27. Januar

»Mit zehn Mark pro Person ausgewandert«

Wer hätte früher mit dem Datum 27. Januar etwas anfangen können? Seit 1996 ist es in Deutschland dem Gedenken an die Schoa gewidmet, im Jahr 2005 erklärte die UN die Befreiung des KZ Auschwitz zum Internationalen Holocaust-Gedenktag. Daran erinnerte Jutta Fleckenstein, Kuratorin am Jüdischen Museum München, in ihrer Einführung zum diesjährigen Zeitzeugengespräch am vergangenen Sonntag.

Nach Bea Green-Siegel, Karl Rom und Hanna Zimmermann war dieses Jahr die gebürtige Münchnerin Ruth Meros eingeladen. Stimmen wie die ihre, betonte Stadtrat Florian Roth in seinem Grußwort, würden leider seltener, dabei seien sie in Zeiten wie diesen – er spielte auf die NSU-Morde an – wichtiger denn je.

vertrauensvoll Ruth Meros hat viel gesehen und erinnert sich genau an das sich stetig verschlechternde Klima in München ab 1933. Geboren wurde sie 1922 als zweites Kind von Emil und Alice Goldschmidt. Kaum zu glauben, dass die feine ältere Dame im 92. Lebensjahr steht. Auf die Fragen des Historikers Andreas Heusler antwortet sie präzise und vertrauensvoll, schließlich treffen sich die beiden regelmäßig zum Mittagessen. Dieses Mal sind eben – auf Einladung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Schalom und des Jüdischen Museums – sehr viele Zuhörer mit dabei.

Die Erinnerungstour führt zurück in die 1920er-Jahre, in eine gut situierte jüdische Familie, die seit den Urururgroßeltern in Deutschland beheimatet war. Der Vater, aus Nürnberg stammend, baute einen Großhandel für Schneiderbedarf in München auf. Was nach 1933 nicht durch »Zwangsarisierung« verloren war, verschlang seine Auslösung aus dem KZ Dachau.

Dass er im Ersten Weltkrieg verdienter Frontkämpfer gewesen war, hatte der Tochter Ruth nach 1933 noch den Besuch eines privaten Lyzeums ermöglicht. Doch die täglichen Schikanen von Lehrkräften und Mitschülerinnen hat die Zeitzeugin bis heute nicht vergessen. Bei der Direktorin setzte sie ihre Befreiung vom Sportunterricht durch, weil die Turnlehrerin jede Stunde mit einer judenfeindlichen Tirade begann. Unvergessen blieb ihr aber auch jene Lehrerin, die sie zum Kaffee zu sich einlud. »Das war ein Lichtblick in dieser Zeit.«

flucht Als Praktikantin im jüdischen Kindergarten bekam Ruth Goldschmidt eines Tages eine besondere Aufgabe. Gemeinsam mit Werner Kahnmann verpackte sie die Gemeindebibliothek. Kurz danach erfolgte im Juni 1938 der Abriss der Hauptsynagoge, in die sie immer mit der Mutter gegangen war. Und als im November 1938 die »Reichskristallnacht« über die Münchner Juden hereinbrach, war es fast zu spät für die Flucht: »Wir waren bettelarm. Mit zehn Mark pro Person sind wir ausgewandert«.

Zunächst ging es zu den Großeltern mütterlicherseits in die Schweiz, mangels Aufenthaltsrecht dann nach Palästina. Tochter Ruth, damals 17 Jahre, meinte auf die Frage nach Sprache, Mentalität und Klima der neuen Heimat: »Man hat sich gewöhnt, ich war jung, das war ein Vorteil.«

Nach München kam Ruth Meros Anfang der 1960er-Jahre, weil die Eltern alles rund um die »Wiedergutmachung« vor Ort klären mussten. Der Vater Emil starb, und Ruth Meros blieb mit Mann und Tochter Gabriella in München. Erst nach dem Tod der Mutter Alice 1979 kehrte sie nach Israel zurück. Bis heute sind Israel und München für sie Heimat: »Israel hat mich gerettet. Das werde ich nie vergessen.«

gestapo Am Montag legte Oberbürgermeister Christian Ude am neu gestalteten Platz der Opfer des Nationalsozialismus zu deren Gedenken einen Kranz nieder. Der Platz liegt schräg gegenüber dem im Zweiten Weltkrieg zerstörten Wittelsbacher Palais, in dem sich seit dem Jahr 1933 das Hauptquartier und das Gefängnis der Gestapo befanden.

Der Ort galt somit seit der Gewaltherrschaft der Nazis als ein Ort der Vernichtung. »Der Platz der Opfer des Nationalsozialismus ist nach dem Krieg sehr schnell benannt worden, aber erst 1965 bekam er einen Gedenkstein – und es dauerte noch einmal 20 Jahre, bis er mit dem großartigen Kunstwerk von Andreas Sobeck ein Denkmal erhielt, das buchstäblich herausragt«, erklärte Oberbürgermeister Christian Ude.

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