Hamburg

Mit Herz und Haltung

»Das Jewrovision-Fieber hat mich voll erwischt«: Alexandra Lachmann (26) aus Hamburg Foto: Michael Kohls

Hamburg

Mit Herz und Haltung

Alexandra Lachmann ist Musikerin und coacht Jugendliche für die Jewrovision

von Lorenz Hartwig  14.05.2026 08:28 Uhr

Bei uns zu Hause war Musik nie nur Hintergrund. Sie war immer da, hat Räume gefüllt, Geschichten erzählt und Menschen verbunden. Noch bevor ich Worte für das gefunden habe, was ich fühle, gab es Melodien, die es für mich ausdrücken konnten. Vielleicht beginnt deshalb alles genau dort – in meiner Familie, in den Klängen, mit denen ich aufgewachsen bin, und in einer Tradition, die weitergegeben wird, indem man sie spielt. Meine Familie stammt aus Kyjiw, alle kamen als Kontingentflüchtlinge nach Hamburg. Mit im Gepäck: die Klänge der osteuropäisch-jüdischen Volksmusik.

Mein Großvater ist ein begnadeter Geiger. Er gründete die Klezmerband »Familie Lachmann«, in der auch meine Mutter mitspielt. Anfangs trat die Gruppe vor allem im Freundeskreis auf, um die Musik der alten Heimat auch in der neuen lebendig zu halten. Die Erinnerung an meinen ersten Bühnenauftritt ist nur noch schemenhaft, meine Mutter weiß es noch ganz genau. Ich war drei Jahre alt, stapfte auf die Bühne, griff mir eine Trommel und begann loszulegen. Zur Verwunderung der Erwachsenen hielt ich erstaunlich sicher den Takt.

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Mein Großvater, der bereits in der Ukraine als Musiklehrer gearbeitet hatte, versuchte, mich für die Violine zu begeistern. Doch mein Herz schlug für die Gitarre. Seit meinem sechsten Lebensjahr spiele ich sie – und wurde so nach und nach zu einem festen Mitglied der Band. Ich bin meiner Mutter und meinem Großvater sehr dankbar, dass sie mich von Anfang an gefördert haben. Talent ist immer nur ein Startpunkt. Auf dem Weg braucht es immer Menschen, die ihr Können weitergeben und dabei helfen, das eigene Selbstvertrauen wachsen zu lassen. Und es braucht Selbstdisziplin.

Meine Liebe zum Klezmer hat mich am stärksten geprägt

Ich habe später in einer Jazzband gesungen, in einer Rock-’n’-Roll-Kinderband gespielt und im Schulorchester Klarinette gelernt. Während meines Studiums – Deutsch und Musik auf Grundschullehramt – habe ich außerdem mein Klavierspiel vertieft. Trotz dieser Bandbreite an Einflüssen hat mich meine Liebe zum Klezmer am stärksten geprägt. Es ist eine Musik voller Gegensätze, fröhlich und zugleich melancholisch. Sie packt einen und lässt dich nicht mehr los. In ihren Melodien stecken alte Geschichten und zeitlose Emotionen. Das reicht weit über die jüdische Kultur hinaus, weil darin das echte Leben spürbar wird. Vielleicht ist Klezmer genau deshalb so beliebt.

Das Rahmenprogramm mit Schabbatfeier, Events und Ausflügen stiftet ein magisches Wirgefühl.

Die Musik ist eine Chance, unsere Kultur zu vermitteln. Ohne große Erklärungen, einfach in gesungenen Melodien. Deshalb geht es mir auf der Bühne nicht darum, im Mittelpunkt zu stehen. Ich möchte die Menschen im Publikum bewegen. Mich erfüllt es, wenn mich jemand nach dem Konzert kurz zur Seite nimmt und mir sagt: Das hat mich bewegt, mein Herz ist aufgegangen, und ich war manchmal sogar zu Tränen gerührt. Das gibt mir die schönste Bestätigung und beweist mir immer wieder aufs Neue, dass Musik eine universelle Kommunikation ermöglicht. Sie baut Brücken über alle Grenzen hinweg.

Gleichzeitig tragen wir jungen jüdischen Musiker auch eine Verantwortung dafür, als nächste Generation das Erbe unserer Vorfahren weiterzugeben. Was ich von meiner Familie gelernt habe, möchte ich eines Tages auch meinen Kindern beibringen. Denn nur so bleiben die Lieder lebendig. Als staubige Notenblätter in Bibliotheken geraten sie in Vergessenheit.

Deshalb engagiere ich mich im Jugendzentrum Chasak und bin heute Teil des Coach-Teams, das die Talente der Hamburger Gemeinde auf ihren großen Auftritt bei der Jewrovision vorbereitet. In diese Rolle bin ich eher zufällig reingerutscht. 2013 sprachen mich nach einem Auftritt zwei Mädchen an und fragten, ob ich bei der Jewrovision im nächsten Jahr mitmachen will. Das Motto war damals Bar- und Batmizwa – daran erinnere ich mich noch genau. Wir starteten direkt mit den Proben. Ich dachte: ein, zwei Termine, dann steht das. Ziemlich naiv.

