der Täter im Detail erfahren. Doch dort, wo Prävention und Re-Integration absolut nicht greifen, sieht er das staatliche Gewaltmonopol ohne Wenn und Aber gefragt.

Erhebliche Bauchschmerzen bereitet dem Grünen-Politiker und bekennenden Katholiken auch das Phänomen radikal-islamistischer Hasstiraden, die sich vorzugsweise unter Jugendlichen zum jährlichen Al-Quds-Tag (»Jerusalem-Tag«) entladen. Andererseits warnt Lux vor »Negativzuschreibungen gegen ganze Gruppen«, dies sei kontraproduktiv und letztendlich auch gefährlich.

Vielfalt Viel Lob fand der junge Anwalt für die geistlichen Autoritäten in der Stadt, und dies ganz unabhängig von Religionseinrichtung und Konfession. Die meisten Würdenträger, die er getroffen habe, bemühten sich um Sachlichkeit und Verständigung – gerade das bestärke die Grünen in ihrer Auffassung von Vielfalt als Stärke. »Wenn es uns gelingt, Vielfalt als Normalität zu vermitteln, vor allem bei jungen Leuten, dann haben Extremismus und Gewalt weniger Chancen«, so der Gastredner.

Auf permanente und vor allem vor der jüdischen Haustür fühlbare Bedrohungsszenarien kehrte dann die abschließende Diskussion mit dem Grünen-Politiker zurück. »Jeden Morgen bringe ich meine Kinder in eine Schule, deren Eingang ein Polizist mit Maschinenpistole bewacht«, erzählte Lev-Tov-Vorstand Sigi Jarosch. »Vor 35 Jahren stand mein Kindergarten unter ähnlichem Polizeischutz.

Was tut die Politik, damit wir endlich aus dieser Opferrolle herauskommen?« Benedikt Lux setzt auf die langfristige Wirkung von Prävention, frühzeitiger pädagogischer Aufklärung und unverkrampften interkulturellen Begegnungen. Das Problem des Polizeischutzes für jüdische Einrichtungen sei gleichwohl ein hochkomplexes, nicht zuletzt wegen der Bedrohung durch internationalen Terror.

Jede Gemeinde sollte selbst entscheiden können, wie viel an staatlichem Schutz sie in Anspruch nehmen will oder nicht. »Ich würde es aber für verheerend halten«, so Anwalt Lux, »wenn die allgemeinen Gefährdungslagen leichtfertig unterschätzt würden«.

Porträt der Woche

Familie, Glaube, Neubeginn

Edouard Joukov stammt aus Russland und fand seinen Platz in der Ulmer Gemeinde

von Brigitte Jähnigen  28.11.2025

Doppel-Interview

»Wir teilen einen gemeinsamen Wertekanon«

Vor 60 Jahren brachte das Konzilsdokument »Nostra aetate« eine positive Wende im christlich-jüdischen Dialog. Bischof Neymeyr und Rabbiner Soussan blicken auf erreichte Meilensteine, Symbolpolitik und Unüberwindbares

von Karin Wollschläger  28.11.2025

Debatte

Neue Leitlinie zum Umgang mit NS-Raubgut für Museen und Bibliotheken

In Ausstellungshäusern, Archiven und Bibliotheken, aber auch in deutschen Haushalten finden sich unzählige im Nationalsozialismus entzogene Kulturgüter. Eine neue Handreichung soll beim Umgang damit helfen

von Anne Mertens  27.11.2025

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 27. November bis zum 3. Dezember

 27.11.2025

Mitzvah Day

Grünes Licht

Jüdische Gemeinden und Gruppen gestalteten deutschlandweit den Tag der guten Taten

von Katrin Richter  27.11.2025

Düsseldorf

Cooler Kick

Beim Ilan Fiorentino Cup kamen im Gedenken an Spieler aus dem Kibbuz Nahal Oz Israelis, Exil-Iraner und das NRW-Landtagsteam zu einem Freundschaftsturnier zusammen

von Jan Popp-Sewing  27.11.2025

München

Uschi Glas: Christen müssen jüdische Mitbürger schützen

Uschi Glas mahnt Christen zum Schutz von Juden. Sie warnt vor neuer Ausgrenzung und erinnert an eigene Erfahrungen nach dem Krieg. Was sie besonders bewegt und warum sie sich Charlotte Knobloch verbunden fühlt

von Hannah Krewer  27.11.2025

Berlin

Es braucht nur Mut

Das Netzwerk ELNET hat zwei Projekte und einen Journalisten für ihr Engagement gegen Antisemitismus ausgezeichnet. Auch einen Ehrenpreis gab es

von Katrin Richter  26.11.2025

Feiertage

Chanukka-Geschenke für Kinder: Augen auf beim Kauf

Gaming-Konsole, Teddybär oder Carrera-Bahn - Spielzeug dürfte bei vielen Kindern auf dem Wunschzettel stehen. Worauf zu achten ist - und wann schon der Geruch stutzig machen sollte

 26.11.2025