»#systemrelevant«

Mittendrin in der Gesellschaft

Verkörpern ein breites Spektrum an Lebensrealitäten: die Protagonisten der Dokumentation Foto: : All rights reserved. Heinrich-Böll-Stiftung/Yael Reuveny

Ein Wort macht Karriere. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie im März 2020 sprechen plötzlich alle von »systemrelevanten Berufen«. Das Begriffspaar selbst hat mitunter einen etwas unangenehmen Beigeschmack, differenziert es doch zwischen Tätigkeitsbereichen, die als wichtig oder eben irgendwie entbehrlich verstanden werden können, was viel Spielraum für Diskussionen und Dissens zulässt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hat die aus Israel stammende Regisseurin Yael Reuveny ihrer gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung entwickelten aktuellen Miniserie den Titel #systemrelevant gegeben.

Seit vielen Jahren bereits beschäftigt sich Reuveny in Dokumentarfilmen und anderen Videoprojekten mit den Lebensrealitäten von Jüdinnen und Juden in Deutschland. So auch in #systemrelevant, ihrem neuen Mehrteiler, der dieser Tage Premiere hatte. Zu Wort kommen darin Personen, die in den verschiedensten Berufen der Daseinsvorsorge und der öffentlichen Infrastruktur tätig sind, also in Kitas arbeiten oder in Krankenhäusern, Pflegeheimen und bei der Bundeswehr.

Die Miniserie versteht sich als Beitrag zum Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« und soll nicht nur die Diversität jüdischer Biografien verdeutlichen, sondern ebenfalls auf die Beiträge von Jüdinnen und Juden verweisen, die sie alle leisten, damit »der Laden läuft«.

Alle Porträtierten geben sehr persönliche Einblicke darüber, was es heißt, in Zeiten einer Pandemie in einem dieser systemrelevanten Bereiche zu arbeiten.

Entsprechend breit ist das Spektrum der Tätigkeitsbereiche und Lebensrealitäten. Das überrascht erst einmal, denn gerade einmal acht Personen kommen in #systemrelevant überhaupt zu Wort. Und trotzdem überzeugt dieser ambitionierte Ansatz auf ganzer Linie.

LOKFÜHRER Da ist der kurz nach der Katastrophe von Tschernobyl in der Ukraine geborene Lokführer, der seit über 17 Jahren in Deutschland lebt, der aus seinem Alltag bei der Bahn berichtet und wie er Kantor in gleich drei jüdischen Gemeinden in Thüringen wurde, der Anfang 20-jährige Pfleger aus Düsseldorf, der Menschen in der Psychiatrie betreut, und die Kinderärztin aus Berlin, die nach eigenen Worten »vom jüdischen Feminismus der 70er-Jahre geprägt« wurde. Oder die aus Chile stammende und von einer jüdischen Familie adoptierte Erzieherin in einer Kita sowie die Mitarbeiterin einer Einrichtung für Geflüchtete.

Alle acht, die sich namentlich übrigens nicht vorstellen, geben sehr persönliche Einblicke darüber, was es heißt, in Zeiten einer Pandemie in einem dieser systemrelevanten Bereiche zu arbeiten, wie ihre Berufswahl zustande kam und inwieweit sie sich als Teil der deutschen Gesellschaft wahrnehmen. Und natürlich, ob das Jüdischsein in ihrem Arbeitsleben eine Rolle spielt.

Die Miniserie soll nicht einfach nur jüdische Vielfalt zum Ausdruck bringen, sondern darüber hinaus in der Bildungsarbeit zum Einsatz kommen.

»Ich möchte primär als das wahrgenommen werden, was ich bin, und für meine Arbeit, wie ich sie leiste, und nicht für irgendeine Identität«, bringt es der Personenschützer mit ostdeutschen Wurzeln, der zufälligerweise im Laufe seiner Karriere auch für die Sicherheit des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin zuständig war, für sich auf den Punkt.

BUBBLE Und die angehende Ärztin bei der Bundeswehr berichtet von den Reaktionen ihrer »jüdischen Bubble« auf den Entschluss, zur Armee zu gehen, und was es für sie als Tochter eines Rabbinerehepaars bedeutet, beispielsweise dort den Schabbat zu halten.

Und so wird die Titelwahl langsam, aber sicher verständlich. Denn die Miniserie soll nicht einfach nur jüdische Vielfalt zum Ausdruck bringen, sondern darüber hinaus ebenfalls in der Bildungsarbeit zum Einsatz kommen, um Ressentiment-geprägte Narrative zu durchbrechen und der subtilen Herabsetzung von Juden entgegenzuwirken, wie Ellen Ueberschär vom Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung betont.

»Es ist von systemischer Relevanz, wie sicher und selbstbewusst Juden in Deutschland sich bewegen können, wie sie arbeiten, ihren Glauben leben oder einfach säkular sind.« Und darüber sollte es keine Diskussionen oder Dissens geben.

Berlin

Jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin feiert 30-jähriges Bestehen

Musik, Street-Food und ein Festakt: Die jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin hat ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dabei gab es auch einen virtuellen Ausblick auf ein großes Bauprojekt, das nächstes Jahr starten soll

 30.08.2026

Natur

Damit es grünt

Die Gemeinden machen sich Sorgen über die Folgen des Klimawandels – und suchen gemäß Tikkun Olam nach Auswegen

von Chris Meyer  30.08.2026

Rundgang

Blick in die Vergangenheit

Die jüdische Geschichte Münchens erlebte viele Umbrüche – und ist kaum jünger als die urkundlich verbürgte Historie der Stadt selbst

von Luis Gruhler  30.08.2026

Porträt der Woche

»Ich brauche absolute Ruhe«

Zvi Dori ist Geigenbauer in Hannover und seit dem 7. Oktober vorsichtiger geworden

von Alicia Rust  30.08.2026

Berlin

Jüdischer Garten ausgezeichnet

Laut Jury »zeugt der Garten neben seiner Niederschwelligkeit und atmosphärischen Dichte, von großer Poesie und Klarheit«

 28.08.2026

Ehrenamt

Zeit für andere

Vereine, Institutionen und auch Gemeinden bauen auf sie: Menschen, die sich freiwillig für jüdisches Leben engagieren. Zwei Projekte werden nun ausgezeichnet

von Katrin Richter  27.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  27.08.2026

Programm

Vortrag, Führung, Finissage: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 27. August bis zum 3. September

 26.08.2026

Neuanfang

Erste Klasse

Zwischen Schultüte und Blumen: Jüdinnen und Juden öffnen ihre Fotoalben und blicken auf ihre Einschulung zurück – in Israel, im Baltikum, in der Sowjetunion sowie in Ost- und West-Berlin

von Christine Schmitt  26.08.2026