Der erste Auftritt auf der Bühne war überwältigend

Tatsächlich haben wir unzählige Stunden investiert, jede Bewegung, jeden Übergang bis ins Detail geplant. Ich bin komplett darin aufgegangen. Das Jewrovision-Fieber hat mich voll erwischt. Der erste Auftritt auf der Bühne war überwältigend. Aber fast noch stärker war alles drum herum. Ich habe Jugendliche aus ganz Deutschland kennengelernt, Freundschaften geschlossen, die bis heute halten. In meiner Schulklasse war ich die einzige Jüdin – und plötzlich Teil einer großen Gemeinschaft von Gleichaltrigen. Bis 2020 habe ich dann so ziemlich an jeder Jewrovision teilgenommen.

Seit mittlerweile drei Jahren unterstütze ich die Bühnenstars hinter den Kulissen und im Vorfeld der Show. Die Jugendlichen nehmen den Prozess von der ersten Idee bis zur fertigen Performance sehr ernst. Jedes Mal setzen wir uns das Ziel, etwas komplett Neues zu machen. Der kreative Prozess läuft extrem professionell ab. Wir »pitchen« uns, lange bevor das Motto überhaupt feststeht, die ersten Songideen, entwickeln Requisiten, erarbeiten Choreografie-Elemente und planen das Bühnenbild.

Kostüme sind natürlich ganz wichtig, aber auch Haare und Make-up sowie die Spezialeffekte wie Videoprojektionen. Sobald das Motto feststeht, arbeiten wir auf Hochtouren an der Bühnenshow. Allmählich steigt dann auch die Aufregung, und wir proben mindestens zweimal pro Woche. Es fühlt sich schon wie eine Weltmeisterschaft an, bei der die Jugendzentren jeweils ein Land repräsentieren.

Wir würden nicht einmal unserer besten Freundin verraten, woran wir arbeiten

Der Wettkampf spielt aber kaum eine Rolle. Wir freuen uns für jedes der anderen Jugendzentren, wenn eine Show besonders gelungen ist. Nur vor dem großen Auftritt gilt absolute Verschwiegenheit untereinander. Wir würden nicht einmal unserer besten Freundin verraten, woran wir arbeiten. Natürlich ist die Geheimniskrämerei ein Teil des Spaßfaktors. Wir sind eine große Familie, die sich einmal im Jahr versammelt und eine gute Zeit hat.

Wir arbeiten mit Humor, greifen TikTok-Tänze auf und nutzen Popsongs. Gleichzeitig vermitteln wir immer auch die kulturellen und religiösen Werte des Judentums in einer modernen Form. Genau darin liegt die besondere Faszination. Jahrtausendealte Inhalte fühlen sich plötzlich zeitgemäß an und werden niedrigschwellig zugänglich, unabhängig davon, wie religiös die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Hause leben.
Das prägt viele auch über die Jugend hinaus. Ich bin selbst das beste Beispiel. Für mich ist die Jewrovision ein Ort, wo ich meinen Akku für das ganze Jahr mit jüdischem Spirit aufladen kann. So geht es vielen, denn das Rahmenprogramm mit gemeinsamer Schabbatfeier, Events und Ausflügen stiftet ein magisches Wir-Gefühl.

Wir feiern unsere Traditionen lautstark, bunt und vielfältig. Ganz egal, wie andere das finden.

Mit Blick auf die Ablehnung, die jüdisches Leben an vielen Orten in Deutschland erfährt, ist die Jewrovision eine kleine Form des Widerstands. Wir feiern unsere Traditionen lautstark, bunt und vielfältig. Ganz egal, wie andere das finden. Wir sind stolz auf das, was uns ausmacht. Gerade für die Jugendlichen ist das ein Akt der Selbstbehauptung. Hier bin ich, das ist unsere Bühne, alle Scheinwerfer an. Ich bin jüdisch und muss mich nicht verstecken.

Eines Tages erhielt ich eine Mail von Emanuel, dem Leiter des Jewish Chamber Orchestra

Auch mir bedeuten diese Momente für mein musikalisches Schaffen viel. Für einen bin ich besonders dankbar. Eines Tages erhielt ich eine Mail von Emanuel, dem Leiter des Jewish Chamber Orchestra. Er fragte mich, ob ich im Rahmen der Konzertreihe »Büschen Meschugge« in der Elbphilharmonie auftreten wolle. Ich muss gestehen, bis dato war ich dort nicht einmal als Gast gewesen. Den ersten Besuch gleich auf der Bühne zu erleben, war ein Traum, den ich mich nicht getraut hatte zu träumen. Das war eine große Ehre. Und meine stolze Familie zu sehen, die mich dorthin gebracht hat, war einfach ein Geschenk.

Seit meinem Masterstudium sammle ich am Joseph-Carlebach-Bildungshaus Praxiserfahrung als Lehrerin. Hier erlebe ich jeden Tag, was passiert, wenn Kinder lernen, an sich selbst zu glauben. Dass ich heute vor einer Klasse stehe und meine Leidenschaft für Musik weitergebe, hat zwei Gründe. Meine Familie hat sie in mir geweckt. Und durch die Jewrovision habe ich erlebt, welche Magie in einem gemeinsamen »Das haben wir geschafft« steckt und was das in Kindern auslösen kann. Ich denke, es ist ganz einfach: Man kann nur lehren, was man selbst liebt.

Aufgezeichnet von Lorenz Hartwig

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