München

Mut in schwieriger Zeit

Autor Rafael Seligmann (r.) und Münchens Altoberbürgermeister Christian Ude sprachen über politischen Mut, den Begriff »Schonzeit« und Solidarität mit Juden. Foto: Astrid Schmidhuber

Rafael Seligmann und Christian Ude verbindet eine lange Freundschaft. Gewachsen ist sie entlang der Bücher, die Seligmann schrieb. Denn egal, um welches Genre es sich handelt – Roman, Sachbuch oder Memoir –, wenn der eine etwas geschrieben hat, liegt die Vorstellung des Buches beim anderen. Neunmal schon, Ude hat es nachgerechnet, sind die beiden zum öffentlichen Gespräch angetreten.

Kürzlich war es wieder einmal so weit anlässlich des jüngsten Werkes von Seligmann, Keine Schonzeit für Juden. Die Antwort eines Betroffenen. Der Altoberbürgermeister und der Schriftsteller haben einiges gemeinsam. Zum Beispiel den Jahrgang: der eine, Protestant, wurde am 26. Oktober 1947 in München geboren, der andere, Jude, kam am 13. Oktober 1947 in Tel Aviv zur Welt. Oder ihre freundschaftliche Verbundenheit mit Charlotte Knobloch. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern hatte sich schon darauf gefreut, die beiden persönlich im Jüdischen Gemeindezentrum willkommen zu heißen. Nur ein so besonderer Termin wie das 75-jährige Jubiläum des Zentralrats der Juden in Deutschland konnte sie von ihrer Teilnahme abhalten.

An den Beginn ihrer Video-Grußbotschaft stellte Knobloch das Verbindende. Nicht nur habe Seligmann sie bei der Abfassung ihrer Autobiografie In Deutschland angekommen unterstützt, sondern er selbst gebe immer wieder gründliche und kurzweilige Einblicke in die jüngste jüdisch-deutsche Gegenwart. Er sei jüdischer Chronist deutscher Sprache und ein Freund.

Als solchen bezeichnet die IKG-Präsidentin auch Christian Ude, von 1993 bis 2014 Oberbürgermeister ihrer Heimatstadt München und mit verantwortlich für die Entstehung des Jüdischen Zentrums am Jakobsplatz: »Was heute steinerne Realität ist und als starkes Statement für eine jüdische Zukunft steht, war nichts weiter als ein Luftschloss – bis er die Idee zur Chefsache erklärte und zu seinem eigenen Projekt machte.«

»Triste Wirklichkeit vieler jüdischer Menschen«

Wer könnte die »triste Wirklichkeit vieler jüdischer Menschen« präziser analysieren als das Gespann Seligmann-Ude, ist Charlotte Knoblochs Überzeugung. Dazu zitierte sie den Schriftsteller, der von einer »emotionalen Taubheit allzu vieler Deutscher gegenüber ihren jüdischen ›Mitbürgern‹« spreche, »wobei Sie die ›Mitbürger‹ zu Recht in dicke Anführungszeichen setzen«. Und sie zitierte weiter: »Wem an einer Renaissance des deutschen Judentums gelegen ist, darf sich nicht entmutigen lassen«, »da passt es perfekt, dass Sie gleich mit einem Mann die Bühne teilen, der den politischen Mut geradezu verkörpert«. Mit alldem hatte die IKG-Präsidentin in ihrem Grußwort wichtige Themenfelder angesprochen, die den Abend über eine Rolle spielen sollten.

Nach dem 7. Oktober können sich Juden nicht mehr sicher fühlen.

Das fing gleich mit dem Buchtitel an, der Christian Ude offensichtlich irritiert. Der Begriff »Schonzeit«, der für die Jagd auf Wild gelte, impliziere, dass diese nur für eine bestimmte Zeit andauere. Juden als Freiwild, dieses Bild ist für Ude inakzeptabel. Im Oktober 1985 hatten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt die Bühne des Städtischen Schauspielhauses besetzt, um die Aufführung des Theaterstücks Der Müll, die Stadt und der Tod, das sie als »subventionierten Antisemitismus« empfanden, zu verhindern.

Für Seligmann ist nicht die Bühnenbesetzung der Skandal, sondern das dem damaligen Theaterintendanten Günther Rühle zugeschriebene Zitat vom »Ende der Schonzeit für die Juden«. Der bestritt dies und ließ es juristisch berichtigen zur Formulierung, »daß der Jude nicht ewig in einem Schonbezirk gehalten werden dürfe«.

Schonzeit oder Schonbezirk

Ob Schonzeit oder Schonbezirk, nach dem 7. Oktober 2023 können sich jüdische Menschen so oder so nicht mehr sicher fühlen. Insofern hat sich für Seligmann der gewählte Titel durchaus bestätigt. Allerdings weiß er auch um anständige Menschen. Nach 67 Jahren Aufenthalt fühlt er sich hierzulande mehr zu Hause als in Israel, wohin er als junger Mann noch einmal auf Zeit zurückgekehrt war.

Das Buch Keine Schonzeit für Juden ist namentlich fünf Paaren gewidmet, die ihm nach dem 7. Oktober und den bald einsetzenden Verwerfungen in Deutschland Zuflucht in ihrem jeweiligen Zuhause anboten. »Anstand« ist für Seligmann der Schlüsselbegriff, den schon Marlene Dietrich nannte, als sie gefragt wurde, wie sie den Avancen der Nazis widerstehen konnte.
Diskutiert wurde auch der Begriff des »Mitbürgers«, den Ude als ausgrenzend und herabsetzend empfindet, als wären das nur »die Adabeis der Demokratie«.

Für Ude darf Akzeptiertsein kein saisonales Ereignis sein, sondern verlange die Beendigung jedweder Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung. Die 1700-jährige Geschichte von Juden in deutschen Landen ist geprägt vom genauen Gegenteil. Seligmann verwies auf diesen Istzustand, der mit dem Titel zum Ausdruck gebracht sei: »Alle wünschen sich Frieden und Nächstenliebe.« Die Realität sei eine andere, darum fügte er trocken hinzu: »Alle sind aufgerufen, es besser zu machen.«

Rafael Seligmann: »Keine Schonzeit für Juden. Die Antwort eines Betroffenen«. Herder, Freiburg 2025, 191 S., 18 €

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